Montag, 20.11.2017
StartseiteKultur heute"Erdogan spielt mit der Unkenntnis im kollektiven Gedächtnis"16.03.2017

Faschismus-Vorwürfe "Erdogan spielt mit der Unkenntnis im kollektiven Gedächtnis"

Der deutsch-türkische Filmemacher Osman Okkan erwartet, dass der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan immer wieder den Faschismus-Vorwurf gegen Europa erheben wird - "ohne dass er im Geringstem eine Ahnung hat von den historischen Entwicklungen". Erdogan nutze solche Begriffe, um die Reihen hinter sich zu schließen, sagte Okkan im DLF.

Osman Okkan im Gespräch mit Karin Fischer

Bundespräsident Joachim Gauck (r) überreicht am 10.07.2014 im Schloss Bellevue in Berlin Osman Okkan aus Köln (Nordrhein-Westfalen) das Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland. Der Bundespräsident ehrt 25 Bürger für ihr Engagement für Integration mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland. (picture alliance / dpa / Wolfgang Kumm)
Der Journalist und Dokumentarfilmer Osman Okkan (picture alliance / dpa / Wolfgang Kumm)
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Karin Fischer: Jeden Tag gibt es neue Nachrichten aus der Türkei von den Wahlkampfreden des türkischen Präsidenten. Viele davon enthalten das Wort "Faschismus". Der Geist des Faschismus wüte auf den Straßen Europas, gibt Recep Tayyip Erdogan zu Protokoll und hat gestern erst den Niederlanden vorgeworfen, mehr als 8.000 bosnische Muslime massakriert zu haben. Die Rede ging dann noch weiter: "Die Juden wurden in der Vergangenheit genauso behandelt."

Wie hanebüchen solche Vergleiche sind, erschließt sich dem gebildeten Europäer sofort, der vermutlich weiß, dass Holland von den Nazis überrollt wurde. Doch auch Deutschland und andere Länder Europas mussten sich den Vorwurf der "Nazi-Methoden" schon anhören.

Frage an den Filmemacher und Publizisten Osman Okkan: Haben Sie eine Erklärung für Erdogans militantes und ständig wiederholtes Gerede vom Faschismus in Europa?

Osman Okkan: Eigentlich schon, denn Erdogan spielt auch in diesem Falle mit der Unkenntnis im kollektiven Gedächtnis der türkischen Gesellschaft von diesen historischen Begriffen. Ich würde mich überhaupt nicht wundern, wenn er in Richtung Europa immer wieder auch in Zukunft den Faschismus-Vorwurf hervorbringt und in Richtung Russland immer noch operieren kann mit dem Kommunismus-Vorwurf, weil das zwei stigmatisierende Begriffe sind, die nicht näher erläutert werden, auch in den Geschichtsbüchern nicht. In der türkischen Geschichte hat es ja nie solche Phasen gegeben, wo das Osmanische Reich oder in der Türkei Ansätze von Faschismus geherrscht haben. Es gab durchaus Sympathien auch mit dem Hitler-Deutschland, auch mit den Faschisten in Italien, aber über diese Kapitel spricht man und schreibt man in der türkischen Geschichtsschreibung nicht, und Erdogan nutzt wie immer geschickt demagogisch diese Begriffe, um die Reihen hinter sich zu schließen. Die Reihen, die bestehen aus Ultranationalisten, aus islamisch gefärbten Bevölkerungsteilen und allen, die gegen Europa eingestellt sind. Deshalb würde mich das nicht wundern, wenn er auch in Zukunft von diesen Begriffen Gebrauch macht, ohne dass er im Geringsten eine Ahnung hat, selber von den historischen Entwicklungen.

"Er wird auch in Zukunft diese Fehler immer wieder bewusst machen"

Fischer: Unkenntnis im Volk ist das eine; Wahlkampf ist bestimmt das andere. Aber man fragt sich ja schon, was historische Lügen dort zu suchen haben.

Okkan: Ich denke, darauf achtet Erdogan zurzeit überhaupt nicht. Ich denke, er wird auch in Zukunft diese Fehler immer wieder bewusst machen, um an möglichst viele Stimmen für seine Verfassungsänderung zu kommen, die für ihn von existenzieller Bedeutung ist. Wenn er diese Volksabstimmung verliert, oder sein Stimmenanteil einen signifikanten Abstieg signalisiert, dann war das alles umsonst, wofür er sich in den letzten Monaten seit dem Putschversuch und seit den letzten Wahlen eingesetzt hat: Der brutale Krieg gegen die eigene kurdische Bevölkerung, der Kriegseinsatz in Syrien. Damit das alles nicht umsonst war für ihn und sich in Ja-Stimmen umwandelt, wird er sicherlich weiterhin demagogisch und bewusst populistisch versuchen, die Massen zu beeinflussen.

Fischer: Sie haben, Osman Okkan, ja auch historische Filme über die Türkei gedreht und am Anfang schon angedeutet, dass man eigentlich über den Faschismus oder Nationalsozialismus in der Türkei nicht viel liest und nicht viel lernt. Was verbindet man aber damit? Welche Rolle spielen der Zweite Weltkrieg oder der Holocaust in der Türkei vielleicht im kulturellen Gedächtnis?

Okkan: Ich denke, bei denjenigen, die sich mit der Materie beschäftigen, mit der Geschichte beschäftigen, sind sie auch richtig angekommen. Nur bei der breiten Masse ist es natürlich eher gleichgesetzt mit jeglicher Autorität. Man unterscheidet nicht zwischen den verschiedenen Varianten und politischen Theorien zum Faschismus, sondern das ist Nazi-Deutschland, das ist Mussolini-Italien, das ist Franco-Spanien. Es ist Faschismus, was in der Zeit passiert ist, und wenn in Europa etwas nicht so läuft, wie es dem Herrschenden in der Türkei passt, ist man schnell mit dem Faschismus-Vorwurf zur Hand.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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