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StartseiteInterview"Deutschland ist ein sehr wichtiger Partner"20.04.2018

Exklusiv-Interview mit Bill Gates"Deutschland ist ein sehr wichtiger Partner"

Auch wenn er in diesem Jahr 63 Jahre alt wird: An Ruhestand denkt Microsoft-Gründer Bill Gates nicht. "Ich habe noch viele Ziele vor mir, etwa die Beseitigung von Malaria – das wird noch etwa 20 Jahre dauern", sagte er im Dlf. Außerdem lobte er das deutsche Engagement als Geberland.

Bill Gates im Gespräch mit Klaus Remme

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Bill Gates, Co-Vorsitzender der Bill & Melinda Gates Stiftung und Mitgründer der Firma Microsoft, nimmt am 25.01.2018 an der jährlichen Tagung des Weltwirtschaftsforums (WEF) in Davos (Schweiz) teil. In dem Schweizer Alpenort diskutieren noch bis zu diesem Freitag mehr als 3000 Teilnehmer aus Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft unter dem Motto «Für eine gemeinsame Zukunft in einer zerrütteten Welt». (dpa / picture alliance / Gian Ehrenzeller)
Bill Gates beim Weltwirtschaftsforum in Davos (dpa / picture alliance / Gian Ehrenzeller)
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Klaus Remme: Mr. Gates, es sind Ihre ersten Gespräche mit der neuen Bundesregierung, einige Gesichter sind vertraut, andere neu, was erwarten Sie, was wollen Sie los werden?

Bill Gates: Deutschland ist ein sehr wichtiger Partner bei der Arbeit unserer Stiftung, wo es vor allem darum geht, den armen Ländern dabei zu helfen, sich zu verbessern, vor allem allen Kindern Zugang zu den wichtigen und sehr effizienten Impfstoffen zu verhelfen. Besonders hat Kanzlerin Merkel auch geholfen, die Gavi-Refinanzierungskonferenz bei der Impfallianz zu unterstützen. Ich werde mit Ministern sprechen, auch mit der Kanzlerin darüber, wie wir die Gesundheit für die Kinder weltweit verbessern können. Wir planen auch ein sehr wichtiges Treffen im Oktober dieses Jahres, wo es um Weltgesundheit gehen soll, zusammen mit dem World Health Summit [*].

Kindersterblichkeit konnte um mehr als 50 Prozent gesenkt werden

Remme: Was heißt das, wenn Bill Gates sagt, erfolgreich?

Gates: Wohl das wichtigste Erfolgskriterium ist die Gesundheit der Kinder weltweit. Als unsere Stiftung gegründet wurde, starben mehr als zehn Millionen Kinder unter dem Alter von fünf pro Jahr an vor allem Malaria, Durchfallerkrankungen und Lungenentzündung. Dank neuer Medikamente und neuer Impfstoffe konnten wir diese Rate um mehr als 50 Prozent senken – weniger als fünf Millionen Kinder sterben jetzt jährlich, ein riesiger Fortschritt. Wir werden versuchen, dieses noch erneut um die Hälfte zu reduzieren.

Remme: Was ist Ihr wichtigstes gemeinsames Projekt mit dem Entwicklungshilfeministerium?

Gates: Wir fördern eine ganze Reihe von unterschiedlichen Projekten, insbesondere wenn es darum geht, Bauern besseres Saatgut zu verschaffen. Das BMZ und auch wir sind der Meinung, dass die Steigerung der landwirtschaftlichen Produktivität in den armen Ländern Afrikas einen bedeutenden Fortschritt bringen wird, insbesondere für die Frauen. Ferner wollen wir die sanitären Anlagen verbessern, denn schlechte sanitäre Anlagen führen zur Übertragung von Krankheiten. Wir gehen dann die Liste unserer Projekte durch - die Partnerschaft mit dem Global Fund ist von ganz entscheidender Bedeutung, um Zugang zu diesen Wundermedikamenten zu verschaffen. Mehr als zehn Millionen Menschen leben dank der Arbeit des Global Fund - Deutschland und unsere Stiftung sind die wichtigsten Geldgeber für den Global Fund.

Stabilität der afrikanischen Länder unterstützen

Remme: Das politische Umfeld wird immer schwieriger: Syrien, der Nahe Osten, Iran, Nordkorea. Sie konzentrieren sich auf Afrika, sind wir da im Moment allzu sehr abgelenkt?

Gates: Es stimmt, dass solche Krisen in der reichen Welt wie etwa die Finanzkrise dazu führen, dass die Menschen sparsamer mit ihrer Zeit und mit ihrem Geld umgehen und den ärmsten Ländern nicht mehr so stark helfen wollen. Es stimmt natürlich auch, dass es wichtig ist, all den Flüchtlingen zu helfen im Nahen Osten, die Bürgerkriege, die am laufen sind, zu beenden. Dennoch bleibt es ganz wichtig, dass wir, gerade weil wir als reiche Welt genug Mittel haben, um auch dem ärmsten Kontinent zu helfen, Afrika weiterhin unterstützen. Mehr als dreiviertel des Bevölkerungswachstums der Welt wird in Afrika stattfinden, umso wichtiger ist es, dass wir Stabilität in diesen Ländern unterstützen, dass wir die Menschen dazu bewegen, in ihren Ländern zu bleiben und dort mehr Wohlstand zu genießen.

USA: Keine Einschnitte bei konkreten Maßnahmen

Remme: Es ist völlig klar, dass die Vereinten Nationen oft blockiert sind, Donald Trump zeigt seine Verachtung für multilaterale Ansätze deutlich. Vor einem Jahr, im Februar, waren sie noch vorsichtig mit Kritik. Inwieweit schadet die Politik Donald Trumps Ihrer Arbeit?

Gates: Man muss hier klarstellen, im amerikanischen System wird der Haushalt durch den Kongress, nicht durch den Präsidenten oder die Regierung festgelegt. Trotz aller Besorgnisse und trotz unangemessener Worte, die wir gehört haben, ist die Entwicklungshilfe, insbesondere auch beim neusten Haushaltsentwurf, über die nächsten Jahre hinweg gleich geblieben. Das wird ohne jeden Zweifel also beibehalten, es gibt keine Einschnitte. Und selbst wenn ich besorgt bin, wenn man von "America first" spricht und es so scheint, als würde man humanitäre Hilfe und die Partnerschaft Amerikas mit der EU und anderen Partnern zurückfahren, so gilt doch, dass es keine Einschnitte bei konkreten Maßnahmen gibt.

Remme: Also Sie sind beruhigt?

Gates: Ja, ich weiß, und das ist auch eine gute Nachricht: Die Mitglieder des Kongresses haben sich dagegen ausgesprochen, dass Amerika sich vom Global Fund zurückzieht, der so wunderbare Arbeit bei der Bekämpfung von HIV leistet.

Remme: Angela Merkel reist nächste Woche nach Washington. Für Sie, Bill Gates, wird Deutschland immer wichtiger. Sind Sie auf der Suche nach Partnern, die mögliche Kürzungen Washingtons wettmachen?

Gates: Die USA sind und bleiben das größte Geberland, ohne jeden Zweifel, aber Deutschland schickt sich an und sollte auch stolz darauf sein, dass angesichts der großen Herausforderungen es knapp vor Großbritannien das zweitgrößte Geberland wird, zum Teil bedingt durch die erheblichen Flüchtlingskosten, aber es ist schon wunderbar zu sehen, wie stark Deutschland eine Rolle spielt, um neue Impfstoffe für Kinder bereitzustellen, um die Todesfälle durch HIV zu bekämpfen. Und wir haben sogar im Oktober dieses Jahres ein großes Treffen in Berlin anberaumt, dort werden wir die besten Wissenschaftler Deutschlands und die Zivilgesellschaft zusammenzubringen versuchen, um die Fortschritte zu feiern, aber auch um zu schauen, welche Herausforderungen noch mehr Einsatz von uns verlangen.

Remme: Sie wollen ein Büro in Berlin eröffnen, warum jetzt und wann genau?

Gates: Wir werden in diesem Herbst dazu Näheres bekannt geben, wir werden das auch mit einer kleinen Feier würdigen. Es geht um eine ganze Reihe von Partnerschaften im Bereich Forschung, im Bereich Hilfeleistung. Wir stellen fest, dass Deutschland sein Engagement im Bereich Afrika aufstockt, dass Afrika eben seine Lage verbessern kann. Es gibt viele gute Ideen, eine davon ist eine Art Marshallplan. Wir wollen Teil davon sein, wir wollen unsere Mittel zur Verfügung stellen. Unser Team, das wir hier haben, ist wirklich ein sehr großartiges Team.

Remme: Das Büro in London bleibt natürlich, ist das auch eine Antwort auf Brexit?

Gates: Ja, das stimmt. Nun, ich gehe davon aus, dass es gerade angesichts des Brexit noch wichtiger wird. Wir werden nicht nur von London aus die Dinge beobachten, sondern wir haben auch Teams in Brüssel und Paris [*] - Berlin, Paris, Brüssel, London werden wir für uns alles wichtige Städte sein.

"Die Welt insgesamt zu einem gerechteren Ort zu machen"

Remme: Wenn Sie jetzt in Berlin sind mit einem Büro, dann werden Sie sichtbarer, auch für Kritik, die es gibt: eine allzu starke Rolle Ihrer Stiftung in der WHO, problematische Partner wie Monsanto, Ihre Skepsis in Bezug auf den Atomausstieg. Zucken Sie da mit den Achseln oder nehmen Sie das ernst?

Gates: Kritik ist immer ein wichtiger Teil des Spiels. Wenn jemand meint, dass wir falsche Prioritäten setzen oder wissenschaftliche Ergebnisse vernachlässigen, gut, dann sollen sie wirklich diese Kritik äußern. Glücklicherweise können wir dank des Erfolgs von Microsoft und des Fonds von Warren Buffett tatsächlich viel dazu tun, etwas zurückzugeben, die Welt insgesamt zu einem gerechteren Ort zu machen, und wenn irgendwelche Ideen uns vorgebracht werden, finde ich das immer sehr interessant.

Remme: Jetzt sind Sie auf keinen konkreten Vorwurf eingegangen: Dominanz in der WHO, Monsanto - was trifft Sie da?

Gates: Ja, ich würde mir wünschen, dass mehr reiche Menschen ihren Reichtum der WHO gäben. Der Kampf gegen Malaria oder HIV-Todesfälle ist sicherlich nicht das Schlechteste, wir haben aber kein Stimmrecht bei der WHO, wir vertreten die Wissenschaft, wir sind Teil der Diskussionen. Die WHO ist außerordentlich wichtig, und deswegen sind wir auch ein so überragend wichtiger Geldgeber geworden. Was nun die neuen Saatgutmarken angeht, auch die genveränderten Saatgutmittel - manche äußern sich ja dagegen, wir sind weit davon entfernt, Europa vorzuschlagen, es sollte seine Politik in dieser Hinsicht ändern. Aber wenn man so verheerende Krankheiten etwa bei Maniok oder auch bei Mais mittlerweile in Afrika sieht, wenn die Länder Unterernährung und Todesfälle zu gewärtigen haben wegen dieser Einbußen, dann muss es doch diesen Ländern möglich sein, eigene Entscheidungen zu treffen und sich der Ergebnisse der Forschung zu bedienen.

Und zum Schluss Buchtipps von Bill Gates

Remme: Am Ende dieses Interviews: Sie in der Sonne mit Buch im Park, das kann ich mir schwer vorstellen. Kommen Sie zum Lesen, was lesen Sie gerade?

Gates: Ich habe großes Glück. In meiner Jugend war ich bis über den Kopf immer in Arbeit versunken, ich glaubte nicht an Urlaub, aber zum Glück haben meine Frau und meine Kinder mich jetzt auf den Pfad des rechten Lichtes gebracht, und ich habe kürzlich sogar einen Frühlingsurlaub gehabt. Ich würde als Spitzenempfehlung Hans Roslings Buch "Factfullness" nennen. Da hat er selbst, ein Freund von mir, der leider verstorben ist, zusammen mit seinem Sohn und seiner Schwiegertochter Fakten zusammengetragen, was man vielleicht allgemein nicht weiß und wo man mehr tun könnte. Das zweite Buch, das ich empfehlen möchte, ist von Steven Pinker, "Enlightenment Now". Hier geht es um diese Ziele, wie es weniger Todesfälle gibt, wie man länger leben kann, wie man mehr Bildung sichern kann und was wir alle tun können, um mehr Fortschritt herbeizuführen.

Remme: Sie werden 63 dieses Jahr - wenn Sie nicht an Urlaub glauben, was halten Sie von Ruhestand?

Gates: Ich sehe mich nicht auf dem Altenteil. Ich habe noch viele Ziele vor mir, etwa die Beseitigung von Malaria - das wird noch etwa 20 Jahre dauern. Vorausgesetzt, dass ich mich weiterhin guter Gesundheit erfreue, werde ich aktiv bleiben. Ich glaube, ich werde mich dieser Aufgabe für den Rest meines Lebens widmen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.


(*) Anmerkung der Redaktion: An zwei Stellen haben wir Formulierungen in der deutschen Übersetzung des Interviews mit Bill Gates präzisiert. Die Audiofassung entspricht weiterhin der gesendeten Fassung.

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