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StartseiteThemen der WocheFallen Sie nicht auf die Rattenfänger herein07.06.2014

EZB-ZinspolitikFallen Sie nicht auf die Rattenfänger herein

Ja, Sparer haben nach der erneuten Zinssenkung der EZB nichts zu lachen. Doch niemand wird gezwungen, Sparer zu sein, kommentiert Robert von Heusinger von der "Frankfurter Rundschau" für den DLF. Aufgabe der Notenbank sei es, für stabile Preise zu sorgen.

Von Robert von Heusinger "Frankfurter Rundschau"

Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), äußert sich am 05.06.2014 während der EZB-Pressekonferenz in Frankfurt am Main (Hessen) vor Journalisten. (picture alliance / dpa / Arne Dedert)
Der Leitzins soll auf historische 0,15 Prozent gesenkt werden. (picture alliance / dpa / Arne Dedert)
Weiterführende Information

"Aktion der Europäischen Zentralbank war überfällig" (Deutschlandfunk, Wirtschaft und Gesellschaft, 06.06.2014)

"Die Investitionsquote ist zu gering" (Deutschlandfunk, Interview mit Gerhard Schick, 06.06.2014)

Wie junge Leute jetzt ihr Geld anlegen sollten (Deutschlandradio Kultur, Interview, 06.06.2014)

Die Europäische Zentralbank schafft den Zins ab. Die Europäische Zentralbank hilft wieder einmal den Südeuropäern. Die Europäische Zentralbank enteignet die deutschen Sparer. So lamentierten viele nach der ungewöhnlichen, sagen wir ruhig - nach der historischen Entscheidung der Währungshüter. Ab sofort gelten Strafzinsen für Banken, die bei der Notenbank Geld parken. Ja, Sie haben recht gehört: Die Banken müssen dafür zahlen, wenn sie Geld auf das Konto der Notenbank einzahlen wollen.

Banken müssen für das Einzahlen zahlen

Und auch der Leitzins, zu dem sich Banken Geld leihen können, sinkt noch einmal von kaum erwähnenswerten 0,25 Prozent auf 0,15 Prozent. Da muss man schon die Lupe zücken, um das noch als Zinsen zu erkennen. 0,15 Prozent auf 10.000 Euro bringen, na, 15 Euro Zinsen pro Jahr. Es ist richtig, wer all sein Geld sicher auf Sparbüchern oder Tagesgeldkonten parkt, hat nichts zu lachen. Und das wird auch noch ein paar Jahre so bleiben. Wer dagegen vor einem Jahr 10.000 Euro in den Deutschen Aktienindex Dax gesteckt hat, hat rund 20 Prozent gemacht, oder in Geld ausgedrückt: schlappe 2.000 Euro. Auch wer sich für Immobilien und selbst Staatsanleihen entschieden hat, steht heute deutlich besser da, als der Sparer. Warum ich das erwähne?

Kein Recht auf positive Zinsen

Weil niemand gezwungen wird, Sparer zu sein. Weil es kein Recht auf positive Zinsen gibt. Hätten die Aktionäre in den vergangenen zwölf Monaten Kursverluste von 20 Prozent erlitten, niemand würde auf die Idee kommen, von Enteignung zu sprechen. Und auch die Menschen, die der Immobilie dem Vorzug vor dem Sparkonto geben, müssen selber schauen, dass sie richtig kalkuliert haben. Auch hier trägt der Staat keine Verantwortung dafür, dass die Wette aufgeht. Geld auf dem Sparkonto muss sicher sein, verzinst muss es nicht werden. Es gibt einfach zu wenige Firmen, Staaten und Haushalte, die sich derzeit verschulden wollen, aber zu viele, die gleichzeitig sparen wollen. Deshalb verschwindet der Zins. Die Dynamik der Wirtschaft in Euroland ist arg in Gefahr. Ihr droht in ein jahrzehntelanges Siechtum, auch Deflation genannt - mit katastrophalen Folgen für Jobs, Löhne und Staatshaushalte.

Macht der Notenbank asymmetrisch

Deshalb tut die Europäische Zentralbank recht daran, alles in ihrer Macht stehende zu tun, um dieses Horrorszenario zu verhindern. Dabei ist es gar nicht die erste Aufgabe der Europäischen Notenbank für Wirtschaftswachstum zu sorgen. Die vornehmste Aufgabe der Europäischen Notenbank lautet ausschließlich, für stabile Preise zu sorgen. Stabile Preise, das sind nach der vernünftigen Definition der Notenbank jährliche Preissteigerungsraten von nahe zwei Prozent. Denn sinkende Preise sind genau so ein Übel wie Preise, die zu rasch steigen. Wo liegt die Inflationsrate gegenwärtig? Bei mickrigen 0,5 Prozent in Euroland und 0,9 Prozent in Deutschland. Deshalb muss die Notenbank handeln. Und wenn wir ehrlich sind, hat sie nur eine echte Waffe: Die Erwartungen an das künftige Verhalten der Preise. Diese Erwartung müssen die Herren des Geldes steuern, damit Gewerkschaften, Krämer und Konzerne mit ihrer Preis- und Lohnpolitik nicht dazu beitragen, dass die Inflation sich verselbstständigt.

Nicht auf Rattenfänger hereinfallen

Das Schlimme an der Deflation, also an tatsächlich fallenden Preisen, ist, dass die Macht der Notenbank asymmetrisch ist. Sie kann am Strick ziehen, die Inflation einfangen, aber sie kann nicht am Strick schieben, die Inflation, die einmal negativ geworden ist, wieder nach oben treiben. Deshalb muss sie alles tun, damit die Erwartungen nicht ins Negative kippen. Und noch einen Trost für alle Sparer. Für mehr als 95 Prozent aller in Deutschland lebenden Personen ist das Einkommen aus der Arbeit oder Sozialkassen, vornehmlich der Rentenversicherung, um ein Vielfaches bedeutender als das Einkommen aus Kapitalerträgen. Der Median-Haushalt, also der Haushalt, der die reiche Hälfte von der armen Hälfte trennt, nennt 50.000 Euro sein eigen. Selbst bei einer Verzinsung von fünf Prozent kommen da nicht mehr als rund 200 Euro im Monat raus. Deshalb sollten Sie nicht auf die Rattenfänger hereinfallen. Eine Notenbank, die den Arbeitsplätzen und dem Wachstum Vorrang vor hohen Zinsen gewährt, handelt in Ihrem Sinne.

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