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StartseiteBüchermarktFamiliäre Spurensuche29.05.2006

Familiäre Spurensuche

Amin Maalouf über Kulturen und Identitäten

Der libanesische Schriftsteller Amin Maalouf hat eine breit angelegte Familiensaga geschrieben. Hauptfiguren sind sein Großonkel Gebrayel, der nach Kuba auswanderte, und dessen Bruder Botros. Entstanden ist der spannende Roman "Die Spur des Patriarchen" über die libanesische Emigration zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Von Margrit Klingler-Clavijo

Kubanischer Zigarrendreher bei der Arbeit in einer Zigarrenfabrik in Havanna. (AP-Archiv)
Kubanischer Zigarrendreher bei der Arbeit in einer Zigarrenfabrik in Havanna. (AP-Archiv)

"Ich hatte bereits ein paar Recherchen über Personen meiner Familie gemacht, über Personen, die immer schon in mir waren, vor allem meinen Großvater Botros und dessen Bruder Gebrayel, der in Kuba gelebt hat. Sie waren die Phantomgestalten meiner Kindheit. Ich habe des öfteren versucht, mehr über ihr Leben in Erfahrung zu bringen, wollte jedoch über das bisschen, was ich herausgefunden hatte, keinen Roman schreiben, doch dann habe ich entdeckt, dass die Archive meines Großvaters tatsächlich existierten."

So beschreibt der libanesische Schriftsteller Amin Maalouf, der seit Jahrzehnten in Frankreich lebt und auf französisch schreibt, was ihn veranlasst hat, einen spannenden Roman über die libanesische Emigration zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu schreiben und das komplexe Beziehungsgeflecht zwischen Orient und Okzident. Seine breitangelegte Familiensaga, dessen Hauptfiguren sein Großonkel Gebrayel und dessen Bruder Botros sind, spielt im Libanon und in Kuba.

Die Lebenswege und Denkweisen der Protagonisten hat Amin Maalouf mit detektivischem Gespür erkundet. Er hat die Briefe und Schriftstücke seines Großvaters sorgfältig ausgewertet, die ihm seine Großmutter nach dessen Tod in Beirut ausgehändigt hatte. Er ist außerdem nach Havanna gereist, um sich vor Ort ein Bild von den Lebensumständen seines legendären Großonkels Gebrayel zu machen. Der war als junger Mann zunächst nach New York gegangen und dann nach Havanna, wo er es rasch zu Ansehen und Wohlstand gebracht und sich mühelos in die kubanische Bourgeoisie integriert hatte. Wäre er nicht vorzeitig bei einem Autounfall ums Leben gekommen, wäre er für die im Libanon zurückgebliebene Großfamilie die ideale Projektionsfläche für den Traum von Reichtum und Erfolg geblieben.

Im Verlauf von Amin Maaloufs familiären Recherchen nimmt die Figur des Großonkels allmählich Gestalt an, wenn er in finsteren Archiven stöbert, einen bisher unbekannten Verwandten trifft oder auf einem der Friedhöfe von Havanna plötzlich vor der imposanten Marmorgruft des verstorbenen Großonkels steht. Der Höhepunkt der Recherchen bildet zweifellos die Entdeckung der Prachtvilla, die Gebrayel zu Lebzeiten bewohnt hatte. Dass die Kacheln des Innenhofs genau wie in Südspanien mit arabischen Ornamenten verziert sind, ist für Amin Maalouf ein bewegender Augenblick kulturellen Wiedererkennens. Im Grunde genommen betreibt der Autor eine familiäre und kulturelle Spurensuche in umgekehrter Richtung wie Milton Hatoum oder Miguel Selim. Die Großeltern dieser Schriftsteller hatten zu Beginn des 20. Jahrhunderts den Libanon verlassen und waren nach Brasilien ausgewandert. Anfang der 90er Jahre haben sich die Enkel unabhängig voneinander auf Spurensuche in die Heimat ihrer Vorfahren begeben und darüber vielbeachtete Romane und Erzählungen geschrieben.

Amin Maalouf versteht sich darauf, die Erzählstränge weit zu spannen, kunstvoll miteinander zu verknüpfen und eher beiläufig seine Träume, Hoffnungen und Befürchtungen bezüglich einer positiven Entwicklung des Vorderen Orients einzuflechten und sie seinem Großvater Botros in den Mund zu legen. Der hatte sich nach einer kurzen und enttäuschenden Stippvisite beim reichen Bruder in Havanna für das Leben im Libanon entschieden. Allen Unkenrufen zum Trotz hat er sich zunächst als Journalist und dann als Dorfschullehrer unverdrossen für eine Modernisierung des Osmanischen Reichs eingesetzt sowie das ökumenische Miteinander der Religionen und die Frauenemanzipation Jahrzehntelang hat er von einem Vaterland geträumt "das den Prinzipien, die der Westen pries, die feinsinnige Weisheit des levantinischen Menschen einbrachte".

Seiner Zeit weit voraus war dieser leidenschaftliche Weltverbesserer, wie Amin Maalouf gesteht, jedoch vor allem als Lehrer der von ihm gegründeten Universalschule:

"Er war felsenfest davon überzeugt, dass Mädchen und Jungen in den Genuss der gleichen Erziehung kommen sollen, in den gleichen Schulen, in den gleichen Klassen, auf den gleichen Bänken. Durchgesetzt hat er das 1913 in einer kleinen Dorfschule, als so etwas undenkbar war, sogar in Paris, wo es damals kaum gemischte Schulen gab. Dass mein kleines, im libanesischen Gebirge gelegenes Dorf zur Zeit des ottomanischen Reiches dem Rest der Welt voraus war, ist unglaublich. Er war tatsächlich ein Mann der Aufklärung."

Doch ausgerechnet Frankreich, das 1920 den Libanon zu seinem Protektorat deklariert hatte, strich diesem "Mann der Aufklärung" die Unterstützung für seine Universalschule. In einem geharnischten Brief an den französischen Gouverneur hatte Botros dessen Schulpolitik aufs schärfste kritisiert:

"Manche Schulen haben nicht einen einzigen Sou erhalten, obschon wir genau wissen, das Unwissenheit allein die Quelle von Fanatismus und Zwietracht ist, dass Unwissenheit allein uns davon abhält, uns erfolgreich lebenswichtigen Arbeiten, wie der Landwirtschaft und der Industrie zu widmen und sie allein die Leute zum Auswandern treibt."

Seinem umfangreichen, in 37 Sprachen übersetzten literarischen Oeuvre, hat Amin Maalouf stets einen offenen Identitätsbegriff zugrunde gelegt; er hat weit verzweigte und verästelte literarische Beziehungsgeflechte geschaffen, dabei Kontinente und Kulturkreise miteinander verbunden und sich als neugieriger und aufmerksamer Nomade gegen Engstirnigkeit und Selbstgewissheit verwahrt.

"Meines Erachtens definiert sich die Identität einer Person viel mehr über den Lebensweg, ist Identität nicht zwangsläufig an einem Ort bei der Geburt vorgegeben. Daher glaube ich, dass es Elemente gibt, die wir zwar bei der Geburt übernehmen, sich Identität jedoch ein ganzes Leben lang herausbildet. Sie entsteht in einem Herkunftsland, jedoch auch in anderen Ländern, mit denen wir in Berührung kommen und die unsere Identität verändern und mit neuen Elementen versehen. Im Augenblick meiner Geburt war meine Identität zutiefst libanesisch, das ist sie immer noch, Allerdings sind noch weitere Elemente hinzugekommen, vor allem die französische Dimension. Wenn man wie ich schon über 26 Jahre in Frankreich lebt, dann wird der Identität noch ein Element hinzugefügt.

Man tendiert viel zu sehr dazu, Identität auf eine religiöse, eine nationale Zugehörigkeit und alle möglichen anderen Dinge zu reduzieren. Identität setzt sich für mich aus einer Vielzahl von Zugehörigkeiten zusammen, und wir alle müssen immer alle Elemente unserer Identität beanspruchen können. Die Gesamtheit der Zugehörigkeiten bestimmt die Identität des Einzelnen und dadurch ist diese Identität einer Person nicht reduzierbar auf die einer anderen."

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