Freitag, 15.12.2017

Fall Oury JallohTraurige Logik

Der Fall Oury Jalloh sei ein Beispiel wie Polizeiarbeit nicht funktionieren soll, kommentiert André Damm. Längst hätte der Frage nachgegangen werden müssen, ob es vielleicht doch ein Mord war oder ein vertuschter Unfall. Bei der Aufklärung dieses Todes sei der Rechtsstaat an seine Grenze gestoßen.

Von André Damm

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Transparent mit einem Porträt von Oury Jalloh am 13.12.2012 nach der Urteilsverkündung im Prozess um den Feuertod des Afrikaners vor dem Landgericht in Magdeburg (Sachsen-Anhalt). Der Asylbewerber aus Sierra Leone war 2005 in Dessau-Roßlau bei einem Brand in einer Polizeizelle ums Leben gekommen. (picture alliance / dpa / Jens Wolf)
Der Feuertod von Oury Jalloh liegt rund zwölf Jahre zurück, die Umstände seines Todes konnten in zwei Prozessen nicht geklärt werden (picture alliance / dpa / Jens Wolf)
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Vor fast 13 Jahren starb Oury Jalloh. Ich war seitdem bei mehreren Prozessen, habe Gutachten gelesen, Brandversuche beobachtet, Zeugenbefragungen angehört. Das Ergebnis für mich - höchst überschaubar: Vielleicht hat sich Jalloh angezündet, vielleicht aber auch nicht. Jede Version ist möglich, befanden die Ermittler, für jede gebe es Indizien - was fehlte waren Beweise und Zeugenaussagen. Ein Richter kam im ersten großen Jalloh-Prozess zu der bemerkenswerten Einschätzung: Einige Beamte des Dessauer Polizeireviers seien eine Schande für den Rechtsstaat, hätten verheimlicht, vertuscht und verdrängt.

Polizei löschte das Tatortvideo

Der Fall Jalloh ist für mich ein Beispiel für Polizeiarbeit, wie sie nicht funktioniere soll: Im Januar 2005 wird der Afrikaner in Dessau aufgegriffen, weil er Frauen belästigt haben soll. Ein Bagatelldelikt. Trotzdem wird er in der Zelle des Polizeireviers an Beinen und Füßen an eine Liege gefesselt. Mit einem Feuerzeug, dass die Polizisten beim Durchsuchen übersehen hatten, soll er danach eine feuerfeste Matratze angezündet haben. Als der Feueralarm anging, drehte der Einsatzleiter der Polizei den Warnton leise. Jalloh konnte nicht gerettet werden, war bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Später wurde in der Polizeizelle kein Feuerzeug mehr gefunden, das aber Tage später wieder auftauchte. Versehentlich löschten die Beamten auch noch das Tatortvideo.

Anhand dieser Liste an Unstimmigkeiten, die längst nicht vollzählig ist, machte bei den Jalloh-Unterstützern schnell eine Mord-Theorie die Runde. Alltags-Rassismus in Dessau. Beweise dafür aber konnten zu keiner Zeit erbracht werden.

Das Umschwenken kommt zu spät

Somit vertrat die Dessauer Staatsanwaltschaft konsequent die These von der Selbstverbrennung. Dass jetzt der damalige leitende Ermittler - ein Oberstaatsanwalt - umschwenkt und einen Mord für möglich hält, kommt deshalb überraschend und hat mich irritiert.

Zweifellos kann er seine neue Sichtweise mit vielen Indizien untermauern, aber die Frage bleibt doch, warum er erst nach zwölf Jahren derart offensiv auf einen möglichen Polizeikomplott hinweist. Ich hätte erwartet, dass die Strafverfolger viel früher in diese Richtung ermitteln. Inzwischen ist nicht mehr die Staatsanwaltschaft Dessau, sondern die Behörde in Halle für den Fall zuständig. Dort aber will man sämtliche Ermittlungen einstellen. Banale Begründung: Nach so langer Zeit kann der Tathergang unmöglich rekonstruiert werden.

Für mich hat das eine traurige Logik. Denn bei der Aufklärung des Todes von Oury Jalloh ist der Rechtsstaat an seine Grenze gestoßen. Spekulationen, ob es vielleicht doch Mord war oder ein Unfall, den jemand vertuschen wollte, werden diesen Fall nicht mehr voranbringen. Aber eins hat die neue Debatte doch bewirkt: Über den Umgang der Polizei mit Ausländern wird wieder gesprochen.

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