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Seit 09:00 Uhr Nachrichten
StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenDemografie und politische Ökonomie sind nicht zu trennen12.11.2015

FachtagungDemografie und politische Ökonomie sind nicht zu trennen

Es wird in der Diskussion schnell dahingeworfen: Mit den Flüchtlingen ließen sich Engpässe auf dem Arbeitsmarkt schließen. Doch bis Migranten in der Gesellschaft ankommen, ist es ein weiter Weg. Bei einer Fachtagung des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung in Köln rechneten die Experten vor: Durchschnittlich sieben Jahre dauert ein erfolgreicher Integrationsprozess.

Von Mirko Smiljanic

Ein syrischer Flüchtling arbeitet mit seinem Ausbilder in einem Metallbetrieb in Schleswig-Holstein (dpa / picture alliance / Carsten Rehder)
Ein syrischer Flüchtling arbeitet mit seinem Ausbilder in einem Metallbetrieb in Schleswig-Holstein (dpa / picture alliance / Carsten Rehder)
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Der Elektronikkonzern Sony betreibt in seinem Heimatland Japan einen Geschäftszweig, der in Europa kaum bekannten: Er verkauft Lebensversicherungen. Einige Policen von "Sony Life" sind dabei sehr speziell: Sie schützen nicht vor den Risiken eines frühen Todes, sondern vor den Risiken eines langen Lebens. Wer älter als sagen wir 90 Jahre alt wird, bekommt die Versicherungssumme ausgezahlt, um seiner Familie nicht auf der Tasche zu liegen.

Eine geniale Idee in einem Land mit der weltweit höchsten Lebenserwartung bei gleichzeitig niedriger Geburtenrate. Japan-Experte Professor Florian Coulmas von der Universität Duisburg-Essen leitete seinen Vortrag mit dieser Geschichte ein, die einmal mehr belegt: Demografie und politische Ökonomie sind nicht zu trennen! Doch bei genauem Hinsehen zeigen sich Widersprüche. Inmitten schrumpfender Gesellschaften leben zum Beispiel Familien mit vielen Kindern, die erstaunlicherweise sozial an den Rand gedrängt werden. "Viele Kinder, keine Arbeit: Mütter an der Armutsgrenze" hieß der Vortrag von Sara Weckemann, Soziologin am Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Bonn.

"Wenn man Frauen, die Hartz IV beziehen, vergleicht mit Frauen, die kein Hartz IV beziehen, dann zeigt sich, dass Frauen, die sozialstaatliche Leistungen erhalten, deutlich öfter kinderreiche Familien bekommen, das heißt, drei und mehr Kinder. "

Kinder als Faktor zur Anerkennung

Simone B. ist so eine Frau: Sie ist 26 Jahr alt, arbeitslos und lebt seit dem 18. Lebensjahr von staatlicher Unterstützung. Sie hat keinen Partner, aber aus drei vergangenen Beziehungen jeweils ein Kind. Warum gründen Frauen wie Simone B. kinderreiche Familien? Tun sie es, wie häufig kolportiert, um eine geregelte Erwerbstätigkeit zu vermeiden? Ein immer wiederkehrendes Muster bei fast allen Hartz IV beziehenden Frauen mit vielen Kindern sind instabile Partnerschaften.

"Die sind entweder alleinerziehend oder leben in nichtehelichen Lebensgemeinschaften, die im Vergleich zur Ehe die weniger verbindliche Partnerschaftsform ist und auch häufiger zerbricht wieder."

In solchen Konstellationen Kinder in die Welt zu setzen, scheint zunächst einmal riskant und unlogisch. Bei genauem Hinsehen gibt es aber durchaus nachvollziehbare Gründe, wobei die Motive den Frauen selten bewusst sind.

"Die planen die Kinder auch nicht unbedingt aktiv, sondern lassen sie eher geschehen. Aber es gibt einen ausschlaggebenden übergeordneten Faktor, warum sie das tun, und das ist, dass sie mit den Kindern die Hoffnung haben, Anerkennung zu beziehen, die sie ansonsten weder in engen Beziehung noch in der Arbeitswelt finden können."

Es sei falsch, so Sara Weckemann, dass alleinerziehende Frauen "sich auf Sozialleistung ausruhen möchten". In den meisten Fällen läuft die Suche nach Anerkennung über viele Kinder allerdings ins Leere.

"Und was hinzukommt, ist, dass einige von ihnen auch massive familiäre Probleme haben. Das ist nicht bei allen der Fall, aber man sieht schon, dass einige unter den Frauen einfach mit dieser Lebenssituation – viele Kinder, kein Partner, sozialstaatliche Leistung – enorm überfordert sind."

Wie nutzen Bürger ihr Zeitbudget?

In eine andere Richtung zielt der Vortrag von Peter Klös, Wissenschaftler Leiter des Instituts der deutschen Wirtschaft, Köln. "Fachkräftesicherung und Demografie" war sein Thema, vor dem Hintergrund sinkender Geburtenraten bei gleichzeitig breiten Flüchtlingsströmen ein brandaktuelles Thema. Zunächst einmal beschäftigte ihn aber die Frage, wie deutsche Bürger ihr Zeitbudget eigentlich nutzen? Wenden sie in Zeiten ökonomischer Krisen mehr Zeit für Arbeit auf?

"Eines der überraschenden Muster ist, dass, anders als vielfach vermutet, die Summe aus bezahlter und unbezahlter Arbeit, also, das, was wir gemeinhin als Arbeit betrachten, dass das im Zeitlauf nicht zugenommen hat, dass das vergleichsweise stabil ist, dass wir in der Woche so um die 45 Stunden - in der Woche wohlgemerkt - bezahlte und unbezahlte Arbeit über alle Erwachsenen hinweg aufwenden."

Niemand jobbt 70 oder 80 Stunden pro Woche, um über die Runden zu kommen. Allerdings hat sich bei Frauen die Verteilung zwischen bezahlter und
unbezahlter Arbeit verschoben, was aber den steigenden Bedarf an Arbeitskräften nicht kompensiert. Ausgesprochen verlockend ist die Vorstellung, die in die Millionen gehenden Flüchtlinge könnten mittelfristig diese Lücke schließen. Sie können.

Integration von Flüchtlingen auf dem Arbeitsmarkt 

"Die Empirien, die wir dafür vorlegen können, ist, dass es in technischen Qualifikationen, namentlich in beruflichen technischen Qualifikationen, weniger vielleicht als in akademisch-technischen Qualifikationen und in Bereich von bestimmten personenbezogenen Dienstleistungen in der Tat schon jetzt Engpässe auf dem Arbeitsmarkt gibt, die zum Teil nur durch Zuwanderung geschlossen werden können, dass auch schon in der Vergangenheit durch eine Veränderung der Qualifikationsstruktur der Zuwanderer Lücken am Arbeitsmarkt geschlossen werden konnten."

Auf keinen Fall dürfe man Arbeitsmigration und Flüchtlingsmigration gleichsetzen, so Klös, bei der Arbeitsmigration gehe es um die Bedürfnisse des Landes, bei der Flüchtlingsmigration um die Bedürfnisse der Flüchtlinge. Bis Flüchtlinge in der deutschen Gesellschaft ankommen, sei es ein weiter Weg.

"Dass der Weg in die berufliche Bildung ein erfolgversprechender Weg sein kann, ist glaube ich gemeinsam akzeptiert, aber es ist auch gemeinsam akzeptiert, dass der Weg dorthin sehr voraussetzungsvoll ist, dass es eine sehr konzentrierte gemeinsame Aktivität geben muss all derer, die im Bereich der beruflichen Bildung unterwegs sind. Das betrifft die Kammern, das betrifft die Kultusministerien, das betrifft die Arbeitsagenturen, also hier ist wirklich eine konzertierte Aktion nötig! "

Durchschnittlich sieben Jahre, so die Berechnungen des "Instituts der deutschen Wirtschaft", dauert ein erfolgreicher Integrationsprozess, bis sprachliche und berufliche Bildung soweit abgeschlossen sind, dass der einzelne Arbeitnehmer mehr verdient als er kostet.

"Das heißt, bis dahin ist dann auch das Thema Fachkräftesicherung ein weiter Weg, bis dort mal die Ernte eingefahren werden kann. Heißt trotzdem, für eine alternde Gesellschaft ist dieser Zuzug von jüngeren Menschen eine Chance, allerdings eine Chance, die nur unter sehr ambitionierten Voraussetzungen auch in kurzer Zeit eingelöst werden kann."

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