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StartseiteInterview"Falsches Verständnis von Fortschritt und Freiheit"14.08.2013

"Falsches Verständnis von Fortschritt und Freiheit"

Journalistin und Frauenrechtlerin kritisiert Pädophilie in den Parteien

Damals habe es ein Milieu des Fortschritts und des Aufbruchs gegeben, erklärt die Frauenrechtlerin Alice Schwarzer. Allerdings seien begründete Tabus über Bord geworfen worden. Es wäre gut, wenn politische Verantwortliche endlich mal erschrecken würden, sagt die "Emma"-Herausgeberin.

Alice Schwarzer im Gespräch mit Christine Heuer

"Emma"-Herausgeberin Alice Schwarzer (picture alliance / dpa /  Karlheinz Schindler)
"Emma"-Herausgeberin Alice Schwarzer (picture alliance / dpa / Karlheinz Schindler)

Christine Heuer: Die Grünen müssen sich mit dem Vorwurf herumschlagen, Pädophilie politisch unterstützt zu haben. Die Debatte ist nicht neu, sie kocht immer mal wieder hoch, und diesmal so stark, dass die Grünen den Göttinger Politikwissenschaftler Franz Walter mit einer Studie über die eigene Partei beauftragt haben. Das Zwischenergebnis liegt seit Montag vor; die Forscher kommen zum Ergebnis, dass die Grünen mit diversen Beschlüssen und Veröffentlichungen prominenter Parteimitglieder bis mindestens Mitte der 80er-Jahre für die Entkriminalisierung der Pädophilie eingetreten sind. – Am Telefon ist die Feministin und "Emma"-Herausgeberin Alice Schwarzer. Guten Morgen.

Alice Schwarzer: Ja, guten Morgen, Frau Heuer.

Heuer: Diese Vorwürfe an die Grünen gibt es neuerdings auch an die FDP. Dagmar Döring von der FDP hat ihre Kandidatur für den Bundestag wegen ihres pädophilen Bekenntnisses aus den 80er-Jahren zurückgezogen. Wieso sind gerade diese Parteien so anfällig für das Thema?

Schwarzer: Ich denke, das hat etwas mit einem falschen Verständnis von Fortschritt und Freiheit zu tun. Dann wirft man Tabus über Bord, so manche zurecht, aber einige Tabus haben ihre Gründe. Zwischen Erwachsenen und Kindern gibt es ein Machtgefälle und wenn man da sagt, Erwachsene sollen den Zugriff auf kindliche Sexualität haben, oder überhaupt auf Kinder mit ihrer Sexualität, dann wird es heikel. Also, Kinder müssen geschützt werden.

Heuer: Das Thema war aber in der Zeit, über die wir sprechen, in den 70er- und 80er-Jahren, einfach ziemlich en vogue.

Schwarzer: Ja, so ist es. Man muss schon gerecht sein. Es waren nicht nur die Grünen und es waren auch nicht nur die 68er und nicht nur die FDP, wobei jetzt haben wir schon fast alle an Bord, außer den Konservativen. Es war einfach angesagt, dass man eine freie Sexualität lebte, und dagegen ist ja auch nichts zu sagen, solange das nicht auf Kosten Dritter geht. Aber eine freie Sexualität ist zwischen Ungleichen nicht möglich, und das war das Problem dieses ganzen Geistes damals, dass man zwar Machtverhältnisse sozusagen in der Welt ändern wollte und angeklagt hat, aber die Machtverhältnisse im Privaten geleugnet hat.

Heuer: Nun ging es ja auch ganz konkret darum, Strafrechtsparagrafen abzuschaffen oder zu verändern. Die Grünen stellen das heute so dar, als hätte sich die Pädophilen-Lobby bei ihnen gleichsam eingeschlichen. War das so?

Schwarzer: Ich sehe das anders und ich glaube, Professor Walter sieht das mit seinem Team auch anders. Natürlich waren da nicht alle Grünen dafür, aber die, die nicht dafür waren, oder die vielleicht ein Unbehagen hatten, die haben eben geschwiegen und haben es geschehen lassen. Sie schweigen ja überwiegend bis heute und fangen jetzt erst an zu reden, wo sie wirklich gezwungen sind.
Nein, die ganze Stimmung war so, dass alles geht und dass man auch nichts sagt, wenn da ein erwachsener Mann mit einem Kind oder einem Jugendlichen kommt und so weiter. Man will ja auch nicht spießig sein. Es war in dem ganzen Milieu des Fortschritts und des Aufbruchs, zu dem ja auch ich gehöre, wir Feministinnen gehörten, einfach nicht angesagt, sozusagen in dem Bereich zu sagen, Halt, Moment mal, das geht nicht.

Heuer: Aber Sie, Frau Schwarzer, haben ja genau das gemacht. Sie haben damals schon heftig Kritik geübt. Wie ist denn darauf reagiert worden?

Schwarzer: Na ja, wissen Sie, das kann man eigentlich bis heute sehen bei anderen Machtverhältnissen, die ich kritisiere. Die waren natürlich sauer. Sie müssen sich das vorstellen: Wir hatten ein Klima in der Bundesrepublik 1980, dass man allen Ernstes erwägte, den Paragrafen 174 zu streichen, der Erwachsene unter Strafe stellt, die Sexualität mit Kindern unter 14 haben. Das erscheint uns doch heute überwiegend skandalös. Es war aber damals nicht skandalös und da habe ich angefangen, mir wirklich große Sorgen zu machen, und ich habe mir gesagt, das werde ich nicht alleine schaffen, das aufzuhalten. Wir waren nämlich mit "Emma" ziemlich alleine, da freue ich mich gar nicht drüber. Das ist ein ziemlich bedrückender Gedanke. Daraufhin habe ich Günter Amendt kontaktiert, der ja genau wie ich eines der Skandalbücher, "Sexfront", damals den kleinen Unterschied zur Sexualität geschrieben hatte und der nicht im Verdacht stand, ein Spießer zu sein, der den Menschen den Spaß verderben will, und habe gesagt, Günter, das siehst Du doch vermutlich ähnlich, denn man kann Tabus stürzen wollen und trotzdem eine Moral haben, eine Ethik. Da haben wir uns zusammengesetzt und, glaube ich, mit unserem Gespräch in diese fortschrittliche und sexualwissenschaftliche und linke und feministische Szene hineingewirkt – Gott sei Dank.

Heuer: Aber die Stimmung konnten Sie ja nicht ganz kippen. – Wir hören dieser Tage wieder viele Dementis, vom grünen Volker Beck zum Beispiel oder von Günter Verheugen, der seinerzeit FDP-Generalsekretär war. Beide wollen sich nicht aktiv für die Straffreiheit Pädophiler eingesetzt haben. Genau das behauptet jetzt aber Franz Walter. Glauben Sie den beiden Politikern?

Schwarzer: Nein, ich glaube natürlich dem Forscher, und ich muss auch gar nicht glauben. Ich habe den Text gestern gelesen …

Heuer: Welchen Text?

Schwarzer: … von Volker Beck, den er 1988 geschrieben hat, in einer Publikation übrigens von höchster Fragwürdigkeit, in der es ausschließlich in allen Beiträgen um das Recht auf Pädophilie geht, und da fordert Volker Beck wörtlich die Entkriminalisierung der Pädophilen.

Heuer: Er sagt ja, der Text sei verändert worden, ohne seine Autorisierung.

Schwarzer: Ich bitte Sie, das fängt nun doch an, peinlich zu werden. Ich meine, Daniel Cohn-Bendit schreibt seine Lebenserinnerungen, und wenn dann eine Passage kommt, in der er berichtet, dass er als Kindergärtner mit einer Fünfjährigen sich genital gestreichelt hat, dann ist plötzlich diese Passage Fiktion. Und Volker Beck, der doch nun inzwischen ein erfahrener Politiker ist, der wird doch wohl nicht zulassen, dass man einen solchen Text von einer solchen Brisanz im Sinn verändert und – jetzt kommt es – der ist 88 erschienen. Er hatte genug Gelegenheit zu sagen, Moment mal, mit diesem Text, da habe ich nichts zu tun. Außerdem hat er den Text wie gesagt für eine Streitschrift geschrieben, in der es ausschließlich um die Legalisierung der Pädophilie geht. Also es wäre gut, wenn die Verantwortlichen, die Grünen und alle anderen, endlich mal erschrecken würden und sagen würden, was haben wir da eigentlich getan und wie weit hängt uns das jetzt noch in den Kleidern.

Heuer: Frau Schwarzer, ich möchte Sie aber noch mal als Zeitzeugin der Vollständigkeit halber nach Günter Verheugen fragen. Erinnern Sie sich daran, dass der sich für die Entkriminalisierung von Pädophilie eingesetzt hätte?

Schwarzer: Nein, ich erinnere mich nicht speziell an ihn, was nichts besagen will, weil ich habe jetzt nicht meinen Tag damit verbracht, diese Szene permanent zu beobachten. Aber ganz klar war, dass weite Teile der FDP oder FDP-nahe Organisationen, also die Jungdemokraten, die Humanistische Union und so weiter, dass die ganz stark involviert waren.

Heuer: Sprechen wir eigentlich über ein vergangenes Phänomen, das man heute geschichtlich beleuchtet und das in der aktuellen Diskussion keine Rolle mehr spielt?

Schwarzer: Nein, das finde ich überhaupt nicht. Dieser Geist lebt ja, weil er ja auch nie selbstkritisch bearbeitet worden ist. Wenn wir uns zum Beispiel die Debatte um Prostitution anschauen, in der ich seit vielen Jahren sehr engagiert involviert bin und wo es darum geht, Frauen aus der Arm- und Zwangsprostitution – die machen heute 90 Prozent aller Frauen der Prostitution in Deutschland aus – zu schützen und zu sagen, das ist kein Beruf wie jeder andere, das ist ein Skandal und ein Verstoß gegen die Menschenwürde, übrigens auch für die Männer, die sich diese armen Frauen kaufen, dann sehen wir, dass die Grünen seit Jahren führend sind dabei, die Prostitution sozusagen zum Beruf wie jeder andere zu erklären in Deutschland. Das gibt es in keinem anderen Land der Welt. Gerade Volker Beck, das ist eine Coincidance, hat sich jüngst auf eine für mich ganz erschreckende kalte Art dazu geäußert. Er hat gesagt, wo ist denn eigentlich das Problem, wenn jemand hier eine Ware anzubieten hat und jemand anders das kaufen will, dann soll er das tun, solange es da keine ökologischen Folgen gibt. Er meinte damit die Prostitution und das zeigt, dass auch hier wieder weggesehen wird, dass ganz ignoriert wird, dass es um Menschen geht, dass es um das Intimste geht, dass man so nicht darüber reden und denken kann.

Ich denke, das ist ein Paket, und ich wünsche mir, dass jetzt durch diese neue Debatte wie gesagt endlich mal ein Erschrecken aufkommt und dass man sich sagt, wie kann das sein und was steckt da jetzt alles noch in uns. Es muss etwas passieren! Ich bin dafür, weiß Gott, dass man Tabus über Bord wirft, da bin ich dabei. Aber dann müssen wir uns neue Regeln und eine neue Moral geben, und das ist versäumt worden.

Heuer: Alice Schwarzer, die Herausgeberin der "Emma", bekannte Feministin. Ich danke Ihnen sehr, Frau Schwarzer, für das Gespräch.

Schwarzer: Ja, ich Ihnen auch. Danke schön!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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