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StartseiteBüchermarktExotischer Verfall05.03.2008

Exotischer Verfall

Hans Christoph Buch schreibt über den "Tod in Habana"

Hans Christoph Buch, dem Autor ungezählter Reportagen aus den Elendgebieten der Welt, geht es mit seinem neuen Werk nicht um eine Beschreibung der realen Situation im gegenwärtigen Kuba. In Anlehnung an sein literarisches Vorbild, Thomas Manns "Tod in Venedig", schreibt der Schriftsteller ein poetisches Stück über die Anziehungskraft und die Schönheit des Verfalls.

Von Detlef Grumbach

Fidel Castros Kuba besuchte der Autor zuletzt im Jahr 2006. (AP)
Fidel Castros Kuba besuchte der Autor zuletzt im Jahr 2006. (AP)

Hans Christoph Buch: "Ich war letzten Winter in Habana, und ich bin durch Kuba gelaufen und dachte plötzlich: Das ist eine Methode oder ein Einfall, der trägt und der es mir erlaubt, meine über lange Jahre hinweg gemachten Beobachtungen und Erfahrungen in Kuba zu verbinden mit einem literarischen Modell - in diesem Fall Thomas Mann 'Tod in Venedig' - das es mir erlaubt, nicht nur eine politische Geschichte zu erzählen, sondern auch die Geschichte eines Intellektuellen, der in Kuba auf sexuelle Abwege gerät und am Ende unter die Räder kommt."

"Tod in Habana" also. Achenbach - nicht Aschenbach! - der Protagonist der Erzählung, kommt 1972 zum ersten Mal auf die Insel - zu den Weltfestspielen der Jugend. Das Freiheitsversprechen der kubanischen Revolution, das vor Erotik knisternde Lebensgefühl und der Zauber der Karibik ziehen ihn an, machen ihn zu einem begeisterten Kuba-Fan.

Dass er schon während der Festspiele 1972 erleben muss, wie der Tanz auf den Straßen - zum Schutz der Gäste, wie es heißt - von Sicherheitskräften unterbunden wird, regist-riert er damals - mehr nicht. Über die Jahre fährt er immer wieder nach Habana, besucht auch Santiago de Cuba im schwarzen Süden der Insel, interessiert sich schließlich - mittlerweile Architekt geworden - für den Verfall der postkolonialen Bausubstanz. Nach über 35 Jahren wird der Verfall der Altstadt von Habana zum Bild für den Verfall einen Landes, einer großen Hoffnung, eines Traums, gedoppelt noch einmal im Verfall ihres Helden Fidel Castro:

"Als ich da war, hatte man den Eindruck, er liegt im Sterben. Jetzt scheint es ihm wieder etwas besser zu gegen, aber es war das Ende eines Regimes, das war ganz deutlich, das sich seit fast 50 Jahren auf dieser Insel etabliert hat, mit großen Hoffnungen begann und mit einer großen Enttäuschungen endete - und dies nicht nur wegen der amerikanischen Handelsblockade, sondern auch auf Grund interner Faktoren."

Im Zentrum der Erzählung steht die Reise Achenbachs im Dezember 2006. Frühere Reisen und Erlebnisse fließen in Rückblenden ein. Doch geht es Hans Christoph Buch in seiner Erzählung nicht um die reale Situation im gegenwärtigen Kuba. Der Autor ungezählter Reportagen aus den Elends- und Kriegsgebieten Afrikas, Asiens und Lateinamerikas nimmt sein literarisches Vorbild, Thomas Manns "Tod in Venedig", ernst und schreibt ein poetisches, schillerndes und flirrendes Stück über die Anziehungskraft, die Schönheit des Verfalls. Erotik und Sexualität - so will es das Klischee - sind auf Kuba allgegenwärtig.

Castro hat das Land von einem kolonialisierten "Bordell des Imperialismus" in stolze Freiheit geführt. Dass die Verfolgung von Dissidenten, Prostituierten und Homosexuellen die-se Freiheit von Anfang an unterminierte, fiel bei den Freunden der Revolution kaum ins Gewicht. Achenbach hatte sein schwules Erweckungserlebnis schon 1978 auf Kuba, verkneift sich auch später nichts und wird auf seiner letzten Reise angemacht von Liftboys, Kellnern und Polizisten. Längst ist das Land zu einem Geheimtipp für Sextouristen geworden.

"Kuba ist immer schon ein Ort gewesen, wo eine gewisse Promiskuität herrschte, eine Insel. Das hat Kuba mit Haiti gemein, aber auch mit Venedig: Das war ja immer die lockende Ferne, die exotische Ferne, von Europa aus gesehen, in der dann bestimmte Tabus und bestimmte moralische Gebote und Verbote lustvoll übertreten wurden."

Wie Broder Broschkus in Matthias Polityckis ebenfalls auf Kuba spielenden Roman "Herr der Hörner" nur die eine Tänzerin sucht, die es ihm angetan hat, so sucht Achenbach nur den einen: "Ariel". Dessen Vorfahren stammen aus China, Westafrika, von den Kanarischen Inseln. Seine Schönheit trägt die Zeichen einer großen, lustvollen Vereinigung von Herren und Sklaven, von Schwarzen und Weißen, symbolisiert koloniale und postkoloniale Vermischung über alle Schranken hinweg.

Doch wie Shakespeares Luftgeist bleibt auch dieser Ariel ungreifbar. Hans Christoph Buchs Protagonist jagt einem verführerischen Phantom hinterher, und dieses Phantom zieht ihn ins Verderben. Es geht ihm wie schon vor ihm zwei Randfiguren der Erzählung: zwei dem wirklichen Leben entlehnte Figuren, die ihr Leben der lateinamerikanischen Revolution verschrieben haben und der Welt damit anhanden gekommen sind.

"Ich habe auf einem Trödelmarkt in Kuba dieses Buch gefunden - Sartre in Kuba - mit einer Folge von Fotos, die wie ein Fotoroman seinen Aufenthalt deutlich machen."

Hans Christoph Buch blättert in dem antiquarischen Schatz. Sartre und Simone de Beau-voir in Szene gesetzt vor dem Hintergrund des revolutionären Kuba: Cafés, Büros, Uniformen. Sartre wirkt merkwürdig distanziert, im Anzug, mit Schlips und Kragen.

"Und dann repariert Castro vor seinen Augen am Strand einen kaputten Kühlschrank, das ist eine Episode, die Sartre erzählt. Und er kommt zu dem Schluss, trotz aller Kritik, die auch er damals schon ansatzweise formuliert: Für Intellektuelle des 20. Jahrhunderts ist es unmöglich, nicht pro-kubanisch zu sein. Und fährt gleichzeitig nie wieder hin."

Das Bekenntnis des Bourgeois nach diesem Besuch im Jahr 1960 und die zugleich spür-bare Skepsis dienen Hans Christoph Buch als Ausgangsbild für seine Erzählung. Achenbach geschieht am Ende das, wovor Sartre sich geschützt hat - indem er die Insel nie wieder betrat. Er wird Opfer seine Obsession, wobei sexuelle Obsession und politische Utopie miteinander einhergehen.

So ist diese ebenso kurze wie vielschichtige, auch mit Ecken und Kanten, einem rauen Scharm behaftete Erzählung vor allem als melancholischer Abgesang auf die eigenen linken Hoffnungen zu lesen, von denen bei Hans Christoph Buch nichts bleibt. Die Ironie der Geschichte will es, dass Achenbachs Leiche am Strand der amerikanischen Militärbasis Guantánamo angespült wird. Gründlicher kann die Niederlage kaum formuliert werden.

Hans Christoph Buch: Tod in Habana.
Frankfurter Verlagsanstalt 2007, 125 Seiten, 18,90 Euro

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