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Exodus am MOCA

Künstler verlassen das Museum of Contemporary Art in Los Angeles

Sacha Verna im Gespräch mit Christoph Schmitz

Das populistische Konzept von Jeffrey Deitch ist umstritten.
Das populistische Konzept von Jeffrey Deitch ist umstritten. (Holger Kroker)

Die rein kommerzielle Politik des seit zwei Jahren amtierenden Direktors des Museum of Contemporary Art in Los Angeles, Jeffrey Deitch, stößt auf Kritik. Nachdem bereits Teile der Leitungsriege das Museum verlassen haben, erklärten nun auch prominente Künstler wie John Baldessari, Barbara Kruger und Ed Ruscha ihren Austritt aus dem Stiftungsrat.

Christoph Schmitz: Das Museum of Contemporary Art in Los Angeles - kurz Moca. Es ist eines der wichtigsten Museen für Zeitgenössische Kunst in den USA. Die Nachkriegsmoderne steht hier im Fokus, über 5000 Werke namhafter Künstler befinden sich in der Sammlung: Jackson Pollock, Alberto Giacometti, Cy Twombly, Roy Lichtenstein, Mark Rothko, Julian Schnabel, um nur einige wenig wichtige Namen zu nennen. Nun ist es im Moca innerhalb weniger Wochen in der Leiterriege zu einigen Rücktritten gekommen, Reaktionen auf die neue Museumspolitik von Direktor Jeffrey Deitch. Zuerst machte sich der langjährige Chefkurator Paul Schimmel davon, jetzt haben in kurzer Folge auch prominente Künstler ihren Austritt aus dem Stiftungsrat erklärt: John Baldessari, Barbara Kruger und Ed Ruscha. Neue Posten in Europa angenommen haben Philipp Kaiser, er geht ans Museum Ludwig in Köln, und Ann Goldstein, sie geht ans Stedelik in Amsterdam. Was hat zu diesem Exodus am Moca geführt, habe ich Sacha Verna in New York gefragt?

Sacha Verna: Nun, das Problem ist Jeffrey Deitch. Oder genauer: das Problem ist die Richtung, die das Museum genommen hat, seit Jeffrey Deitch vor zwei Jahren zum neuen Direktor ernannt wurde. Dazu muss man wissen, dass das MOCA – so wird das Museum hier abgekürzt genannt – eine jüngere Geschichte voller finanzieller Desaster hat. So schlimm war das, dass es 2008 nur durch ein Geschenk von 30 Millionen Dollar vor dem Bankrott bewahrt werden konnte. Dieses Geld stammte von Eli Broad. Das ist so eine Art kultureller Sugar-Daddy von Los Angeles. Ohne diesen multimilliardenschweren Mäzen sähe zumal die Museumslandschaft in Los Angeles ganz anders aus, es gäbe sie eigentlich gar nicht. Broad hat wirklich in praktisch jeder kulturellen Institution sein Geld drin, und das schon seit über 40 Jahren.

Nun verschenkt Broad sein Geld zwar sehr großzügig, aber er hat auch sehr klare Vorstellungen davon, wie dieses Geld eingesetzt werden soll. Und wenn seinen Vorstellungen nicht entsprochen wird, dann zögert er keine Sekunde, seine Bonbons wieder einzutüten und sie anderweitig zu verteilen. Im Fall des Moca nun, wie überhaupt in jedem anderen seiner Liebhaberprojekte, hält Broad sich an das Motto "Rendite machen und Besucherzahlen erhöhen". Das ist für ihn das Maß allen Erfolges. Und genau um dieses Ziel zu erreichen, hat er Jeffrey Deitch geholt.

Schmitz: Und dagegen wehren sich nun Mitarbeiter und sogar die ausgestellten Künstler?

Verna: Genau! Denn Jeffrey Deitch – man muss ein bisschen Hintergrund zu ihm haben – hat bis zu seiner Berufung nach Los Angeles eine Galerie in New York betrieben, die Deitch Projects, und darüber hinaus sich vor allem einen Namen als sehr medienwirksamer und gesellschaftlich umtriebiger Hans Dampf in allen Gassen gemacht. Er hat hier ein bisschen kuratiert, oder ein wenig publiziert, er ist mit Künstlern und Sammlern zum Teil ruinöse Projekte angegangen, und außerdem ist er zum Beispiel der Schöpfer der ersten Kunst Reality Show fürs Fernsehen, "Art Star" war das, ziemlich kurzlebig zwar, aber darin wetteiferten angehende junge Künstler vor laufenden Kameras um eine Ausstellung. Jedenfalls war Deitchs erste Ausstellung im Moca eine vom Werk des damals an Krebs sterbenden Schauspielers Dennis Hopper, und die wurde total von der Kritik zerrissen. Seine zweite war eine Ausstellung über Graffiti, die eine Rekordzahl von Besuchern anzog, was natürlich offiziell als Großerfolg gewertet wurde. John Baldessari, den Sie erwähnten als einer der zurückgetretenen Künstler, der hat gesagt, dass für ihn das Fass zum überlaufen brachte, als er hörte, dass Deitch als eines seiner nächsten Projekte den Einfluss der Disco-Kultur auf die bildende Kunst plane, und damit wollte Baldessari zumal nichts mehr zu tun haben. Man sieht also, dass der Kurs, den das MOCA und Deitch eingeschlagen hat, ein populistischer ist. Es soll ein möglichst massenwirksames und kommerzorientiertes Programm gestalten, das vor allem natürlich auch für das viel hofierte junge Publikum attraktiv ist. Und wenn es nach Eli Broad geht, dann bedeutet eben Masse Klasse.

Schmitz: Und Eli Broad als Mäzen, Sponsor, wird sich durchsetzen, ebenso wie Jeffrey Deitch? Was meinen Sie?

Verna: Nun ja, bis jetzt sieht es so aus, als ob der Stiftungsrat hinter Deitch stünde, und ohne Stiftungsräte geht hier ja gar nichts. Dort sitzt das Geld und die Leute, die dort sitzen, die entscheiden, wer kommt und wer geht. Interessant ist, dass Eli Broad eigentlich seit 1994 nicht mehr stimmberechtigtes Mitglied dieses Stiftungsrats ist. Er war der Vorsitzende des ersten Stiftungsrats, aber 1994 zog er sich zurück. Nur trägt er den Titel des lebenslangen Stiftungsrats, und als solcher und mit seinen massiven Geldgeschenken hat er natürlich immer noch das Sagen, und im Moment sieht es wirklich nicht so aus, als ob die ihn fallen lassen würden.

Schmitz: Ist das, was in Los Angeles passiert, symptomatisch für Kunstmuseen in den USA, was das Verhältnis zwischen den großen Geldgebern und der inhaltlichen Ausrichtung angeht?

Verna: Es ist zumindest das ständige Problem, denn es bestehen da immer diese Interessenkonflikte. Zum Teil sind diese Vorstandsmitglieder auch selber Sammler und die haben ihrerseits ein Interesse daran, dass die Künstler, die in ihrer Sammlung vertreten sind, zum Beispiel Ausstellungen in den Museen erhalten, in deren Vorständen sie sitzen, um das Prestige zu erhöhen. Also da besteht ein ständiger Interessenkonflikt. Aber es ist natürlich einfach so – das klingt sehr klischiert: das Geld regiert. Und von denen kommt das Geld, von den Stiftungsratsmitgliedern, und die haben letztlich die Entscheidung inne. Von daher kann man sagen ja, es ist tatsächlich symptomatisch, wenngleich es natürlich jetzt im Fall des MOCA schon sehr – wie soll ich sagen? – massive Folgen gezeitigt hat. Es wird nicht überall auf so öffentlicher Bühne gespielt, wie jetzt da im MOCA.

Schmitz: Was bedeutet die Tatsache, dass jetzt die Künstler zurückgetreten sind?

Verna: Finanziell bedeutet das wenig, denn sie bezahlen keinen Beitrag, um in einen Stiftungsrat aufgenommen zu werden. Aber im Fall des MOCA ist das tatsächlich ein schlechtes Zeichen, denn das Moca wurde 1979 von Künstlern gegründet. Also das hat durchaus symbolischen Charakter, wenn nun keine Künstler mehr im Stiftungsrat vorhanden sind. Andererseits: die Jeffrey Deitch und Eli Broad das Wort reden, die tun das natürlich einfach als symbolische Nebensache ab.

Schmitz: Sacha Verna über die Krise am Moca in Los Angeles.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.



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