Freitag, 15.12.2017
StartseiteBüchermarktEwiger Krieg für ewigen Frieden. Wie Amerika den Hass erntet, den es gesät hat21.01.2003

Ewiger Krieg für ewigen Frieden. Wie Amerika den Hass erntet, den es gesät hat

EVA, 131 S., EUR 13,50

<em> Eine Republik ist unvereinbar mit einem Imperium! Man kann nicht beides haben!" Amerika aber hat ganz bewusst ein Imperium aufgebaut und es hat damit bereits 1898 begonnen, als es Krieg gegen Spanien führte und die Philippinen besetzte. In den letzten 50 Jahren allerdings ist dieser imperiale Prozess in eine entscheidende Phase getreten. Was ich "Ewigen Krieg für Ewigen Frieden" nenne, wurde mit der Präsidentschaft Trumans bestimmend für die amerikanische Außenpolitik. Er steht am Anfang des Kalten Krieges. Die Entscheidung fiel 1947. Unser damaliger Außenminister Dean Atchison spielte unseren Metternich, er war der Baumeister des heutigen amerikanischen Imperiums. Er entschied, dass Amerika überall auf der Welt Präsenz zeigen müsse. Das ist jetzt schon fünfzig Jahre her und heute, lange nach dem Ende des Kalten Krieges droht ein anderer amerikanischer Präsident, den Irak anzugreifen, der für die USA alles andere als eine wirkliche Bedrohung darstellt. Wir machen uns überall Feinde und klagen dann, was ist das für eine gefährliche Welt! Sie entwickeln Atomwaffen, biologische Waffen, Massenvernichtungswaffen. Eines Tages werden sie uns umbringen! In Wirklichkeit aber geht es nur darum, dass das Geld weiter ins Pentagon strömt. So einfach und so unaufrichtig ist das.</em>

Stefan Fuchs

In nahezu allen seinen Stellungnahmen geht es Gore Vidal um eine militante Gegengeschichte zur offiziellen amerikanischen Geschichtsschreibung. Das gilt für seine historischen Romane, in denen amerikanische Präsidenten von Lincoln bis Eisenhower in entlarvenden Nahaufnahmen gezeigt werden. Das gilt noch sehr viel mehr für die Essays und Artikel, in denen der Historiker Gore Vidal die Ereignisse der Zeitgeschichte in ein analytisches Säurebad taucht, um, - wie er sagt -, die "imperialen" Glanzschichten aufzulösen. Der schmale Band "Ewiger Krieg für Ewigen Frieden" vereinigt sieben dieser Aktualitätsbezogenen Texte. Unter ihnen ist jener inzwischen berühmte Essay zu den Geschehnissen des 11. September, der Gore Vidal in den Vereinigten Staaten endgültig zur persona non grata machte. Selbst die linksliberale "Nation" lehnte eine Veröffentlichung ab. Der Text musste zuerst in Italien erscheinen. Die Aufregung ist verständlich, sieht Vidal George Bushs "Krieg gegen den Terror" doch als vorläufig letzte Etappe jenes "Ewigen Krieges", der mit dem Kalten Krieg begann und dem das "Imperium USA" seine Existenz verdankt.

Zwei- bis dreihundert einseitige Militärinterventionen habe ich in meinem Buch aufgelistet, mit denen unsere Streitkräfte seit 1948 gegen Länder vorgingen, die in keiner Weise eine Bedrohung für die Vereinigten Staaten darstellten. Gegen Panama oder Guatemala zum Beispiel, wo wir demokratisch gewählte Regierungen stürzten. Im Iran beteiligten wir uns am Putsch des Schah gegen die Regierung Mohammad Mossadeghs. Und immer waren die Folgen katastrophal, immer wuchs der Hass auf Amerika in diesen Ländern. Ich bin ein Überbleibsel der alten amerikanischen Republik und kann nicht einfach zusehen, wie sie zerstört wird. Der 11. September war ja erst der Anfang, irgendwann wird uns jemand richtig in die Luft sprengen. Wir jammern immer über die Feinde, die wir überall haben. Aber die haben wir uns doch selbst geschaffen. In der nächsten Episode geht es um die Eroberung der Ölvorkommen Eurasiens. Unser Hauptquartier wird in Kabul sein, vom Persischen Golf aus werden wir in Pakistan einrücken und weiter nach Usbekistan, wo wir bereits Luftstützpunkte bauen. Wir werden dieses Öl bekommen!

"Bekommen" wird das Öl im Irak und rund um das Kaspische Meer natürlich nur eine schmale Macht- und Wirtschaftselite in den Vereinigten Staaten, der es im Windschatten dieses permanenten Kriegszustands gelungen ist, das politische System weitgehend unter ihre Kontrolle zu bringen. Mit schneidender Ironie seziert Gore Vidal den Verfall der demokratischen Institutionen seines Landes, die schleichende Entmachtung der Legislative, die Korruption der Parteien, die Entpolitisierung der Gesellschaft. Demokraten und Republikaner sind für ihn nur die beiden Flügel einer Einparteiendemokratie. Nicht um politische Programme wird gerungen sondern um Milliarden Dollar Spendengelder für sündhaft teure Wahlkampagnen.

Die Parteien müssen sich an den General Electric Konzern, an Boeing, an die Ölmultis wenden, um all dieses Geld für den Wahlkampf im Fernsehen zusammenzubekommen. Hier liegt der Ursprung der Korrumpierung des politischen Systems. Diese Unternehmen regieren das Land, kaufen sich den Kongress, kaufen sich ihren Präsidenten. Sie haben einen Faible für den "Ewigen Krieg", weil er die Steuergelder in ihre Kassen fließen lässt. Die Interessen der Mehrheit sind ihnen gleichgültig. Deshalb hat die Hälfte der Amerikaner aufgehört, an Präsidentschaftswahlen teilzunehmen, man geht nicht mehr zur Wahl, weil es ohnehin sinnlos ist.

Seit einem halben Jahrhundert gibt es ein imperiales Projekt in der US-Außenpolitik, dass die demokratischen Institutionen der alten amerikanischen Republik langsam aber sicher von innen heraus aushöhlt: das ist die Grundthese Gore Vidals. Und die Belege, die er dafür anführt, sind überwältigend. Der Dauerkriegszustand hat in diesem halben Jahrhundert die unglaubliche Summe von sieben Trillionen Dollar in die Rüstung fließen lassen und zum Entstehen eines Politik und Wirtschaft dominierenden militärisch-industriellen Komplexes geführt. Von McCarthys Fünfter Kolonne über Fidel Castro bis zu den Sandinisten: propagandistisch ausgeschlachtete Bedrohungszenarien, unter denen der 11. September nur das letzte in einer langen Reihe ist, haben in all diesen Jahren die Politik gegen die Interessen der Mehrheit erleichtert. Das Gewirr von parallel operierenden Geheimdiensten und Polizeikräften hat sich längst jeder politischen Kontrolle entzogen. Wie Gore Vidal sagt, ist es ein langer Weg, von Jeffersons Unabhängigkeitserklärung bis zur Bombardierung Bagdads und auf der Strecke blieben nicht zu letzt große Teile der "Bill of Rights".

Den Polizeistaat haben wir bereits. Und ich denke, er wird weiter Metastasen bilden. Man muss nur sehen, was mit den Gefangenen geschieht, die man in Guantanamo auf Kuba in Käfige gesperrt hat. Keiner von ihnen Amerikaner, keiner untersteht der amerikanischen Justiz. Sicher ist, dass der "Krieg gegen den Terror" die Aushöhlung der Bürgerrechte weiter vorangetrieben hat. Bereits 1996 nach dem Bombenanschlag von Oklahoma-City hatte Präsident Clinton Antiterrorgesetze unterschrieben, die beispielsweise den Einsatz des Militärs gegen die Zivilbevölkerung gestatten. Heute haben wir Geheimpolizeien, die jährlich zwei Millionen Telefongespräche abhören, und die buchstäblich niemandem Rechenschaft schuldig sind. Das erste was man im Dunstkreis der Macht in Washington lernt, ist, wie wenig Kontrolle es gibt. Die CIA tut das eine, das FBI etwas anderes, manchmal kommen sie sich in die Quere, manchmal behindern sie sich gegenseitig: eine endlose Geschichte und niemand unternimmt etwas dagegen.

Kein Zweifel für Gore Vidal, dass auch der von den USA weltweit mit militärischen Mitteln geführte Drogenkrieg zu den Verwicklungen des "Ewigen Krieges" zu zählen ist. Innenpolitisch hat er zur Militarisierung der Polizei und zum Aufbau eines gewaltigen Repressionsapparats geführt. 5% der Bevölkerung leben gegenwärtig in den USA in Gefängnissen. Der weitaus größte Teil von ihnen aufgrund von Delikten im Zusammenhang mit Drogen. Grundrechte wie die Unverletzlichkeit der Wohnung wurden für den Drogenkrieg bereits geopfert. In der nächsten Etappe sollen Arbeitnehmer Zwangstests auf Drogenkonsum unterworfen werden. Aber auch geostrategisch ist die Drogenfront für Gore Vidal ein willkommenes Instrument des US-Imperiums.

Die Drogenbekämpfung dient als Vorwand für militärische Interventionen überall auf der Welt. Drogen sind ein medizinisches Problem und kein militärisches. Aber wir haben diesen fatalen Hang, alles zu militarisieren und überall militärische Kontrolle auszuüben zu wollen. Ich erinnere mich an das Kolumbien meiner Jugend, damals war es ein demokratisches, fast ein europäisches Land. Heute herrscht dort das Chaos. Guerillagruppen und bewaffnete Milizen bekriegen sich gegenseitig. Das ist das Werk der CIA und der Drogenbehörde. Wir sollten dort gar nicht sein. Wenn man die Drogen wirklich unter Kontrolle bringen will, sollte man sie legalisieren.

Als Urgestein der amerikanischen Republik im Geiste ihrer Gründungsväter zeigt sich Gore Vidal, wenn er von einem Rückzug der Vereinigten Staaten auf das eigene Territorium träumt, wenn er der Bundesregierung in Washington Macht entziehen und die Einzelstaaten wieder stärken will. Das ist ein Ausweg aus den Verstrickungen des "Ewigen Krieges", den die fortgeschrittene Globalisierung sicher nicht mehr bietet. Auch die unter amerikanischen Historikern beliebte Parallele zum Römischen Imperium trägt nicht wirklich zum Verständnis des gegenwärtigen Unilateralismus der Vereinigten Staaten bei. Mancher Leser wird sich auch am polemischen Grundton der Essays stören. Aber wer sich mit NBC, der "New York Times" und dem "Wallstreet Journal" anlegt, kann das sicher nicht in der Sprache eines historischen Oberseminars tun. Unbedingt ernst zu nehmen aber, sind die Mahnungen, die Gore Vidal vor allem an Europa richtet: die Demokratie Amerika ist dabei sich in das Imperium USA zu verwandeln, fraglich ist dabei eigentlich nur noch, wie weit diese Metamorphose schon fortgeschritten ist.

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