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StartseiteUmwelt und VerbraucherSparer sollten "nicht auf Herrn Draghi schimpfen"11.03.2016

EZB-ZinssenkungSparer sollten "nicht auf Herrn Draghi schimpfen"

Die Zinssenkung von 0,05 Prozent auf null Prozent durch die EZB sei nicht so gravierend für den Sparer, sagte Hermann-Josef Tenhagen vom Internetportal "Finanztip" im Deutschlandfunk. So sollten Sparer dies vielmehr als Weckruf verstehen, sich das schlechte Angebot der bisherigen Bank nicht mehr bieten zu lassen.

Hermann-Josef Tenhagen im Gespräch mit Jule Reimer

Hermann-Josef Tenhagen, Chefredakteur des Magazins "Finanztip". (picture alliance / dpa / Karlheinz Schindler)
Hermann-Josef Tenhagen, Chefredakteur des Magazins "Finanztip". (picture alliance / dpa / Karlheinz Schindler)
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- Teilen Sie diese These, würde ich jetzt gerne von Hermann-Josef Tenhagen wissen, der lange Jahre die Finanzzeitschrift "Finanztest" geleitet hat und heute das Internetportal "Finanztip" betreibt.

Hermann-Josef Tenhagen: Nein, ich teile die so nicht. Es ist tatsächlich natürlich so, dass niedrige Zinsen nicht schön sind für Sparer. Aber die Frage, wer da geschädigt wird, hängt ein bisschen davon ab, zu welcher Bank man geht. Man muss sich nicht damit zufriedengeben, wenn einem die eigene Bank 0,01 Prozent Zinsen fürs Tagesgeld anbietet. Es gibt Banken, die bieten ein Prozent an, und dann sollte man dieses Prozent auch nehmen. Banken sind keine karitative Veranstaltung. Deswegen muss man denen auch nichts spenden. Und wenn Bankiers jammern heißt das noch nicht notwendigerweise, dass das falsch ist.

Reimer: Draghis Ziel, so wird ihm ja auch vorgeworfen - die einen sagen das je nach Position verhaltener, die anderen stärker -, ist, die Staatshaushalte letztendlich zu sanieren. Das könnte ja auch Vorteile haben auch für Verbraucher, wenn dann öffentliche Güter wie Bildung, Schulen, Gesundheitsversorgung etc. in höherer Qualität bereitgestellt werden könnten. Allerdings haben die Deutschen das ja gar nicht nötig. Oder profitieren wir indirekt doch davon?

Tenhagen: Lebensversicherung sollte man nicht neu abschließen

Tenhagen: Ja, natürlich profitiert auch der Herr Schäuble. Der muss auch für das Geld, was er sich geliehen hat - und wir haben ja in Deutschland eine Staatsverschuldung von rund 2000 Milliarden Euro, wenn man Bund, Länder und Gemeinden zusammennimmt. Die profitieren auch, weil sie sehr, sehr viel weniger Zinsen für diese Verschuldung zahlen müssten. Und das bedeutet letztlich, dass wir als Steuerzahler uns über einen ausgeglichenen Haushalt oder sogar schwarze Zahlen im Haushalt freuen, weil der Staat weniger Zinsen zahlen muss unter anderem. Von daher: Als Steuerzahler ist das mit den niedrigen Zinsen gar nicht so ein Problem. Wenn ich allerdings tatsächlich eine Lebensversicherung habe und die Lebensversicherung kauft normalerweise Staatsanleihen auch bei der Bundesrepublik Deutschland und bekommt von der keine Zinsen mehr, dann muss mich das ärgern und dann ist das natürlich auch auf mittlerer Frist ein Problem.

Reimer: Das heißt, von Lebensversicherungen raten Sie ab, wenn wir über das Thema Geldanlage reden?

Tenhagen: Ich würde keine neuen abschließen. Wenn ich eine alte habe, dann bekomme ich zwar nicht das, was die mir damals mal vorgegaukelt haben mit Überschüssen und so. Aber da sind ja Garantien in den Verträgen drin und diese Garantien werden bisher auch eingehalten. Verträge werden in Deutschland ja eingehalten und diese Garantiezinsen sind mit vier Prozent oder 3,25 Prozent minus ein paar Kosten immer noch ganz stattlich, jedenfalls deutlich besser als das, was ich im Augenblick sonst wo für sichere Anlagen bekomme. Deswegen alte Verträge festhalten, neue nicht abschließen.

Reimer: Und was empfehlen Sie sonst Geldanlegern in diesen Zeiten?

Tenhagen: Für länger angelegtes Geld sind Aktienmärkte eine gute Option

Tenhagen: Zunächst mal würde ich sagen, ich habe ein Tagesgeldkonto, damit ich nicht in den Dispo brauche. Da kann ich ein Prozent für bekommen und nicht 0,01 Prozent. Für die ersten drei, vier, fünf Jahre gucke ich dann eher nach einem Festgeld. Da kann ich vielleicht auch sogar anderthalb Prozent bekommen und nicht 0,15 Prozent, wie das die Bank an der Ecke vielleicht anbietet. Das mache ich dann auch, weil ich habe ja nichts zu verschenken. Und wenn es dann über die längere Frist geht, dann ist auch ein Engagement im Aktienmarkt für Leute, die sich nicht so gut auskennen, mit einem Indexfonds international - hat geringe Kosten und schwankt nicht so stark - eine wichtige, vernünftige Option. Das ist völlig unabhängig von Niedrigzinsphase oder nicht. Das sollte man sowieso machen. Für Geld, was man länger nicht braucht, sind Aktienmärkte eine gute Option, weil das Rauf und Runter nicht so sehr ausgeprägt ist und das die beste Chance ist, ein bisschen mehr Rendite zu bekommen.

Reimer: Jetzt werden möglicherweise Banken auch damit reagieren, dass sie ihre Gebühren erhöhen. Einfach wechseln, oder?

Tenhagen: Ja, das werden sie wahrscheinlich tun. Da gilt auch das Vergleichen, also das, was wir sonst auch immer machen. Wenn irgendjemand den Preis erhöht, dann gucken wir uns das an und sagen, gibt es anderswo ein besseres Angebot. Das können wir natürlich auch bei unserem Girokonto machen und bei anderen Konten. Wenn man ein Wertpapierdepot hat, kann man auch da gucken, sind die Gebühren zu hoch. Dann gehe ich halt woanders hin. Das ist nichts, was man nicht machen darf, sondern es ist etwas, was man machen muss in der Marktwirtschaft, um nicht unter die Räder zu kommen.

Reimer: Das heißt, die deutschen Sparer brauchen gar nicht so pessimistisch in die Zukunft gucken?

Tenhagen: Das ist natürlich nicht so richtig schön mit der Langfristperspektive. Aber der wichtige Schritt für den Sparer ist, nicht auf Herrn Draghi zu schimpfen, weil zwischen 0,05 Prozent und null Prozent Zinsen spielt ja gar nicht die Musik, sondern der wichtige Schritt für den Sparer ist zu schauen, was bietet mir die eigene Bank und gibt es nicht andere Banken, die mir deutlich bessere Konditionen bieten, und dort hinzugehen. Das ist möglicherweise noch mal so ein Weckruf zu sagen, ich muss mir das schmale Angebot der bisherigen Bank nicht bieten lassen. Ich gucke mal auf dem Markt, ob es nicht was Besseres gibt.

Reimer: Hermann-Josef Tenhagen vom Internet-Portal "Finanztip" mit Tipps für Sparer. Danke für diese Informationen und wir bitten die Aussetzer in der Leitung zu entschuldigen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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