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StartseiteBüchermarktFallstricke des Schreibens13.06.2007

Fallstricke des Schreibens

Heike Geißler: "Nichts was tragisch wäre"

Die Geschichte von "Nichts was tragisch wäre" ist rasch erzählt: Eine junge Frau, Autorin von Beruf, ringt mit der Fertigstellung ihres neuen Romans. Das Ende will sich nicht finden, mit welchen Tricks auch immer die Autorin sich selbst und ihre Fiktion zu überlisten sucht. Selbst ihre Freunde glauben schon lange nicht mehr daran, dass dieses Buch je abgeschlossen sein wird.

Von Claudia Kramatschek

Eine Autorin ringt mit ihrem Roman: "Angst, Orte zu beschreiben und sie mir dadurch anzueignen". (Stock.XCHNG / Erik Dungan)
Eine Autorin ringt mit ihrem Roman: "Angst, Orte zu beschreiben und sie mir dadurch anzueignen". (Stock.XCHNG / Erik Dungan)

Nichts was tragisch wäre? Man ahnt: Dieser vermeintlich lakonische Titel kann nur ironische Untertreibung sein. Denn der Roman, den wir in Händen halten, ist ein in Literatur verwandelter Werkstattbericht, mit dem die Autorin über ihr eigenes Schreiben auf ihre Weise Zeugnis ablegt.

"Tatsächlich ist dieser Text (...) für mich eine Art Erfahrungsbericht. Natürlich vollkommen fiktionalisiert – es ist eine eigene Geschichte geworden, eine eigene neue Erzählung. Aber er ist (...) sicherlich Resultat einer langen Beschäftigung, einer langen Erfahrungsreise: nämlich sind es ca. 3 oder 4 Jahre, in denen ich versucht habe, einen Text zu schreiben. (...) Aber immer wieder ist mein Text zusammen gebrochen.

Ich habe sehr viele Schwierigkeiten gehabt. Schwierigkeiten grundsätzlich mit der Fiktion, mit der Findung einer Geschichte. Was ist eine gute Geschichte. Ich wusste nicht mehr: was sind Maßstäbe, was sind meine. (...) Und das zum Thema zu machen: (...) warum funktioniert es nicht? war einerseits Notlösung für mich, andererseits aber doch auch die Geschichte, die ich gesucht habe."

Der Anfang ist ein Ende. Die, um die es geht, schrieb, seit sie in die Stadt zog, an einer Geschichte und mochte diese Geschichte sehr. Sie hatte sich mit dieser Geschichte gut eingerichtet in ihrem Leben, hatte die Geschichte zu einer Hauptbeschäftigung gemacht, manchmal meinte sie, ein Ende der Geschichte kommen zu sehen, doch war es ihr dann stets so erschienen, dass der Anfang ein anderer sein müsse oder dass eine verworfene Version der Geschichte besser gewesen wäre.

"Nichts was tragisch wäre" ist daher weniger ein Roman – soviel sei klärend vorweg gesagt – sondern eher eine literarische Reflexion. Eine Reflexion über die Fallstricke des Schreibens, in diesem konkreten Fall des zweiten Romans, an dem Heike Geissler, wie sie bekennt, nach dem Erfolg von Rosa, ihres Debüts, mit dem Druck der imaginären Leserschaft auf den Schultern gearbeitet habe. Im Zentrum aber ihrer neuen Prosa steht ein ganz besonderes Verhältnis: das so schwierige wie innige Verhältnis zwischen der Figur der Autorin und ihrer Lieblingsfigur. Denn als diese Autorin für einige Zeit die Stadt Halle verlässt, in der sie seit kurzem ansässig ist, und sich zur besseren Schreibinspiration auf eine kleine Insel begibt, kündigt die Lieblingsfigur dort von einem Tag auf den anderen die Zusammenarbeit auf. Der Grund dieser Revolte: die Liebesgeschichte, die sie von der Autorin angedichtet bekommen hat, passt ihr samt dazugehörigem Herrn schon lange nicht mehr. Stattdessen träumt sie davon, ein Cowgirl zu sein.

"Was nun zu tun sei, wusste die, um die es geht, nicht. Später, sagte sie, bekommst du deine Pferdegeschichte. Ich schreibe sie dir, sobald diese hier, sie legte die Hand auf den Stapel der geordneten Seiten, beendet ist. Das wird nicht lange dauern, könnte aber dauern, wenn du weiter revoltierst.
Ha, sagte die Lieblingsfigur, eine Revolte sehe anders aus! Wirf, sagte sie, deine Liebesgeschichten weg. Sie sei, sagte sie, ein geborenes Cowgirl..
Später, sagte die, um die es geht. Ich muss von etwas leben. Das ist mein letztes Wort.
Ganz die Ihrige, brüllte die Lieblingsfigur, knallte die Hacken ihrer Reitstiefel zusammen, nahm den Ausgang durch das Fenster."


"Es geht da schon noch um so eine - vielleicht abgeschmackte – aber immer aktuelle Bildnisthematik: du sollst dir kein Bildnis machen. Das heißt, diese Autorin (...) hat eine klare Konzeption von ihrer Figur und möchte sie abhaken. Es gibt einen Plot, der erwirkt oder dargestellt werden soll; nur diese Figur möchte das nicht (...).Da sind sie beide Personen und da sind sie beide auch gleichberechtigt – wie in einer Beziehung."

Nun aber ist die Figur weg – und stattdessen füllen Fragen über die Verfasstheit von Fiktion und Erfindung den verwaisten Raum: Wie ist das Leben von Figuren beschaffen? Wer erfindet wen, wenn Figuren ein Eigenleben haben, das die geplante Fiktion durchkreuzen kann? Wo leben die Figuren, bevor sie sich im Werk manifestieren? Haben sie ein Leben vor dem Roman? Und ist es ein Leben aus zweiter oder gar erster Hand, wenn sie das erleben, was ihren Verfassern selbst ermangelt? Ist die Fiktion Erfundenes oder der Rückgriff auf Eigenes? Wird das eigene Leben gar zur Staffage?

Ich, die ich die Dinge in Reihe folge, bin skeptisch. Ich weiß nicht genau, weiß noch immer nicht, wie es funktioniert. Ist es so, dass die Figuren kommen, wann sie wollen und etwas vorführen, das dann abgeschrieben werden kann. Oder ist es so, dass jede Figur, ihre Regungen und Worte erdacht werden.

"Das sind so ganz aktuelle Fragen, die spielen immer eine Rolle. (..) gerade jetzt – ich finde langsam hinein in neue Texte - da ist die Frage wieder da: Wie kommt es eigentlich? Erfinde ich oder kommt es? Ich weiß es nicht, ich kann das tatsächlich überhaupt nicht beantworten, Und deshalb denke ich, hat es wirklich auch mit so einer vertrauensvollen Beziehung zu tun, dass ich auch wiederum warten muss. Ich kann Wünsche haben und Vorstellungen (...) an den Text und an die Figur oder von der Figur. Nur tatsächlich zwingen kann ich die nicht."

Da ich es nicht weiß, möchte ich sagen, es ist beides: Die Figuren kommen von irgendwo mit einer eigenen Geschichte. Und die Figuren werden zugleich erdacht. Es handelt sich möglicherweise um ein Treffen von Figur und Gedanke, und der Ort des Treffens ist außerhalb des Textes, ist zeitlich vor der Niederschrift des Textes.

Man ahnt: Wer dieses Buch liest, wird sich beständig fragen, wer da spricht? Die reale Autorin namens Heike Geissler oder ihr literarisches alter Ego? Um Abstand zu schaffen zwischen sich und ihr fiktionalisiertes Double, hat Heike Geissler zu einer mehrschichtigen und, ja, vertrackten Erzählkonstruktion Zuflucht genommen – nicht immer zum Segen ihrer Leser. Nicht zwei, sondern drei Stimmen bekommen wir nämlich zu hören: die der Lieblingsfigur, die der Autorin – und die ihrer eigenen inneren Gegenspielerin: genannt die Erzählerin. Die Autorin steht übrigens auf einem Dach, und sinniert in der Rückschau über den nicht verwirklichten Selbstmord – der allein verhindert worden ist durch das Erzählen.

Ich kann besser von mir sagen, dass ich auf dem Dach eines Hauses bin, wenn ich sage: Sie befindet sich auf dem Dach des Hauses. Das ist eine Notwendigkeit, ein kleiner Trick, um die Dinge in Folge reihen zu können. Der Vorteil des Tricks ist, dass ich nun rutsche in einen Zustand, der mir besser gefällt. Nun habe ich nämlich alles im Blick. Ich sehe sie, um die es vor allem geht, und ich sehe die Stadt, um die es auch geht. Mich aber sehe ich nicht, was natürlich nicht ganz richtig ist, aber Teil des Tricks und Quäntchen der Wahrheit. Ich bin nicht zugegen und dennoch allhier.

Alles in diesem Buch, das nicht wirklich erzählt, sondern vom Erzählen erzählt, kreist entsprechend um die Frage der Autorschaft, um den Ort, um das Wie des literarischen Sprechens. Und so: äußerst tastend, manchmal erratisch umkreisend, fast ängstlich mäandernd, jeder Festlegung auf ein endgültig Gesagtes ausweichend, gibt sich auch die Sprache selbst. Halle übrigens, der Ort, um den es nebenbei in dieser Prosa ebenso geht, ist nicht nur ein Ort, an dem auch die reale Autorin Heike Geissler ein paar Jahre gelebt und geschrieben hat. Hier sucht nun auch die fiktive Autorin ihr Glück als Schreibende, und wird es nicht wirklich finden, weil sie weder bleiben will noch wirklich von dort fortgehen kann. Kurz gesagt: es ist ein widerhakendes Verhältnis – und Halle daher für Geissler genau der richtige Ort, um darin die eigenen Bockssprünge der Verfestigung des Gedankens beim Schreiben widerzuspiegeln:

"In der Vorbereitung dieses zweiten Buches habe ich gemerkt, dass ich Angst habe, Orte zu beschreiben und sie mir dadurch anzueignen. Denn es ist ja eine Aneignung, Ich sage der Ort, den ich sehe, und selbst wenn ich es einer Figur in den Mund lege, wird es von mir formuliert und es ist ein Aneignungsprozess – der ist so und so oder der wird so und so wahrgenommen, Und ich hatte stets Angst, nicht das Richtige zu sagen. (...) Das ist ein Sachverhalt, den musste ich erst mal verstehen über das Schreiben: Dass es auch ganz und gar legitim ist, sich Dinge anzueignen."

Nichts was tragisch wäre ist somit das literarische Protokoll ihrer realen Auseinandersetzung mit dem, was Schreiben sein kann, sein darf. Herausgekommen ist ein Buch, das streckenweise so abstrakt anmutet wie wagemutig zugleich. Schließlich schlägt Heike Geissler wohl Vielen ein Schnippchen, die nach ihrem Erstlingswerk "Rosa" nun einen Roman erwartet haben, der in Fleisch und Futter steht. Letztlich aber ist sie sich selbst treu geblieben: im entschiedenen Ausmaß ihrer literarischen Konzentration, die poetische Züge trägt. Und vielleicht ist ja nun auch für sie endlich die Zeit gekommen, mit eben dieser Konzentration sich den Themen der weiten Welt zu nähern.

"Es ist sicher jetzt auch so langsam für mich der Moment, dass ich ein bisschen deutlicher sagen kann, was könnte literarisch noch so von mir zu erwarten sein. (...) Und ich glaube wohl, dass diese Art, wie ich sie in ‚Rosa’ und jetzt in ‚Nichts, was tragisch wäre’ ausgeführt und angedeutet habe, mir erhalten bleiben wird. (....) Ich mag die Konzentration sehr und es scheint mir aber auch eine Sache der Erfahrung zu sein. Ich schreibe noch nicht so lange. Das sind jetzt zwar auch schon zehn Jahre. Aber ich habe in diesen zehn Jahren nicht so viel geschrieben. Ich beginne jetzt langsam, weniger ängstlich (...) schreiben zu lernen und zu üben. Ich bekomme Freude am Schreiben. Das hatte ich in all der Zeit eigentlich sehr selten. Und da kann natürlich auch noch mal was anderes entstehen. Das Schreiben darf kein Suchen sein. "

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