Mittwoch, 22.11.2017
StartseiteKommentare und Themen der WocheEine echte Zinswende geht anders26.10.2017

EZB will Anleihe-Ankäufe reduzierenEine echte Zinswende geht anders

Die Europäische Zentralbank hat einen ersten Schritt in Richtung Ausstieg aus ihrer ultralockeren Geldpolitik getan. Ein ernst gemeinter Kurswechsel aber sieht anders aus, meint Eva Bahner. Dabei sei es höchste Zeit, auch für Verbraucher, Unternehmen und Regierungen, dem Leben auf Pump den Rücken zu kehren

Von Eva Bahner

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Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), spricht am 26.10.2017 während der EZB-Pressekonferenz in Frankfurt am Main (Hessen). Die EZB hält den Leitzins im Euroraum auf dem Rekordtief von null Prozent. (dpa / picture-alliance/ Arne Dedert)
Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank, hat eine leichte Abkehr von seiner Niedrigzinspolitik eingeleitet (dpa / picture-alliance/ Arne Dedert)
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Börsianer atmen auf, die Party geht weiter, auch wenn Mario Draghi es tatsächlich gewagt hat, die Lautstärke etwas runterzudrehen. Seit fast drei Jahren tanzen die Börsianer nun zur Musik des Notenbank-Chefs, der Monat für Monat Milliarden in die Märkte pumpt. Zwar ist seit heute klar: Der Umfang der Anleihekäufe wird halbiert ab 2018, die expansive Geldpolitik also etwas zurückgefahren, doch das Ende ist offen und auch die Zinsen werden bis auf Weiteres niedrig bleiben - mindestens bis 2019.

Eine echte Zinswende sieht anders aus, und ein ernst gemeinter Kurswechsel auch. Zehn Jahre nach der Finanzkrise sieht sich die EZB offensichtlich noch immer nicht in der Lage, ihr Krisenmanagement zu beenden - und damit den Ausnahmezustand der Null- und Negativzinsen, der in den vergangenen Jahren die Preise auf Aktien- und Immobilienmärkten in schwindelerregende Höhen getrieben hat – einhergehend mit dem Risiko neuer Spekulationsblasen.

Die Deflationsgefahr ist längst gebannt

Ein Ausnahmezustand, der zudem durch nichts mehr zu rechtfertigen ist im Euroraum. Westeuropa befindet sich auf stabilem Erholungskurs.  Auch die Gefahr der Deflation, die Gefahr also fallender Preise, die Konsum und Konjunktur abwürgen könnten, ist längst gebannt.

Zugegeben, nach wie vor fehlt eine Teuerungsrate, die für die EZB die erforderliche Preisstabilität markiert. Die Zwei-Prozent-Marke ist im Euroraum noch nicht erreicht. Doch wann, wenn nicht jetzt, wäre es an der Zeit dieses Inflationsziel und die Wirksamkeit des Notenbank-Instrumentariums auf den Prüfstand zu stellen?

Denn die Zweifel an einer wirksamen Geldpolitik werden immer lauter, je hilfloser die Notenbanker versuchen, die Teuerungsraten nach oben zu treiben, in Europa, aber auch in den USA. Notenbanker, die sich mittlerweile sogar Schützenhilfe von den Gewerkschaften erhoffen, die für steigende Löhne und damit auch Preise kämpfen sollen.

Die Notenbank-Kollegen aus China warnen vor "Minsky Moment" 

Die EZB täte gut daran, sich auf ihr eigenes Handeln zu konzentrieren -  mit all den negativen Folgen, die eine ultralockere Geldpolitik mit sich bringt. Insofern ist die Warnung aus China durchaus ernst zunehmen – ausgerechnet der dortige Notenbankchef sprach in der vergangenen Woche vom sogenannten "Minsky Moment" – in Anlehnung an den bereits verstorbenen amerikanischen Ökonomen Minsky, der die Theorie vertrat, dass ein lang anhaltender Kursaufschwung an den Börsen ein jähes Ende finden kann – in einer scharfen Kurskorrektur.

Und damit bezog sich der chinesische Notenbank-Chef nicht nur auf die hohe Verschuldung im eigenen Land. Die Politik der niedrigen Zinsen rund um den Globus hat die Schuldenberge in allen Industriestaaten gefährlich wachsen lassen. Es ist höchste Zeit, auch für Verbraucher,  Unternehmen und Regierungen, dem Leben auf Pump den Rücken zu kehren, mithilfe einer Notenbank, die dieses weniger attraktiv macht – durch Zinsen, die langsam wieder steigen. Nicht zuletzt wäre dies auch Im Interesse der EZB, um gerüstet zu sein, für einen solchen möglichen "Minsky Moment", für den Moment also, in dem der Krisenmodus der Notenbank dann tatsächlich wieder gefragt sein wird.

Eva Bahner (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Eva Bahner (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Eva Bahner wurde 1973 in Baden-Württemberg geboren. Sie studierte Volkswirtschaft in Tübingen und Boston, danach Volontariat in der n-tv-Wirtschaftsredaktion und an der Georg-von-Holtzbrinck-Schule für Wirtschaftsjournalisten. Heute arbeitet sie in der Deutschlandfunk-Wirtschaftsredaktion.

  

 

 

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