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Fachserver vor dem Absturz

Wissenschaftler wollen das "Open Access"-Modell für die digitale Fachinformation retten

Manfred Kloiber im Gespräch mit Peter Welchering

Der Plan, wissenschaftliche Publikationen digital und offen zu verbreiten, dürfte Fachverlagen Sorgen bereiten.
Der Plan, wissenschaftliche Publikationen digital und offen zu verbreiten, dürfte Fachverlagen Sorgen bereiten. (Stock.XCHNG / Paul Ijsendoorn)

<strong>Alles, was Rang und Namen hat in der deutschen Wissenschaftsszene hat sich zur Allianz "Digitale Information" zusammengeschlossen. "Open Access" fordern die Spitzenorganisationen der Wissenschaft und haben damit in dieser Woche für einigen Wirbel gesorgt.</strong>

Peter Welchering: Und zwar Wirbel auf ganz unterschiedlichen Ebenen. "Open Access" steht für das Ziel, ich zitiere mal aus der Open Access-Erklärung, "das weltweite Wissen in digitaler Form ohne finanzielle, technische oder rechtliche Barrieren zugänglich zu machen". Zitat Ende. Und dieses Ziel hat es natürlich gehörig in sich. Denn da fragen natürlich die Wissenschaftsverlage: Liebe Wissenschaftler, was versteht ihr denn unter finanziellen Barrieren? Und da machen die Vertreter der Allianz Digitale Information ganz klar: Sie wollen das wissenschaftliche Publikationswesen vom bisherigen Verlagsmodell auf Open-Access-Zeitschriften umstellen. Damit wäre natürlich das bisherige Geschäftsmodell der Wissenschaftsverlage gefährdet. Ihr Argument gegen Open-Access-Zeitschriften: Der Qualitätssicherungsprozess der Verlage für das nicht mehr greifen.

Manfred Kloiber: Wie sollen denn solche Open-Access-Zeitschriften organisiert sein?

Welchering: Auf so genannten Repositorien, also auf Publikationsservern, die zunächst als Modellprojekt angelegt sind, sollen Dokumente aufgelegt werden. Finanziert werden könnte dies durch eine Abrufgebühr. Also jeder, der das Dokument nutzen will, zahlt dann einen bestimmten Betrag. Das ist allerdings auch nicht ganz unumstritten. Denn die generelle Strategie sieht ja anders aus: Da soll generell die Kostenstruktur umgelagert werden von den reinen Subskriptionskosten, sprich die Abonnenten zahlen dafür, dass sie eine wissenschaftliche Zeitschrift geliefert bekommen, zu Publikationskosten, das heißt, wer ein Dokument auf den Server stellt, trägt die Kosten der Veröffentlichung. Diskutiert wird dann aber tatsächlich auch über eine Abrufgebühr, die aber minimal sein muss. So dass die Publikationskosten auf Dauer durch geringe Abrufgebühren für den Autor, der sein Dokument einstellt, refinanziert würden.

Kloiber: In diesem Zusammenhang gibt es ja auch heftige Kritik an der Bundesregierung. Was beklagen die Wissenschaftler denn da?

Welchering: Da geht es um zwei Punkte. Erstens im Gegensatz zu den Print-Publikationen, die den ermäßigten Mehrwertsteuersatz für sich in Anspruch nehmen können, wird für digitale Publikationen der volle Mehrwertsteuersatz von 19 Prozent erhoben. Und da fordert die Allianz für Digitale Information, den reduzierten Mehrwertsteuersatz auch für digitale Produkte. Zweitens ist die Fachinformationspolitik der vergangenen Jahre heftig in die Kritik geraten. Denn beim Aufbau von Fachinformationszentren lag das Hauptaugenmerk der Förderungspolitik darauf, vorhandene Datenbanken einzukaufen und für ungefähr 600.000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie circa zwei Millionen Studierende nutzbar zu machen. Der Aufbau eigener Datenbanken ist darüber vernachlässigt worden. Und das rächt sich jetzt beim Aufbau von Publikationsservern. Denn da wird das Know-how für die Errichtung von Repositorien dringend gebraucht. Hätte die Regierung, sprich das Forschungsministerium in der Vergangenheit eigene Datenbanken an Universitäten hierzulande stärker gefördert, wäre dieses Know-How vorhanden und könnte für die Publikationsserver bei der Entwicklung von Open-Access-Zeitschriften direkt genutzt werden. Jetzt muss dieses Know-How für teures Geld eingekauft werden.

Kloiber: Wo liegen denn die hauptsächlichen Probleme beim Aufbau dieser Repositorien?

Welchering: Da ergeben sich gleich ganze Problembündel. Eine offene Frage ist etwa, wie die Primärdaten langfristig archiviert werden können, die in Forschungsprojekten entstehen. Auf diese Primärdaten, etwa Ergebnisse von Versuchsreihen, sollen ja andere Forscher auch zugreifen können. Wie aber genau deren systematische Archivierung aussehen soll das ist noch weitgehend ungeklärt. Problem Nr. 2: Bibliotheken und Fachinformationszentren sind vor vielen Jahren aus der Wissenschaftslandschaft ein Stück weit ausgeklinkt worden und wurden nur noch als Serviceeinrichtungen geführt. Sie müssen wieder stärker in die Wissenschaftsorganisationen integriert werden. Und da stoßen die Wissenschaftler im Alltag auf ganz banale Probleme etwa mit unterschiedlichen Datenformaten. Drittes Problem: Wie weit soll das geforderte Grundrecht für Autoren gehen, ihre Ergebnisse über Repositorien publizieren zu können. Ist der Gutachterprozess nicht schon eine Einschränkung dieses Grundrechts, wird da gefragt. Diese Probleme will die Allianz für Digitale Information lösen helfen. Und das scheint mir noch ein langer Weg zu sein.

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