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StartseiteForschung aktuellFairness unter Affen15.01.2013

Fairness unter Affen

Bei einem spielerischen Experiment handelten Schimpansen genauso sozial wie Kinder

"Kein Fairplay bei Schimpansen", das berichteten Forscher in einer Verhaltensstudie aus dem Jahr 2007. Nun schreiben US-Wissenschaftler in der Fachzeitschrift "PNAS" das Gegenteil: Die Tiere sind sehr wohl fair. Kurios: Beide Forschergruppen verwendeten das gleiche Messinstrument - das sogenannte Ultimatum-Spiel.

Von Volkart Wildermuth

Wenn Entscheidungen von mehreren Individuen abhängen, sind Schimpansen offenbar fairer.   (AP Archiv)
Wenn Entscheidungen von mehreren Individuen abhängen, sind Schimpansen offenbar fairer. (AP Archiv)

Auf dem Tisch: sechs dicke Scheiben einer Banane. Davor, in getrennten Käfigen, sitzen zwei Schimpansen. Der eine kann zwischen zwei bunten Plastikstücken wählen. Das erste steht für eine faire Aufteilung, das zweite für eine unfaire, erläutert Dr. Darby Proctor von der Georgia State Universität in Atlanta.

"Wir haben Symbole für die Schimpansen gemacht. Bei dem einen werden die Bananen halbe-halbe geteilt, beim anderen erhält der aufteilende Schimpanse den Großteil der Bananenstücke."

In einer ersten Runde der Experimente suchte sich der erste Schimpanse eines der Plastikstücke aus und Darby Proctor teilte die Bananenstücke entsprechend auf, entweder drei für jeden, oder fünf für den ersten und nur eines für den zweiten Schimpansen. Dieser konnte bei der ganzen Transaktion nur zusehen. In der nächsten Runde mussten die beiden Schimpansen kooperieren. Der erste wählte das Plastikstück aus und reichte sie seinem Artgenossen. Nur wenn der es an Darby Proctor weitergab, erhielten beide Bananen, wieder in der vom ersten Affen gewählten Aufteilung.

"Wenn der Schimpanse im Nachbarkäfig aktiv beteiligt war, gab es viel großzügigere Angebote. Wenn er dagegen nur passiv dabeisaß, waren die Schimpansen deutlich selbstsüchtiger."

Darby Proctor hat vergleichbare Experimente auch mit Vorschulkindern gemacht, mit ähnlichen Ergebnissen.

"Wir schließen aus den Ergebnissen, dass Schimpansen und Menschen einen ähnlichen Sinn für Fairness besitzen. Und dass die evolutionäre Geschichte der Fairness mindestens zurückreicht bis zu den gemeinsamen Vorfahren von Menschen und Schimpansen."

Ganz andere Ergebnisse erzielte 2007 Dr. Keith Jensen am Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig. In seinem Experiment ging es um Rosinen. Der erste Schimpanse konnte damals wählen zwischen einem Tablett mit zwei Mal fünf Rosinen, das war das faire Angebot, und einem, bei dem er acht Rosinen erhielt und der Partner nur zwei. Um die Rosinen aber tatsächlich zu erhalten, musste der zweite Affe auch hier kooperieren.

"Meist haben sie acht Rosinen behalten und dem anderen zwei überlassen - und das wurde von den Partnern akzeptiert."

Nur wenn sie gar nichts abbekommen sollten, lehnten die meisten Schimpansen das Angebot ab. Damit verhalten sie sich ganz anders als Menschen, die lieber auf einen kleinen Gewinn verzichten, als eine unfaire Aufteilung zu akzeptieren.

Schimpansen haben wenig Sinn für Fairness, schloss Keith Jensen seinerzeit aus seinen Ergebnissen. Weder machen sie faire Angebote, noch lehnen sie unfaire Angebote ab. In Leipzig denken Schimpansen offenbar vor allem an den eigenen Vorteil, während sie in Atlanta großzügig sind. Das kann so nicht stimmen und so kritisieren die beiden Gruppen gegenseitig ihre Experimente. Darby Proctor glaubt, dass der direkte Umgang mit den leckeren Rosinen bei den Schimpansen in Leipzig jedes Gefühl für Fairness überlagert hat.

"Für Schimpansen ist es sehr schwer, Futter zu ignorieren. Deshalb haben wir ja die symbolischen Plastikstücke verwendet. Das gab den Affen Gelegenheit, die Situation ruhig zu beurteilen, ohne ihren starken Wunsch nach Essen unterdrücken zu müssen."

Das würde darauf hinauslaufen, dass Schimpansen durchaus fair sein können, nur nicht, wenn es direkt um Leckereien geht. Keith Jensen kontert, dass in Atlanta kaum Kontrollversuche gemacht wurden, so dass die Ergebnisse schwer zu interpretieren sind.

"Es ist nicht offensichtlich, dass die Schimpansen durch Fairness motiviert waren. Es gäbe auch andere Erklärungen. Es ist völlig unklar, was die Schimpansen eigentlich machen."

Die Forscher argumentieren mit harten Bandagen. Mit Sicherheit lässt sich bislang nur eines sagen: Schimpansen können großzügig sein, aber Fairness als soziale Regel verstehen sie wohl nicht. Sie würden nie auf Rosinen oder Bananen verzichten, nur um sich gegen ein unfaires Angebot zu wehren.

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