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StartseiteBüchermarktFantastische Groteske16.06.2009

Fantastische Groteske

Oleg Jurjew: "Die russische Fracht"

Ein Sammelsurium bunter Figuren an Deck, von denen wir nicht wissen, sind es Geister, Gespenster, Untote. Ein Protagonist auf der Flucht auf diesem Schiff. Leichenschmuggel. Eine fantastischste Groteske über eine Reise aus der Vergangenheit in die Zukunft, vorgelegt von Oleg Jurjew.

Besprochen von Karla Hielscher

Oleg Jurjew, der in Frankfurt lebende, vielleicht originellste und eigenwilligste russische oder genauer russisch-jüdische Gegenwartsschriftsteller, möchte nicht, dass seine Prosa als spielerischer Postmodernismus verstanden wird. Er sieht sich in einer an die klassische Moderne anknüpfenden Traditionslinie, die in Russland mit Belyjs Roman "Petersburg" begann und durch die Sowjetzeit abgebrochen wurde, eine Traditionslinie, die er "zweite Moderne" nennt. In seiner sprachgewaltigen, hochartifiziellen Prosa verbindet er auf ganz einzigartige, unverwechselbare und oft befremdende Weise Mythisches und Historisches, um die geistigen Grundphänomene unserer Umbruchsepoche, in der überkommene, gewohnte Denkkategorien nicht mehr greifen, ästhetisch erfassen zu können.

Sein Roman "Halbinsel Judatin", der 1985, also zu Beginn der Perestrojka und zugleich am Tag des jüdischen Osterfestes spielt, verknüpft die genaue, detailreiche und komische Sicht auf die untergehende Sowjetzivilisation mit einem weit zurückreichenden jüdischen mythischen Kosmos. Sein nächstes Werk "Der neue Golem oder Der Krieg der Kinder und Greise" spielt Anfang der neunziger Jahre und versucht, anknüpfend an die Golem-Legende vom zum Leben erweckten Klumpen Ton diese Jahre der großen Wende mit den Mitteln der Politsatire geistig zu durchdringen. Handlungszeitraum seines gerade erschienenen neuen Romans "Die russische Fracht" - durch viele Motivfäden und Figuren mit den genannten Büchern verbunden - ist die Jahrtausendwende.

Und wieder ist die mythische Grundierung des Erzählstoffes – die Suche nach dem sagenhaften untergegangenen Vineta, der märchenhaft reichen Stadt an der Ostsee mit ihren goldenen Dächern und dauerndem Glockengeläut - Ausgangspunkt für ein ungeheuer dichtes, vielschichtiges Textgewebe. Der Roman, der im russischen Original auch den Titel "Vineta" trägt, ist eine fantastische Groteske, in der sich die unterschiedlichsten literarischen Gattungen wild miteinander mischen.

Das Buch beginnt als Krimi. Der Hauptheld Wenka Jasytschnik, der an einer Dissertation zum Thema "Sankt Petersburg und Vineta, zwei baltisch-slawische Mythen" arbeitet, flüchtet sich vor den Morddrohungen einer Gangsterbande im Hafen von Petersburg auf ein ukrainisches Frachtschiff, und es beginnt eine irrsinnige, abenteuerliche Seereise. Damit wird das Buch zu einem Seefahrer-, einem Seeabenteuerroman mit allen literarischen Ingredienzien, die dazugehören. Das Kühlschiff vom Typ "Ulysses" trägt den Namen des zweifachen Helden der Sowjetunion P. S. Atenov und transportiert eine geheimnisvolle Fracht – aus den Petersburger Leichenhallen verschwinden Leichen - über die Ostsee nach Deutschland. Auf diesem Schiff hat alles einen schwankenden Boden, hinter dunklen Korridoren eröffnen sich plötzlich surreale Räume, aus verschlossenen Türen tritt man in andere Welten und Zeiten.
Ist es ein Totenschiff, ein Traumschiff, ein Narrenschiff? Und das ganze Sammelsurium bunter Figuren an Deck - sind es Geister, Gespenster, Untote? Die multiethnische Besatzung – der Kapitän, der ständig sowjetische Seemannslieder singt oder Balladen über den Lautsprecher deklamiert und nie die Kapitänsbrücke verlässt; der Tatare Ismael Muchametsjanov, ein ehemaliger Klassenkamerad, Zoe Schtekaturko, die Köchin mit ihrem ausladenden Dekolleté und so ansteckenden, Wenka aus alten Zeiten seltsam vertrauten Frauenlachen - es sind Gestalten aus der sowjetischen Vergangenheit, der Kindheit und Schulzeit des Haupthelden. Das Schiff entpuppt sich als ein Schiff der Erinnerung, auf dem sich alte vergessene Freunde, verschwundene oder gestorbene Verwandte und Kollegen ein Stelldichein geben und die ganze untergegangene Ding- und Erlebniswelt der Sowjetzivilisation einprägsam und nostalgisch mit zahllosen Zitaten noch einmal aufleben lassen.

Und alles, was Wenka auf dieser rätselhaften Reise erlebt – Begegnungen mit einem polnischen Abtreibungsschiff, der Fastzusammenstoß mit einem schwimmenden Altenheim unter dänischer Flagge, das Entern des Schiffes durch den deutschen Hobbyarchäologen Wendelin Wende, der mit einer nachgebauten Hansekogge auf der Suche nach dem untergegangenen Vineta ist – sind es Albträume, fantastische, wahnwitzige Halluzinationen, Delirien eines Betrunkenen? Den verschiedensten Interpretationsmöglichkeiten und Lesarten des Geschehens sind keine Grenzen gesetzt.

Vor allem anderen aber ist dieser skurrile Schiffskosmos eine Literaturwelt, die sich ihre Anleihen holt bei der Odyssee und Melvilles "Moby Dick", aus Gogol und Selma Lagerlöf, Jules Verne und dem "Fliegenden Holländer", die eine Fülle von Anspielungen auf Werke der russischen und sowjetischen Literatur enthält, von denen der deutsche Leser nur einen kleinen Teil realisieren kann. Eine verwirrende, überdrehte zweite Realität aus Spiegelungen, Parodie, Groteske, Sprachspiel und vulgärem Trash. Das Erzählte schwankt ständig zwischen Höchstem und Niedrigsten, Erhabenem und Unflätigen, Poetischem und Obszönen. Diese enorm reichhaltige, farbige Prosa wurde von den bekannten Lyrikerinnen Elke Erb und Olga Martynova kongenial übersetzt.

Das wirklich Unvergessliche und Beeindruckende an diesem Buch sind aber die visionären mythischen Bilder, die Jurjew findet, und mit denen er den Petersburgmythos fortschreibt, der die russische Literatur seit Puschkin, Gogol, Dostojewskij und Andrej Belyj durchzieht. Petersburg als von Zar Peter in die Luft erbaute Stadt. Eine leicht über der Erde und dem Wasser schwebende Himmelsinsel. Gehalten mit unzähligen Ankern an gusseisernen Ketten von auf dem Grund schwankenden Toten. Und immer vom Verschwinden, vom Untergang bedroht.
Die taumelnde Irrfahrt des Schiffs mit dem Namen Atenov, ukrainisch "Ateniv", der rückwärts gelesen "Vineta" ergibt, scheint ein glückliches Ende zu finden. Das Schiff nimmt - von Zar Peter himmelwärts gesteuert - Kurs auf Petersburg/Vineta. Es transportiert die Vergangenheit in eine unbekannte aber hoffnungsvolle Zukunft.

Oleg Jurjew: Die russische Fracht. Roman.
Aus dem Russischen von Elke Erb und Olga Martynova, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009, 220 Seiten, 22,80 Euro.

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