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StartseiteBüchermarktNicht auf Anhieb als Gedichte erkennbar20.10.2014

Farhad Showghi Nicht auf Anhieb als Gedichte erkennbar

Hiersein und Fernsein sind das zentrale Motiv im vierten Gedichtband des mehrfach preisgekrönten deutsch-iranischen Lyrikers Showghi. Der Titel "In verbrachter Zeit" enthüllt eine Mehrdeutigkeit.

Von Dorothea Dieckmann

Weiterführende Information

Keine konventionelle Metaphernsprache
(Deutschlandfunk, Büchermarkt, 27.05.2008)

Mit der Lektüre ist es wie mit der Beziehung zu anderen Menschen. Wenn sie nicht der puren Unterhaltung dient, durchläuft sie einen Prozess der Anziehung, der Fremdheit, der Auseinandersetzung, des Verstehens und der Veränderung. Bei intensiver Lektüre liest das Buch den Leser. Und obwohl das für jede Gattung gilt, wissen Leser von Lyrik am besten, dass sie sich auf dieses Spiel ernsthaft einlassen. Nun sind die kurzen Texte von Farhad Showghi nicht auf Anhieb als Gedichte erkennbar. Ihre Musik lässt sich nicht am Zeilenbild ablesen, sondern versteckt sich in der Prosaform:

"Mit ihrem Überschuss an Klängen können Viehglocken leicht Anschluss finden, mitunter ein Spiel mit anderen Queren oder abermals selbst Bienenflug sein. Da schlagen schon einige Längen an, mit Anfang und Ende, eine alte Übung: Hiersein, Fernsein, geschüttelt vom Hals."

Hiersein und Fernsein sind das zentrale Motiv im vierten Gedichtband des mehrfach preisgekrönten deutsch-iranischen Lyrikers Showghi. Der Titel "In verbrachter Zeit" enthüllt eine Mehrdeutigkeit. Verbrachte Zeit bedeutet Vergangenheit, aber statt danach auf sie zurückzuschauen, befindet sich das lyrische Ich an einem Ort in der verbrachten Zeit. Der Zyklus aus 84 Prosagedichten besteht aus drei Teilen, die jeweils im Untertitel einen Ortsnamen tragen: "Nach Tschaktschakuh", "Nach Berbling", "Nach Berne". Hier dominiert das räumliche nach: Die Rückschau wird zum Weg, zur Richtung. Das Schillern zwischen Zeit und Ort findet sich auch im Motto des ersten Kapitels, einem Satz von Robert Walser:

"Es war auch zu verlockend, noch ferner hier zu sein."

Die Verlockung mit dem magischen Rufton Tschaktschakuh beherrscht das erste Kapitel mit der Überschrift "Das muss ich meinem Vater erzählen", in dem Reisen anklingen, iranische Orts- und Eigennamen fallen, südliche Motive aufscheinen.

"Ein Baum meint flüchtig den Maulbeerbaum."

Und mit den fernen Alltagslauten von draußen kommt das Verlockende zum Fenster herein; es kehrt im Teppichmuster wieder und mischt sich mit den weichen W-Tönen der Kindheitssprache:

"Weiter hinten Tönung des Dämmers und der Fensterrahmen. Auch Leichtgängiges in Schleifmaschinenferne. Dort vereinzelt Schläge gegen Gerüste, Flugverhalten kaum. Hier die Handgelenke, die Füße im Staublicht und wahrscheinlich ein Mundlaut, väterlich nah an den Teppichblumen, gleich mitgebogen, noch unverständlich ins blaurote Geäst gezogen. Eher gefestigte Ranke. Gefiedert fast. Statt wie für ein Kind weiter ins Wort und weichgesprochen."

"Neben Häusern, Hecken und Gras" heißt das zweite Kapitel. Auch das Wörtchen neben sollte genau genommen werden: Die Gänge in einer ländlichen Umgebung mit Äckern, Viehweiden, Waldrändern, Zäunen, Hügelkuppen und Wolkenhimmeln sind stets nur Annäherung und Vorbeigehen. Mit fürs Deutsche typischen Komposita – Bachesche, Feldschnepff, Nassgras, Wurzelholz und Kohldistelwiese – kommt diese Gegend zur Sprache. Dass es sich dabei, im Gegensatz zum ersten Kapitel, um die Muttersprache handelt, lässt diese Stelle ahnen:

"Doch ich weiß auf die Schnelle kein ganzes Gesicht, wie's abbricht kurz vor den Händen. Da ist Luft für die Mutter. Möglicherweise fügt sich die Landschaft."

Doch die Heimatlichkeit kippt in alten Wörtern wie Mahd und Drusch ins Fremde. Mitten in den Landschaftsbildern stehen Begriffe wie Baumaßnahme, Handlungsimpuls oder Fehleinschätzung. Und wird eine konventionelle Metapher verwendet, dann kann im Gegenzug die Naturidylle schon einmal als industrielles Gebiet bezeichnet werden:

"Das Agrarland scheint gestochen scharf."

Erst im dritten Kapitel, das den Buchtitel "In verbrachter Zeit" trägt, ist im Hier und Dort so etwas wie eine Ankunft zu erkennen, ein Zuhause:

"Man kann sich gleich bleiben und mitten im Garten bewegen. Nach und nach denselben Pullover wie vorhin tragen. Keinen Zweck im Sinn, doch als Nächstes ein Mienenspiel zu einer Spieltechnik haben. Dann kurz, mit Birken im Rücken, die Hände betrachten. Mit dem Haus an der Seite ist nichts abwegig. Man kann sich dort wohnen und hier darauf reagieren lassen. Und unabhängig von Sport und Strauchwerk und der Sonne links oben unvermittelt noch etwas sagen, eher dahingemurmelt. Auch anstelle einer anderen Person."

Im letzten Gedicht schließlich wird aus dem Sohn selbst ein Vater. Doch statt die Bewegung abzuschließen, zeichnet es eine kleine Aufbruchssituation und verschiebt die feste Wirklichkeit mit einem kleinen Wink:

"Mein Sohn kommt mit. Jeder Armschwung ist täuschend echt. Wir gehen die Straße hinunter."

So sehr sich Farhad Showghis Gedichtband einem konventionellen Verständnis verschließt, so einfach ist die Wortwahl und so leicht, fast meditativ ist der Rhythmus seiner kleinen Einheiten. Man kann sie als Vermessung der Zeit, als Orientierung im Raum und Vergewisserung des sich auf diesen Achsen bewegenden Ich und seiner Körpergrenzen lesen. Doch die Suche selbst gerät in Fluss. Das Subjekt changiert zwischen Ich, Du, Man und Wir, das Tempus wechselt, Bestätigungen werden zu Verneinungen, Möglichkeits- und Wirklichkeitsform tauschen die Plätze. Statt das bewegte Leben stillzustellen, geben diese Texte eine fließende Antwort auf die Frage des ersten Gedichts, das aus einem Satz besteht:

"Wie oft muss ich mich aufhalten, um einen Aufenthalt zu haben?"

Farhad Showghi: "In verbrachter Zeit"
Kookbooks Verlag 2014, 96 Seiten, 19,90 Euro 

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