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StartseiteForschung aktuellFang den Wurm11.01.2012

Fang den Wurm

Brasilianische Wegerichart ist ein Fleischfresser

Philcoxia minensis ist ein Wegerichgewächs aus der brasilianischen Savanne mit einer erstaunlichen Fähigkeit, die es von seinen Gattungsgenossen auf deutschen Wiesen unterscheidet. Philcoxia fängt und verdaut Tiere, ähnliche wie die Venusfliegenfalle oder der Sonnentau.

Von Katrin Zöfel

Sekretdrüsen von Philcoxia minensis unter dem Elektronenmikroskop (PNAS / Pereira e.a.)
Sekretdrüsen von Philcoxia minensis unter dem Elektronenmikroskop (PNAS / Pereira e.a.)

"Diese Pflanze ist ein großartiges Beispiel dafür, was für unglaubliche Dinge die Evolution hervorbringt."

Der Forscher Rafael Oliveira von der brasilianischen Universität von Campinas spricht von Philcoxia minensis. Einer Pflanze, die nur an ganz bestimmten Stellen der brasilianischen Savanne lebt:

"Sie sind sehr selten. Sie kommen nur im Bundesstaat Minas Gerais in Zentralbrasilien vor, in einem sehr alten Gebirge, und dort nur an Stellen, wo es nichts als feinen, weißen Quarzsand gibt. Wo diese Pflanze wächst, wächst nichts anderes. Sie scheint also an diese extrem nährstoffarmen Standorte sehr gut angepasst zu sein."

Auf den ersten Blick kann man Philcoxia minensis leicht für einen kleinen, abgestorbenen Strauch halten: Über dem Boden besteht sie nur aus dünnen, bräunlichen Ästchen und wird kaum höher als 30 Zentimeter.

"Man findet kein einziges grünes Blatt an diesen Ästchen, aber wenn man genauer hinschaut und ein wenig im Sand um die Pflanze herum gräbt, dann findet man winzige, grüne Blätter - nur dass sie eben im Boden vergraben sind."

Warum, fragte sich der Ökologe Oliveira, treibt eine Pflanze ihre Blätter im Boden, statt sie wie alle anderen dem Sonnenlicht entgegen zu halten? Im hellen Quarzsand bekommen die Blätter zwar immer noch genügend Licht, um Fotosynthese zu betreiben, aber diese seltsame Bauweise musste trotzdem einen guten Grund haben. Oliveira sammelte Indizien.

"Zuerst einmal haben wir gesehen, dass die Blätter auf ihrer Oberfläche viele Drüsen tragen, die eine klebrige Substanz absondern. Und wir beobachteten, dass es um die Blätter herum auffällig viele Fadenwürmer gab. Diese beiden Beobachtungen zusammen brachten uns auf die Idee, dass Philcoxia eine fleischfressende Pflanze sein könnte."

Fadenwürmer sind mikroskopisch kleine Würmer. Sie kommen nur im Boden vor, dort allerdings sind sie relativ häufig, selbst an Stellen, wo es kaum Nährstoffe gibt. An einem einzigen Philcoxia-Blatt fand Rafael Oliveira bis zu 30 Exemplare. Im Labor versuchte der Wissenschaftler zu testen, ob sich die Pflanzen tatsächlich von den Würmern ernähren.

"Wir setzten Würmer auf die Blätter, die wir vorher mit sogenanntem schweren Stickstoff markiert hatten. Diesen besonderen Stickstoff konnten wir nach 24 Stunden in den Blättern nachweisen. Das bewies, die Pflanzen hatten diesen Nährstoff aus den Würmern aufgenommen."

Anschließend untersuchten die Forscher das Sekret, das die Blätter aus ihren Drüsen absondern. Das Ergebnis: Es enthält Enzyme, die für fleischfressende Pflanzen typisch sind, solche also, mit denen sich Tiere, egal ob Insekten oder eben Würmer, auflösen und verdauen lassen. Zwei nachweisbare Hinweise also darauf, dass Philcoxia minensis die Würmer tatsächlich frisst. Eine Frage allerdings blieb offen:

"Normalerweise haben fleischfressende Pflanzen irgendetwas, womit sie ihre Beute anlocken. So etwas konnten wir noch nicht nachweisen, das steht noch aus. Aber wir haben gute Indizien dafür, dass diese Pflanze sich von Würmern ernährt, die sie mit ihren unterirdischen Blättern fängt und verdaut. Und das gibt der Pflanze einen ökologischen Vorteil gegenüber potenziellen Konkurrenten."

Philcoxia minensis besetzt eine ökologische Nische, in der sonst keine Pflanze überleben kann. Damit sei sie, sagt der Forscher, ein besonders gutes Beispiel dafür, dass sich gekonnte Spezialisierung im Pflanzenreich tatsächlich auszahlt.

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