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StartseiteDeutschland heuteSchön, wenn die Ersatz-Oma helfen kann04.06.2015

FamilienpatenSchön, wenn die Ersatz-Oma helfen kann

Die Großfamilie und der Bekanntenkreis - das sind klassische Netzwerke, die Eltern in schwierigen Situationen helfen. Aber das wird heute immer seltener. Durch berufsbedingte Umzüge stehen Eltern am Anfang oft in einer neuen Stadt ohne Freunde da. Hier setzt das "Netzwerk Familienpaten in Bayern" an, das zum Beispiel mit "Ersatz-Omis" hilft.

Von Sabine Demmer

Eine Familie im Park (dpa / picture alliance)
Das Familienleben ist nicht immer so einfach. Gut, wenn da jemand helfen kann. (dpa / picture alliance)

"Ich besuch jetzt die Johanna."
"Wer kommt denn da?"
"Hallo Johanna."
"Wer ist da? Die Gretl."
"Hallo Nicole."

Einmal pro Woche sehen sich Johanna K. und Gretl Schumacher aus dem oberbayerischen Geretsried. Heute besucht die 72-jährige das dreijährige Mädchen und ihre Mutter Nicole K. - sie wohnen nur ein paar Straßen entfernt, die junge Familie in einem aufgeräumten, hübschen Reihenhaus. Im Wohnzimmer, mit Blick in den kleinen Garten, haben sich die drei Frauen erstmal zum Tee an den Esstisch gesetzt. Tochter, Mutter; und Oma?! "Man kriegts von anderen mit – die fahren zur Oma, Schwiegermama ... Bei uns leben die Großeltern nicht mehr ... Das fand ich einfach.… für mein Kind. Da fehlt irgendwie jemand, der sie mal so richtig verwöhnt. Es geht mir nicht groß um 'nen Babysitter oder jemanden, der den Haushalt schmeißt. Sondern einfach einen Oma-Ersatz für die Johanna: Oma-Ersatz. Und es ist schön, dass sie so noch eine Bezugsperson hat."

Über das "Netzwerk Familienpaten Bayern" hat Nicole K. eine Oma für ihre Tochter Johanna gefunden - und Gretl Schumacher eine "Enkelin". Rund 500 dieser ehrenamtlichen Patenschaften gibt es momentan, an 50 Orten im Freistaat. Das bayerische Familienministerium fördert das Kooperationsprojekt. Gemeinsam entwickelt und durchgeführt seit 2010 vom Katholischen Deutschen Frauenbund, den Mütter- und Familienzentren und dem Deutschen Kinderschutzbund (DKSB). Margot Czekal vom DKSB ist eine der drei Projektleiterinnen. "Wo professionelle Hilfe nötig ist, da haben Ehrenamtler keinen Platz. Sie kommen in Familien, die mit kleinen Problemen des Lebens ein bisschen gefordert sind. Da ist es schön, wenn ein Ehrenamtler als Mensch aus dem Alltag, der Nachbarschaft, von nebenan rüberkommt und normale, zwischenmenschliche Unterstützung leistet."

Unterstützung, bevor Probleme kommen

Die Inhalte der Patenschaften legen Familie und Paten selbst fest. Gretl Schumacher hat die kleine Johanna auf ihren Schoß gesetzt. Vor ihnen liegt ein abgegriffenes Buch mit Kinderliedern. Drückt Johanna einen der Knöpfe an der Seitenleiste, ertönt eine Melodie. Leise singt sie mit, macht die Bewegungen von Gretl Schumacher nach. Die deutet gerade mit den Handflächen ein Dach über dem Kopf an.

"Wer will fleißige Handwerker sehen ..."
"Soll ich den Bürgermeister anmachen?"
"Au, ja - dann können wir tanzen!"
"Tanzen mit Musik ..."

Hand in Hand wirbeln die beiden im Kreis durchs Wohnzimmer oder machen langsame Schritte im Takt. Seit dem letzten Sommer kennen sich Gretl Schumacher und Johanna, heute haben sie ein liebevolles Verhältnis zueinander. Kein Wunder dass Johanna beim Tanzen, Eis essen oder im Garten toben manchmal nach der "Oma" ruft. Die K.s sind keine "Problemfamilie". Und das sollen sie auch nicht werden. Die Familienpaten setzen früher an - schon bei den ersten Anzeichen von Überforderung. Die ehemalige Grundschullehrerin und Patin Schumacher: "Wenn man schon präventiv Familien unterstützt - das find ich gut. Vorsorglich, bevor's in den Graben geht und sie massive Probleme bekommen. Wenn man da vorher was verhindern kann - das find ich super."

Interesse auch aus dem Ausland

Die Patenschaften werden durch die Koordinatorinnen vor Ort vermittelt. Sie suchen Familien und Ehrenamtliche, schulen die Paten und beraten sie auch danach. Das Konzept hat sich über Bayern hinaus herumgesprochen: Mittlerweile geben die Projektleiterinnen ihre Erfahrungen an Kollegen aus Rheinland-Pfalz und Thüringen weiter. Und auch die österreichische Bundesregierung interessiert sich für die Projektidee. Margot Czekal, Projektleiterin vom Kinderschutzbund: "Die Familien erleben es als sehr befreiend und entlastend, dass Jemand Zeit hat, sich Zeit nimmt, ohne Gegenleistung einzufordern, mit irgendwelchen Absichten."

Mutter Nicole K. schaut ihrer kleinen Tochter und der rüstigen Seniorin beim Tanzen zu. Eine echte Entlastung ist für sie, dass Schumacher das Mädchen einmal wöchentlich von der Krippe abholt. Die Familienpatenschaften sind eigentlich zeitlich begrenzt und enden, wenn sich die Situation entspannt hat oder ein Ziel erreicht ist. Die Verbindung zwischen den K.s und Gretl Schumacher soll aber dauerhaft bestehen bleiben. Hoffen die Erwachsenen. Und das ist wünscht sich sicher auch Johanna, die ihre Ersatz-Omi ganz vertraut zum Abschied drückt. 

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