• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 12:10 Uhr Informationen am Mittag
StartseiteNachrichten vertieftWie "Breitbart" Fakten verdreht und einen Mob marodieren lässt04.01.2017

Fake NewsWie "Breitbart" Fakten verdreht und einen Mob marodieren lässt

In Dortmund feierten Männer ausländischer Herkunft Silvester. Es kam zu Sachbeschädigungen und Provokationen. Eine Herausforderung für die Polizei. Anlass für umstrittene Medien, daraus einen Ausnahmezustand zu konstruieren, den es nicht gab.

Von Victoria Reith

Breitbart titelte: "1.000-Mann-Mob attackiert Polizei, setzt Deutschlands älteste Kirche in Brand." Nichts davon stimmt. (Screenshot Breitbart.com)
Breitbart titelte: "1.000-Mann-Mob attackiert Polizei, setzt Deutschlands älteste Kirche in Brand." Nichts davon stimmt. (Screenshot Breitbart.com)
Mehr zum Thema

Aufgedeckt - bevor es passiert Die Fake-News 2017

Zukunft des Internets "Ich mache mir Sorgen, dass wir die Offenheit verlieren"

Kulturhistoriker Konrad Paul Liessmann: "Falschmeldungen hat es immer gegeben"

Ein Mob von mehr als 1.000 Männern habe "Allahu Akbar" geschrien, Polizisten attackiert und eine historische Kirche in Brand gesetzt, berichtet das umstrittene, rechtskonservative US-Portal "Breitbart" und zeichnet ein düsteres, bedrohliches Bild von der Silvesternacht in Dortmund. Für den Leser scheint es so, als sei die Lage dort in der Nacht zum neuen Jahr vollkommen außer Kontrolle geraten.

Die Wahrheit: Eine Gruppe von 1.000 Männern feierte in der Dortmunder Innenstadt. Es gab auch einzelne "Allahu-Akbar"-Rufe. Eine Feuerwerksrakete landete im Netz eines Baugerüsts der Reinoldikirche, die auch, anders als "Breitbart" berichtete, nicht die älteste Kirche Deutschlands ist. Dort entstand ein kleinerer Brand, der schnell gelöscht werden konnte. Einige Polizisten wurden verletzt - doch kein Beamter wurde gezielt attackiert.

Grundlage der verdrehten Darstellung: nüchterne Lokalberichterstattung

Die Grundlage für die Artikel der ausländischen Medien: die Berichterstattung der "Ruhr Nachrichten", deren Reporter Peter Bandermann am Silvesterabend in der Dortmunder Innenstadt zugegen war. Allerdings wurden die Fakten überdreht, verfälscht und in dieser Form schließlich über soziale Netzwerke verbreitet.

Laut einer Pressemitteilung der Dortmunder Polizei am Neujahrstag nahmen die Beamten 28 Anzeigen wegen Sachbeschädigungen auf, 41 wegen Körperverletzungsdelikten. Sie sprachen 79 Platzverweise aus, nahmen zwölf Personen in Gewahrsam und 13 vorläufig fest. Dazu kamen unter anderem vier Taschendiebstähle, vier Raubdelikte und ein so genanntes "Antanz"-Delikt. Die Polizei entwarnte am Neujahrstag: Es habe "keine besonders herausragenden Sachverhalte" gegeben. Zum Vergleich: Am 1. Januar 2015 sagte Andreas Weiß, Dienstgruppenleiter auf der Leitstelle im Polizei-Präsidium, dem Blatt: "Mit 40 Körperverletzungen und 20 Sachbeschädigungen waren das zwischen 22 und 6 Uhr die silvestertypischen Einsätze."

Auch andere Medien griffen die Meldung auf. Der österreichische "Wochenblick", der als FPÖ-nah gilt, titelte: "Silvester in Dortmund: 'Allahu Akbar' und Kirchenbrand". Es gab wohl "Allahu Akbar"-Rufe; übersetzt heißt das "Gott ist groß"; islamistische Terroristen missbrauchen den Ausruf - häufig für ihre Ideologie im Zusammenhang mit Anschlägen.

Der "Wochenblick" fasst verkürzt zusammen: "Hunderte Syrer rufen den Schlachtruf 'Allahu Akbar', wenig später brennt die Kirche, Polizisten werden mit Raketen beschossen. Ein Sprecher der Stadt Dortmund nennt das 'eine normale Silvesternacht'." 

Der Beitrag wird auf Facebook mehr als 800 Mal geteilt - und entfacht so eine Wirkung, die den ernsten, aber in der Polizei- und Lokalberichterstattung nüchtern dargestellten Ereignissen in Dortmund einen Eskalationscharakter verleiht.

Klarstellung der Polizei als Reaktion auf ausländische Berichte

Die Polizei Dortmund hat inzwischen auf die ausländischen Medienberichte reagiert. Eine Sprecherin stellte gegenüber der Nachrichtenagentur AP klar: "Die Silvesternacht war in Wahrheit ziemlich ruhig. Berichte über das Gegenteil entsprechen absolut nicht den Tatsachen." Eine Handvoll Polizisten sei verletzt worden, aber niemand wurde gezielt attackiert. Die Sprecherin sagte, die Behörden würden mit einer wachsenden Zahl von irreführenden Berichten konfrontiert. "Ich fürchte, das Phänomen Fake News wird nicht von alleine verschwinden."

Sind solche Meldungen erst einmal in der Welt, sind die Reaktionen schwer wieder einzufangen. So schreibt eine Suzi S. in einer Twitter-Nachricht, in der sie auch den künftigen US-Präsidenten Donald Trump erwähnt: "Migranten brennen die Liebfrauen-Kirche in Dortmund ab. So wütend!!! Und Traurig."

In Deutschland gibt es seit Längerem eine Debatte über Fake News, vor allem in Bezug auf Flüchtlinge und Migranten. Dabei kann es sich sowohl um erfundene Ereignisse als auch um die übertriebene und verfälschte Darstellung tatsächlicher Ereignisse handeln. In Bayern hat die Polizei gestern bei einem ähnlichen Fall öffentlich klargestellt, dass es sich bei einer angeblichen Vergewaltigung durch einen Asylbewerber um eine Falschmeldung handele.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) hat bereits vor Fake News im Wahlkampf gewarnt und die Betreiber sozialer Netzwerke dazu aufgerufen, ihrer Verantwortung stärker gerecht zu werden und Hass und Falschmeldungen aus dem Netz zu nehmen. Ähnlich äußerte sich der Bundeswahlleiter, der vor gefälschten Nachrichten im Bundestagswahlkampf warnte.

Die Politik ist alarmiert

Im Bundesrat wurde bereits ein Gesetz beschlossen, das sogenannte "Social Bots", computergesteuerte Falschprofile, verbieten soll. Hessens Justizministerin Eva Kühne-Hörmann (CDU) rief den Bundestag dazu auf, das Gesetz noch vor der Wahl im Herbst zu verabschieden.

Der Reporter der "Ruhr Nachrichten", Peter Bandermann, erhält seit seinen Berichten zur Silvesternacht in Dortmund harsche Reaktionen via Twitter - unter anderem ein Foto eines Galgens. Er schreibt: "Wie aus Fakenews, Hass und Propaganda ein Aufruf zur Lynchjustiz gegen Angela Merkel wird".

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk