• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

StartseiteBüchermarktEvolution der Technik29.04.2010

Evolution der Technik

Karl Olsberg: "Schöpfung außer Kontrolle". Aufbau Verlag

Ist das Internet durch Schöpfung entstanden oder durch Evolution? Karl Olsberg befreit in "Schöpfung außer Kontrolle" den Begriff der Evolution von biologischen Zwängen und wendet ihn auf technische Entwicklungen an.

Von Matthias Eckoldt

Evolution in der Raumfahrt (Wikipedia)
Evolution in der Raumfahrt (Wikipedia)

"Es ist der Zweck dieses Buches zu zeigen, dass wir nicht die Krone der Schöpfung sind, sondern ihre Diener. Wir werden Argumente dafür diskutieren, dass Städte, Autos und Fernseher nicht gezielt von uns geschaffen wurden, sondern durch denselben Evolutionsprozess entstanden sind, der auch alle Lebewesen einschließlich uns selbst hervorgebracht hat. Dass wir im Grunde nur Vermehrungshelfer für Dinge sind, die wir herstellen."

So steigt Karl Olsberg in sein Buch "Schöpfung außer Kontrolle" ein. Seine These, dass nicht wir die Technik, sondern vielmehr die Technik uns benutzt, hebt sich in ihrer Schärfe erst einmal wohltuend von dem mediokren Geraune der selbst ernannten Gegenwartsdiagnostiker von Michael Jürgs über Richard David Precht bis Michael Schmidt-Salomon ab. Olsberg gelingt es rasch, den Leser in seinen Bann zu ziehen. Mit beredten Beispielen und einer schnörkellos-uneitlen Sprache räumt er mit geläufigen Vorurteilen auf dem Gebiet der Evolutionsforschung auf und stellt die Frage, wer oder was sich denn eigentlich in der biologischen Evolution kopiert. Die Arten, also die Elefanten und Eidechsen und Spinnen und Mehlwürmer? Nein, es sind nicht die Arten, sondern es sind die Gene. Die "egoistischen Gene", wie Richard Dawkins in seinem bahnbrechenden Buch gleichen Titels darlegte. Olsberg erläutert die Einsichten des britischen Zoologen und folgert, dass die Evolution offensichtlich auf unbelebte Materie wirken und - in diesem Fall sogar - zielen kann. Schließlich sind Gene selbst nicht lebendig. Die Arten wären dann nicht mehr als bunter Zierrat im Kampf der Gene um ihre Fortschreibung. An dieser Stelle wird das Buch jedoch nicht vom paranoischen Fieber der Science-Fiction-Fantasien erfasst. Olsberg geht es nicht um Verschwörungstheorien, die den Menschen als Sitz intelligenter Parasiten sehen. Er bleibt auf rationalem Kurs und bemüht sich, unseren Begriff von Evolution zu weiten:

"Das Evolutionsprinzip ist kein biologisches Prinzip, sondern ein mathematisches Prinzip und es basiert auf einem sehr einfachen Zusammenhang: nämlich aus den drei Faktoren Reproduktion, Mutation und Selektion. Also der Vervielfältigung, der dabei entstehenden Abweichung und schließlich der Auswahl derjenigen Elemente, die dann weiter vervielfältigt werden. Dieses Prinzip ist mathematisch sehr einfach auszudrücken und es gilt auch immer dann, wenn diese drei Faktoren zutreffen. Man kann sehr leicht zeigen, dass das in der Wirtschaft der Fall ist, in der Entwicklung von Technik der Fall ist, aber auch zum Beispiel beim Weitererzählen von Witzen."

Der Evolutionsprozess als solcher ist jedoch weder steuerbar, noch vorhersehbar. Weder die Gene noch die Technik, wissen, wo es hingehen soll. Und erst recht nicht wir Menschen, könnte man mit polemischer Schärfe hinzufügen, die jedoch nicht Olsbergs Sache ist. Der Autor von "Schöpfung außer Kontrolle" agiert zu Beginn seines Buches auf dem Boden einer sachorientierten Argumentation. Er lässt das aufgeworfene Problem und das jeweilige Lösungsangebot für sich sprechen und verliert sich nicht in rhetorischen Volten. So macht Olsberg das Überraschende technischer Innovationen am Bespiel des Internets deutlich. Diese heute nicht mehr wegzudenkende Kommunikationsplattform geht eben nicht auf den Einfall eines cleveren Geschäftsmannes oder zumindest eines Softwareentwicklers zurück. Die dezentrale Struktur des Internets sollte lediglich dem Schutz des Militärs dienen und ermöglichen, dass im Falle eines feindlichen Atombombenangriffs die nicht betroffenen Standorte weiterhin miteinander in Kontakt bleiben konnten. Seine Erfolgsgeschichte hatte weder jemand planen, noch vorhersehen können. Adäquat dem Entstehen der vernunftbegabten menschlichen Spezies oder dem Aussterben der Dinosaurier. Olsberg folgert aus diesen und anderen Beispielen, dass die Technik uns Menschen benutzt, um ihre eigene Evolution zu betreiben, um also vervielfältigt, variiert und selektiert zu werden.

"Technik braucht uns, um vervielfältigt zu werden. Diejenigen Dinge, die sich am meisten vervielfältigen können, die sind erfolgreich. Das ist das Evolutionsprinzip. Und das heißt wiederum, die Maschinen müssen uns dazu bringen, dass wir sie vervielfältigen und müssen uns irgendwas dafür bieten. Und dieses Etwas wird uns immer häufiger in Form von Scheinvorteilen verkauft. Diejenigen Produkte, die uns dazu bringen, dass wir sie haben wollen, die vervielfältigen sich auch. Unabhängig davon, ob das gut für uns ist. Daraus kann man ableiten, es gibt viel zu viel Schokolade auf der Welt, viel mehr als für uns Menschen eigentlich nützlich und gut wäre. Es gibt Atombomben, es gibt harte Drogen, es gibt Computerspiele, die Jugendliche abhängig machen. Einfach deswegen, weil diese Produkte uns dazu gebracht haben, dass wir sie vervielfältigen, nicht, weil wir sie wirklich brauchen."

Nach und nach schleichen sich jedoch in den Gang der Untersuchung immer mehr Unschärfen ein. So verwendet Olsberg die gesamte Produktwelt synonym für Technik. Schokolade aber, um die von ihm selbst erwähnten Beispiele zu nehmen, ist genauso wenig mit Technik gleichzusetzen wie harte Drogen. Ein solcherart geweiteter Technikbegriff büßt an Erklärungspotenzial ein und hätte, wenn er bewusst gewählt und diese Unsauberkeit dem Autor nicht einfach nur unterlaufen ist, explizit definiert werden müssen.

Doch es gibt noch ein gravierenderes Störfeuer, das sich Olsberg durch die Verwendung des Begriffs Meme selbst organisiert. Anstatt sein Thema eng zu führen und tatsächlich die Mittel und Wege zu verfolgen, die Technik wählt, um Evolutionsvorteile zu erlangen, wendet sich Olsberg in der zweiten Hälfte seines Buches der sogenannten memetischen Evolution zu. Olsberg definiert:

"Ein Mem ist eine Menge von Informationen, die den Zustand eines Empfängers dieser Informationen so verändern kann, dass er sie durch sein Verhalten oder durch Informationsübertragung an andere Empfänger weitergibt."

Mit der Einführung dieses auch vom Evolutionsbiologen Richard Dawkins geprägten Begriffs vergaloppiert sich Olsberg in seiner Darstellung. Er verliert seine scharfe Eingangsthese immer weiter aus den Augen, da er sich nun an der Evolution der Meme abarbeitet. Dieses Thema, das ein eigenes Buch beanspruchen würde - von dem es nebenbei gesagt bereits mehrere gibt - umreißt die Frage, inwiefern die Informationsanhäufung und -weitergabe innerhalb einer Kultur ebenso wie die der Gene und der Technik evolutionären Mustern folgt und gipfelt in der Feststellung, dass sich auch die Meme egoistisch verhalten. Moden, künstlerische und wissenschaftliche Paradigmen oder Melodien versuchen ständig in den Hirnen der Menschen Fuß zu fassen, um kopiert, variiert und schließlich selektiert zu werden. Ungeachtet dessen - das wird besonders bei negativen Memen wie rassistischen oder terroristischen deutlich - was sie mit den betroffenen Menschen anrichten. Auch diese Passagen versteht der Autor plastisch darzustellen, nur wartet man als Leser mit wachsender Ungeduld auf eine Wendung, mit der Olsberg doch noch den Bogen zu seinem eigentlichen Thema findet. Leider bleibt sie aus, und das Buch endet mit einem Appell an die Selbstverantwortlichkeit des Menschen, der sich vor dem Hintergrund von Olsbergs Eingangsthese erst einmal merkwürdig ausnimmt. Der Autor plädiert dafür, dass wir "jede Produktwahl bewusst treffen" und "den Verlockungen der Technik widerstehen" lernen. Seine Idee dabei ist, dass wir Menschen, die ja durch unsere Kaufentscheidungen die Selektion der technischen Produkte betreiben, auf diese Weise doch einen gewissen Einfluss auf die Evolution der Technik bekommen könnten. Bei aller intellektueller Originalität, die in "Schöpfung außer Kontrolle" immer wieder aufblitzt - ein Blick auf die überfüllten Apple-Stores bei der Markteinführung des iPads stimmt skeptisch, ob unserer gegenwärtigen technikaffinen Existenz durch Olsbergs Verhaltenkodizes beizukommen ist.

Karl Olsberg: "Schöpfung außer Kontrolle - Wie die Technik uns benutzt"
Aufbau Verlag, 297 Seiten, 19,95 Euro

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk