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Exodus britischer Studenten

Das Londoner DAAD-Büro spürt die Folgen der Hochschulfinanzierungsreform in England

Andreas Hoeschen im Gespräch mit Manfred Götzke

Umgerechnet 11.000 Euro pro Jahr können Englands Hochschulen ab diesem Wintersemester kassieren
Umgerechnet 11.000 Euro pro Jahr können Englands Hochschulen ab diesem Wintersemester kassieren (AP)

Seit London die Höchstgrenzen für Studiengebühren drastisch heraufgesetzt hat, hat sich die Zahl der britischen Bewerber in Deutschland "mindestens verdoppelt", sagt Andreas Hoeschen. Darüber hinaus erschwere die Reform auch neue Erasmus-Kooperationen, so der Leiter des Londoner Büros des Deutschen Akademischen Austauschdienstes.

Manfred Götzke: Wer ist für die Finanzierung der Unis zuständig? Staat oder Student? Die konservative Regierung in Großbritannien sagt, der Student, weitgehend jedenfalls. Die Regierung hat nämlich die Mittel für die Universitäten drastisch gekürzt und die Höchstgrenzen für Studiengebühren entsprechend raufgesetzt. Umgerechnet 11.000 Euro pro Jahr können die Hochschulen ab diesem Wintersemester kassieren, was sich natürlich nicht mehr so viele junge Leute leisten können. Die Zahl der Erstsemester ist um zehn Prozent zurückgegangen. Stattdessen kommen immer mehr junge Briten zum Studium nach Deutschland. Das bekommt jedenfalls das Londoner Büro des Deutschen Akademischen Austauschdienstes zu spüren. Andreas Hoeschen leitet es. Herr Hoeschen, rennen Ihnen Studieninteressierte jetzt die Bude ein?

Andreas Hoeschen: Also was zutrifft, ist, dass wir ein deutlich gestiegenes Interesse am Studium in Deutschland bemerken. Allerdings muss man zwei Gruppen hier ganz klar unterscheiden. Es gibt auf der einen Seite eben die Interessenten für ein grundständiges Studium in Deutschland, Bachelor, die ja jetzt höhere Studiengebühren bezahlen müssen ab diesem Jahr, 9000 Pfund. Da müssen wir drauf hinweisen, dass man in Deutschland nur dann studieren kann, wenn man in Großbritannien zur Schule gegangen ist, wenn man vier Prüfungsfächer hatte einschließlich einer Fremdsprache im Abschlusszeugnis. Das haben die meisten nicht.

Götzke: Das heißt, vielen bietet sich gar nicht die Möglichkeit, jetzt vor den hohen Studiengebühren nach Deutschland zu fliehen?

Hoeschen: So ist das. Also ein Massenansturm von Bewerbern im grundständigen Bereich wird es gar nicht geben können, weil dort nur eine Minderheit überhaupt die Voraussetzung mitbringt. Und ich denke auch, auch nur eine Minderheit darüber nachdenkt. Worum es uns eigentlich in erster Linie geht, das ist der postgraduale Bereich, Master und Promotion. Auch dort sind Kürzungen vorgenommen worden, und auch dort sozusagen sind die Studierenden auf der Seite kostenbewusster, auf der anderen Seite aber auch internationaler zunehmend ausgerichtet.

Götzke: Wie stark ist denn die Zunahme der britischen Studienbewerber in Deutschland oder der Interessenten, die zu Ihnen kommen?

Hoeschen: Also für uns hat sich das mindestens verdoppelt. Wir sehen das bei einer noch wesentlich größeren Zunahme – das hat sich da verdreifacht sogar, was die Bewerbung für unsere Stipendienprogramme angeht –, das ist schon signifikant für den Bereich, wie gesagt, Master und Promotion.

Götzke: Welche Erwartungen haben die britischen Studenten, wenn sie sich bei Ihnen melden?

Hoeschen: Die sind meistens sehr gut informiert bereits, wollen aber noch detailliertere Informationen darüber haben, wo sie ihre Studienvorhaben verwirklichen können, welche Graduiertenschule beispielsweise in Deutschland geeignet ist, einerseits die Graduiertenschulen in Deutschland, andererseits die englischsprachigen Masterstudiengänge, die es in Deutschland gibt.

Götzke: Das sind ja mittlerweile mehr als 600 Masterprogramme in Deutschland, das spielt sicher auch eine große Rolle.

Hoeschen: Absolut. Damit gut zehn Prozent aller Masterstudiengänge in Deutschland.

Götzke: Wie sieht man das Ganze denn in Großbritannien bei der Regierung? Freuen die sich, dass Deutschland die Hochschulausbildung mit finanziert oder hat man schon Angst vor einem Braindrain?

Hoeschen: Bei Masterprogrammen ist das etwas, was in der öffentlichen Diskussion eine untergeordnete Rolle spielt, aber an den Universitäten natürlich, dort ist das, was im postgradualen Bereich passiert, von großer Wichtigkeit, Forschernachwuchs, um dort das Stichwort zu geben, manche Universitäten sehen das als eine sehr positive Ergänzung an, das auch wir was anbieten können. Andere werden wahrscheinlich die Konkurrenz darin sehen, das ist sicherlich richtig.

Götzke: Welche Rolle spielen die Kürzungen im Hochschulbereich eigentlich für die Erasmus-Programme und damit für deutsche Studierende, die vielleicht gerne in Großbritannien studieren würden – ist das schwieriger geworden?

Hoeschen: In der Tat ist es so, dass die Hochschulfinanzierungsreform in ihren Auswirkungen die – ich will mal sagen, zumindest die Anbahnung neuer Erasmus-Kooperationen für britische Hochschulen nicht leichter macht. Erasmus basiert ja auf dem gegenseitigen Verzicht von Studiengebühren, und jemand, der aus Deutschland dann nach Großbritannien kommt für einen Erasmus-Aufenthalt, wird dann nicht die 9000 bezahlen können. Andererseits der Brite, der rausgeschickt wird nach Deutschland, der soll natürlich nicht mit diesen hohen Studiengebühren belegt werden. Früher hat die Regierung das Gesamte übernommen und die Uni entschädigt – jetzt nur noch zu einem deutlich herabgesenkten Anteil. Da entstehen tatsächlich gewisse finanzielle Engpässe für Universitäten. Wir hoffen, dass die Universitäten in Großbritannien diesen Wert der Auslandsmobilität, den sie natürlich auch sehen, dass sie das höher gewichten als diese finanziellen Erwägungen. Nichtsdestoweniger, der Druck steigt.

Götzke: Immer mehr junge Briten kommen zum Masterstudium und zur Promotion nach Deutschland. Andreas Hoeschen vom DAAD in London hat uns gesagt, woran es liegt.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.



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