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Familienkunststücke

Gita Lehr: "Die Lewins"

Die Lewins sind eine außergewöhnliche Familie. Sie wohnen in einem verfallenen Haus am Rande der Stadt. Das Haus ist umzäunt, und von einem großen, verwilderten Park umgeben. Verwunschen ist hierfür das richtige Wort. Der märchenhafte Charakter des Ortes passt zur Sippe, die darin wohnt. Die Lewins sind eine sechsköpfige, vaterlose Familie; jedes Mitglied besitzt eine Ausnahmebegabung. Großmutter Maud ist blind, doch sie weiß alles, und man spürt ihren Blick im Nacken. Die Mutter Elisabeth ist Musikerin, sie hat eine große Karriere an den Nagel gehängt und hält die Familie mit Privatstunden knapp über Wasser. Ihr Ältester, Jules, kann malen und bildhauern, die Jüngste, Emma, rückwärts schreiben und lesen. In der Mitte der Familie und des Romangeschehens stehen die Zwillinge Leander und Wanda, deren Liebe zueinander das übliche Maß bei weitem überschreitet.

Von Tanya Lieske

Gita Lehr: "Die Lewins" (Eichborn Verlag)
Gita Lehr: "Die Lewins" (Eichborn Verlag)

Sie legte meine Hand auf ihren Bauch. Ich konnte spüren, wie sie atmete.
"Du bist hier drin", sagte sie.
"Für wie lange?"
Sie wandte mir ihr Gesicht zu. Ich sah direkt in ihre grünen Augen.
"Mindestens für immer."
"Versprochen?"
Sie drehte sich auf den Bauch. (...). Ich fühlte die Formen ihres weiblichen Körpers überall. Sie passte perfekt. Sie strich mir mit ihren Lippen langsam über den Mund. Erdbeere.


Leander, kurz Leah, der Erzähler dieses Romans, ist zum Auftakt 12 Jahre alt, am Ende fast 30. Die Obsessionen des Teenagers weichen der aufmerksamen Beobachtung eines jungen Mannes, die jugendlichen Kraftausdrücke komplexeren Satzgebilden. Mit Leander hat die Autorin Gita Lehr den Außenseiter der Familie zum Erzähler gemacht. In jungen Jahren wird er zum Krüppel, und als Einziger hegt er keine anderen Interessen außer seiner Liebe zu Wanda. Leander erzählt mit viel Humor, der Ton steht im Kontrast zu den vielen Schicksalsschlägen, die die Lewins heimsuchen. Das Kindermädchen wird umgebracht, die Mutter stirbt an Krebs, Wanda an Aids, Emma begeht Selbstmord, allein Großmutter Maud darf eines natürlichen Todes sterben. Gita Lehr hat hier dick aufgetragen, dabei bleibt sie in ihrem Erzählanliegen konsequent, da sie so viel Unglück mit viel Leidenschaft und persönlicher Erfüllung kombiniert. Maud Lewin fasst es auf ihrem Totenbett so:

"Du wirst alles aufschreiben müssen", sagte sie.
Ich war irritiert.
"Ich bin kein Schriftsteller, Maud", wehrte ich ab.
Sie legte die Stirn in strenge Falten.
"Woher willst du das wissen? Hast du es etwa schon ausprobiert, ohne mir etwas zu sagen?" (...). Sie zog mich zu sich herunter und schaute mich fest an. "Dann wirst du eben einer", sagte sie. "Niemand entgeht seiner eigenen Bestimmung, Leander Lewin. Selbst du nicht."


In diesem Roman geht es um das Schicksal. Das ist ein großer Wurf, den Gita Lehr hervorragend meistert, auch in der Erzähltechnik. Es gelingt ihr, 20 Jahre auf vierhundert Seiten so verstreichen zu lassen, dass man die Nahtstellen kaum merkt. Ein Dialog, der sich über mehrere Seiten zieht, kann einige Minuten Echtzeit beschreiben, andererseits markieren Satzsprünge manchmal Stunden oder sogar Tage.

Jules drückte wie immer seinen Teebeutel zwischen Daumen- und Zeigefinger aus, während Wanda ihn zum wohl tausendsten Mal anfauchte, ob er das nicht endlich sein lassen könnte, als Elisabeth Lewin alle Aufmerksamkeit auf sich zog: Sie rutschte von ihrem Stuhl und blieb reglos am Boden liegen. Wir brachten sie sofort in die Klinik. Als sie wieder zu sich kam, standen wir um ihr Krankenbett. Unsere Mutter blickte uns der Reihe nach an und versuchte, streng auszusehen. "Warum seid ihr nicht in der Schule?", fragte sie.

Der Roman ist in keiner konkreten Zeit angesiedelt, auch wenn Wandas Aidstod darauf schließen lässt, dass er bis in die Gegenwart reicht. Dieser offene Rahmen begünstigt die märchenhafte Grundstimmung des Textes. Realistische Ereignisse stehen neben übernatürlichen Vorkommnissen, etwa wenn das ermordete Kindermädchen und auch die kleine Emma als Geist wiederkehren. Gita Lehr macht um so etwas nicht viel Aufhebens, die Bilder, die sie dafür findet, erinnern an den Magischen Realismus aus Südamerika. Wenn Großmutter Maud vor Wut Gift spuckt, liest sich das so:

Schlangen wanden sich aus ihrem Haar.
"Weiche, wenn dir dein Leben lieb ist!", drang es von ihren giftig gespaltenen Zungen. "Nimm die Beine in die Hand und schau dich nicht mehr um!"


Im traditionellen Familienroman geht es um den Aufstieg und den Zerfall einer Sippe. Gita Lehr macht das anders, hier wechseln die Generationen, aber ihr Thema bleibt das Gleiche. Besonders auffällig ist das beim Zwillingsmotiv: Leah und Wanda vollziehen den Inzest, sie zeugen wieder Zwillinge, die sich schon als Kinder zueinander hingezogen fühlen. Die Lewins bewegen sich nicht geradlinig, sondern im Kreis.

Etwas zu meinen Füßen erregte meine Aufmerksamkeit. Gut einen Meter von der Haustür entfernt hatte jemand etwas in den Schnee geschrieben. Lili und Jack stand dort. Die Buchstaben waren in Form eines großen Herzens umrahmt. Ich stieg in den Variant. Ich würde besser auf die beiden aufpassen müssen.

Es ist bemerkenswert, dass die jüngeren Autoren wieder Familienromane schreiben, der selbstbezogene Ich-Erzähler der Achtziger und Neunziger Jahre verliert an Bedeutung. Auch das Verhältnis der Generationen zueinander hat sich verändert. Leander Lewin hat es nicht nötig, mit der Mutter und Großmutter abzurechnen, denn er erhebt keine Vorwürfe. Eher beiläufig wird Maud Lewin als die Überlebende eines Konzentrationslagers eingeführt, ohne dass daraus Überlagerungen von Angst und Schuld entstünden. Alle Neurosen sind hausgemacht, und so verschroben die Lewins auch sind, sie stehen in wenigstens einer Hinsicht für die ideale Familie, denn sie sind durch Zuneigung miteinander verbunden.

Das war meine Geschichte. Ich hatte sie beendet. Ich wusste nicht, ob jemals auch nur ein Mensch diese Seiten lesen würde. (...). Aber ich war auf dem Weg, und alles, was ich wusste, ließ sich mit einem einzigen Satz zusammenfassen: Die Liebe versöhnt uns mit dem Leben.

Gita Lehr hat sich der Schwärmerei hingegeben, ohne sentimental zu werden – Die Lewins, das ist ein charmanter und klug erzählter Debütroman, den man so schnell nicht aus der Hand legt.

Gita Lehr
Die Lewins
Eichborn Verlag, 392 S., EUR 19,90

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