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Extremer Idealismus mit politischer Zielsetzung

Vor 250 Jahren: Geburt des Philosophen Johann Gottlieb Fichte

Von Hans-Martin Lohmann

Fichte stand unter dem Eindruck der französischen Revolution.
Fichte stand unter dem Eindruck der französischen Revolution. (AP Archiv)

Die Texte Kants, Hegels und Schellings sind nach wie vor Gegenstand philosophischer Debatten. Fichtes "Wissenschaftslehre" oder sein "Geschlossener Handelsstaat" allerdings sagt nur noch wenigen etwas. Eine seiner Intentionen: Die Deutschen zu Deutschen erziehen.

In den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts waren Sammelalben bei Kindern sehr beliebt. Wer zum Beispiel eine Packung Margarine kaufte, erwarb zugleich das Bild eines berühmten Deutschen, das er dann an der passenden Stelle in das Album mit dem Titel "Deutsches Denken und Schaffen" einkleben konnte. In diesem Album fand auch der Philosoph Johann Gottlieb Fichte seinen Platz.

""Seine Lehre, sein Mahnruf, deutsch zu denken und deutsch zu handeln, wurde begeistert aufgenommen."

Es ist vielleicht bezeichnend für den Geist der unmittelbaren Nachkriegszeit, dass dem Margarinefabrikanten zwar Fichte der Aufnahme ins Pantheon der großen Deutschen wert war, nicht aber seine bedeutenden Zeitgenossen Kant, Hegel und Schelling.

Johann Gottlieb Fichte wurde am 19. Mai 1762 in Rammenau in der Oberlausitz geboren. Dank der Förderung durch den lokalen Grundherrn konnte er die äußerst ärmlichen Verhältnisse seines Elternhauses hinter sich lassen, eine solide Schulausbildung durchlaufen und ein Studium aufnehmen. Er schlug sich als Erzieher und Hauslehrer durch, bis er durch die Begegnung mit Kant zur Philosophie kam. Seine Schrift "Versuch einer Kritik aller Offenbarung", 1792 anonym erschienen, wurde zunächst Kant zugeschrieben, ehe dieser den Namen des wahren Autors preisgab.

Über Nacht wurde Fichte berühmt und erhielt eine Professur in Jena. Später lehrte der Philosoph an der neugegründeten Berliner Universität und wurde ihr erster gewählter Rektor. Er starb 1814 in Berlin.

Anfänglich den Ideen der Französischen Revolution zugeneigt, entwickelte Fichte sich mit dem Beginn des neuen Jahrhunderts mehr und mehr zu einer Art Praeceptor Germaniae, zu einem Vordenker der Deutschen, die er zu richtigen Deutschen erziehen wollte. In seinen "Reden an die deutsche Nation" aus dem Jahr 1808, die nicht zuletzt unter dem Eindruck der Demütigung Preußens durch Napoleon entstanden, postuliert er eine besondere moralisch-kulturelle Sendung der Deutschen.

"Der deutsche Geist ist ein Adler, der mit Gewalt seinen gewichtigen Leib emporreißt und mit starkem und vielgeübten Flügel viel Luft unter sich bringt, um sich näher zu heben der Sonne, deren Anschauung ihn entzückt."

Schon vorher zeigte Fichte nicht nur eine starke Neigung zu politischem Philosophieren, sondern auch zu Vorstellungen von politischer Autarkie, die mit seinen philosophischen Grundannahmen direkt zusammenhängen. Fichtes Philosophie gründet auf einem sich selbst setzenden Ich, das freilich kein empirisches, sondern ein transzendentales ist. Dieses ideale Ich "setzt" die obersten Begriffe und Prinzipien der Vernunft, an welchen sich das Individuum theoretisch wie praktisch zu orientieren habe.

In seiner im Jahr 1800 publizierten Schrift "Der geschlossene Handelsstaat" – eine sozialistische Utopie avant la lettre – entwirft er die Grundzüge eines Staates, der den strikten Maßstäben der Vernunft unterworfen ist, eines Vernunftstaates, der Gesetzgeber seiner selbst ist und das bedrohliche Chaos der zeitgenössischen Gesellschaft zu bändigen vermag. Denn in dieser Gesellschaft, so Fichte,

"… entsteht ein endloser Krieg aller im handelnden Publikum gegen alle, als Krieg zwischen Käufern und Verkäufern. Und dieser Krieg wird heftiger, ungerechter und in seinen Folgen gefährlicher, je mehr die Welt sich bevölkert. Die Produktion und die Künste steigen und dadurch die in Umlauf kommende Ware an Menge und mit ihr das Bedürfnis aller sich ver
mehrt und vermannigfaltigt."


Im geschlossenen Handelsstaat hingegen, dessen Regierung die eigene Bevölkerung gegen alle Einflüsse von außen abschirmt, herrschen das vernünftige Gleichmaß und eine strenge Gerechtigkeit, die jedem das Seine zuteilt. Was Fichte hier als erstrebenswerten sozialen Zustand ausmalt, ist aus heutiger Sicht eine Form der totalen Gesellschaft, die von einem bevormundenden und rundum fürsorglichen Staat in ein komfortables Zuchthaus verwandelt wird. Schon der Philosophiehistoriker Eduard Zeller urteilte:

"Ein Idealismus wie der seine ist immer despotisch. Die Bedingungen der Wirklichkeit sind für ihn nicht vorhanden."

Arnold Gehlen ging 1935 gar so weit, den Fichteschen Nationalismus der "Reden" und den Sozialismus des "Geschlossenen Handelsstaates" im Begriff des National-Sozialismus kurzzuschließen. Das hat Fichte ohne Zweifel nicht verdient. Aber unverkennbar ist, wie fremd uns heute eine Gedankenwelt geworden ist, die einen extremen Idealismus mit politischen Zielsetzungen verbindet und diese womöglich noch mit dem Etikett "deutsch" versieht.

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