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Falcone und die Folgen

Zum 20. Jahrestag des Mafia-Attentats

Von Stefan Troendle

Undatiertes Archivbild des ermordeten Mafiajägers Giovanni Falcone
Undatiertes Archivbild des ermordeten Mafiajägers Giovanni Falcone (AP Archiv)

Der Bombenanschlag auf Richter Giovanni Falcone am 23. Mai 1992 hat für Sizilien einen Stellenwert wie der 11. September für die USA. Es war ein Attentat, mit dem die Mafia eigentlich ihre Macht zeigen wollte. Doch der Mord an dem bekanntesten und erfolgreichsten Anti-Mafia-Kämpfer und seiner Frau riss Italien aus der Lethargie. Die Mafia wurde endlich als nationales Problem erkannt und es entstand eine riesige Protestbewegung, deren Folgen heute erst richtig zu sehen sind.

Leonluca Orlando, Bürgermeister von Palermo:

"Die Mafia hat das Attentat durchgeführt, aber die Mafia, die einen Richter von Falcones Rang tötet, muss wissen, ja sie weiß, dass es innerhalb des Staatsapparats jemanden gibt, der sie schützt oder weiter schützen wird. Die Mafia ist gegen den Staat und zugleich auch im Staat selbst. Sie ist gegen die Banken und arbeitet innerhalb der Banken, sie ist gegen die Kirche und innerhalb der Kirche, sie ist gegen die Gesellschaft und innerhalb der Gesellschaft. Nach der Ermordung von Richter Paolo Borsellino, die das alles abgeschlossen hat, ist eine noch nie dagewesene Bürgerbewegung entstanden und von deren Empörung getragen bin ich ein Jahr später erneut zum Bürgermeister von Palermo gewählt worden."

Denn die Sprengstoffmorde an Giovanni Falcone und später im Jahr an seinem Kollegen und Freund Paolo Borsellino haben 1992 ganz Italien aus der Gleichgültigkeit gebombt, die Cosa Nostra wurde zum nationalen Problem. Insofern, sagt die Schwester von Giovanni Falcone, Maria, hatten die Attentate durchaus einen Effekt:

"Das war so etwas wie ein Bumerang für die Mafia. Denn damit begann alles. Dieses terroristische Attentat hat die Menschen in diesem Moment dazu gebracht zu sagen: Jetzt reicht es! Und unter dem ständigen Druck der immer empörteren Bürger musste der Staat schließlich eindeutig reagieren."

Und der schickte das Militär. Es war der größte Einsatz seit dem Zweiten Weltkrieg. Bis zu 12.000 Soldaten waren zeitweise auf der Insel, um die Polizei zu verstärken - und zwar für sechs Jahre. Auch die Ermittlungen kamen recht schnell voran. Ein Jahr nach dem Attentat wurde der Urheber gefasst, Toto Riina, ein Boss aus Corleone. 1996 kam Michele Prestipino nach Palermo und arbeitete dort bis 2008 als Staatsanwalt. Gerade gesellschaftlich hat sich in den Jahren nach den Attentaten vieles sichtbar verändert, sagt er.

"Die sizilianische Kirche von 1992/93 ist nicht dieselbe von 2008, das System der Unternehmer von 1992 ist nicht das von heute, dasselbe kann man über Schule und Ausbildung sagen. Es ist ein Prozess in Gang gesetzt worden, das Wissen und Verständnis über die Mafia aufzuarbeiten. Dies hat Tausende, Zehntausende, Hunderttausende von Jugendlichen umfasst. Und diese Generation stellt heute die Führungskräfte in vielen Bereichen in Sizilien."

Denn ein Wertewandel setzte ein. Auf einmal gab es anschaulichen Aufklärungsunterricht in den Schulen. Jugendlichen wurde bewusst gemacht, was es heißt, mit der Mafia zusammenzuarbeiten. Einzelne Geschäftsleute weigerten sich plötzlich Schutzgeld zu zahlen, Studenten gründeten die Bewegung "Addiopizzo" - "Tschüss Schutzgeld". Eine von ihnen war Chiara Capri, die als fünfjährige die Folgen der Bombenattentate miterlebt hatte. Sie schreibt inzwischen Bücher über die Mafia, hat ihr Medizinstudium fast abgeschlossen und will sich auf forensische Psychiatrie spezialisieren, um Täterprofile zu erarbeiten. Auch für sie begann alles mit dem Mord an Giovanni Falcone, sagt sie, der dafür sorgte, dass sie sich schon als Kind dafür interessierte, warum eigentlich jemand in ihrer Heimatstadt Bomben legt.

"Die Attentate, die in diesen Jahren verübt wurden, versetzten die Stadt in eine Art Krieg, wie wenn in Kabul oder anderen Kriegsgebieten, die Bombe explodiert und alle erinnern sich daran, wo sie waren und was sie gerade getan haben. Auch wenn ich damals noch klein war: die Explosion auf der Autobahn, später der Mord an Borsellino, diesen wahnsinnigen Schlag, diese Explosion zu hören, da ist für dich die Zeit stehen geblieben."

Palermo hat sich verändert nach den Anschlägen vor 20 Jahren. Die führenden Köpfe der Mafia von damals sitzen alle im Gefängnis, entscheidende Kontakte wurden gekappt - aber trotzdem gibt es die Mafia noch, sagt Leoluca Orlando:

"Sie hat sich gewandelt von der Mafia, die schießt und Attentate verübt, zur Mafia in Anzug und Krawatte, die sich in den Weiten der Finanzwelt verbirgt. Heute die Mafia zu bekämpfen, ist weniger gefährlich, aber es ist schwieriger."

Maria Falcone hat den Kampf gegen die Mafia nach den Morden zu ihrem Lebensziel gemacht, hat eine Stiftung gegründet und organisiert landesweit Aufklärung in Schulen. Sie frage sich häufig, sagt sie, was eigentlich passiert wäre, wenn ihr Bruder nicht umgebracht worden wäre, wenn er weitergearbeitet hätte.

"Wenn er einen Staat zur Seite gehabt hätte und eine Gesellschaft, die ihn unterstützten, anstatt mit Neid, Vorwürfen, Zweifeln überschüttet zu werden. Meine Frage: Wo wären wir jetzt? Vielleicht wäre die Costra Nostra wirklich besiegt."

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