Montag, 22.01.2018
StartseiteKommentare und Themen der WocheDer Respekt verbietet Vorverurteilungen 29.12.2017

Fall KandelDer Respekt verbietet Vorverurteilungen

Ein Jugendlicher im rheinland-pfälzischen Kandel soll ein gleichaltriges Mädchen erstochen haben - und in den sogenannten sozialen Medien kochen fremdenfeindliche Hetze und Ausländerhass hoch. Der Fall werde schäbig ausgenutzt, um gegen Flüchtlinge zu hetzen, kommentiert Dlf-Sicherheitsexperte Gerwald Herter.

Von Gerwald Herter

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Ein Zettel mit der Aufschrift "Engel sind für immer nah" liegt am 28.12.2017 vor dem Drogeriemarkt in Kandel zwischen abgelegten Blumen und Kerzen (Andreas Arnold / dpa)
"Mitgefühl und Anteilnahme der Familie des Opfers gegenüber beweist niemand mit Hetze und Ausländerhass", kommentiert Gerwald Herter (Andreas Arnold / dpa)

Unsere wichtigste Aufgabe ist es, Fakten zu schildern. Und wenn es dabei um eine Straftat geht, wie jetzt im rheinland-pfälzischen Kandel, dann sollten wir das Urteil selbstverständlich der Justiz überlassen, also Richtern. So ist das in Deutschland und damit haben wir gute Erfahrungen gemacht. Man spricht von Gewaltenteilung. Medien, zu ihnen gehört der Deutschlandfunk, sind aus Sicht vieler so etwas wie eine "vierte Gewalt". Ob man das nun so sieht oder nicht, diese Bezeichnung macht zumindest deutlich, dass eine Aufgabenteilung nötig ist. Deshalb gehen wir mit Angaben zu Verbrechensopfern sorgsam um und wir sprechen andererseits von "Verdächtigen" oder auch "mutmaßlichen Tätern" - solange bis sie verurteilt sind oder freigesprochen werden. Das ist Ausdruck des Respekts gegenüber der Würde von Menschen und es drückt außerdem aus, dass wir unseren Gerichten vertrauen und deren Urteile akzeptieren, wenn es im ein oder anderen Fall auch schwerfallen mag. 

Es ist schäbig, jede Gewalttat auszunutzen, um gegen Flüchtlinge zu hetzen

Aus diesem Respekt vor der Justiz und ihren Urteilen ergibt sich, dass sich Vorverurteilungen verbieten. Und spätestens an diesem Punkt geraten wir, die Medien, in ein Spannungsfeld: Es genügte, im Fall der tödlichen Messerattacke von Kandel, die Nationalität des mutmaßlichen Täters zu nennen, um einen Sturm der Vorverurteilungen auszulösen. Es war ein Afghane! In den sogenannten sozialen Netzwerken gibt es seitdem kein Halten mehr. Der Täter ist dort längst verurteilt worden, wegen Mordes und nicht wegen Totschlags. Mit ihm, so wirkt es, sind die allermeisten Afghanen schuldig und deshalb selbstverständlich auch die Bundesregierung. Sie hat diese "Fremden" ja schließlich ins Land gelassen. Der Bürgermeister von Kandel warnt deshalb davor, jetzt fremdenfeindliche Parolen in die Welt zu setzen und da hat er recht: Mitgefühl und Anteilnahme der Familie des Opfers gegenüber beweist niemand mit Hetze und Ausländerhass. Im Gegenteil, es ist schäbig, jede Gewalttat auszunutzen, um wieder und wieder gegen Afghanen oder andere Flüchtlinge zu hetzen. 

Dass wir uns, gerade vor diesem Hintergrund, also wegen der absehbaren Folgen genau überlegen, wie wir über solch eine Tat berichten, können Sie, unsere Hörer zu Recht erwarten. Welche Wirkung unsere Berichterstattung hat, kann dabei auch eine Rolle spielen. Diese Überlegung kann allerdings nur in seltenen Ausnahmefällen entscheidend sein. 

In diesem Fall, Kandel, handelt es sich offenbar um eine Beziehungstat. Richter müssen das klären. Überhaupt keine Tat eignet sich, um Vorurteile zu bestätigen. Es kommt auch in diesem Fall in erster Linie nicht auf die Nationalität des Täters an, mit seinen Motiven hat sie nichts zu tun. Dass auch Flüchtlinge Straftaten, darunter schwere Straftaten verüben, will niemand verschweigen. Wer an den Ursachen dafür auf politischem Wege etwas ändern will, muss differenzieren, statt Vorurteile aufzubauen.

Gerwald Herter (Deutschlandradio - C. Kruppa)Gerwald Herter (Deutschlandradio - C. Kruppa)Gerwald Herter studierte Geschichte und Internationale Beziehungen in München und Straßburg. Tätigkeit im Institut für Zeitgeschichte, freie Mitarbeit bei ARTE und beim ARD-Fernsehen. Volontariat beim Bayerischen Rundfunk. BR-Korrespondent zunächst in Bonn, dann in Brüssel, anschließend Leiter des ARD-Studios Südosteuropa, später ARD-Terrorismusexperte. Ab 2011 Leiter der Dlf-Redaktion Europa und Außenpolitik in der Abteilung Hintergrund. Seit Juli 2017 Dlf-Sicherheitsexperte.

 

 

 

 

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