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Seit 07:15 Uhr Interview
StartseiteLange NachtFaust und Helena17.08.2013

Faust und Helena

Die Lange Nacht der deutsch-griechischen Beziehungen

Griechenland gilt heute als der "kranke Mann Europas". Zugleich ist das Land ein Traum, der Generationen deutscher Bildungsbürger in Erregung versetzt. Die griechischen Befreiungskriege gegen die Türken im ausgehenden 18. Jahrhundert führen zu einem regelrechten philhellenischen Rausch.

Von Manuel Gogos

Ein Land als Baustelle: Griechenland benötigt dringend weitere Finanzhilfen (picture alliance / dpa / Orestis Panagiotou)
Ein Land als Baustelle: Griechenland benötigt dringend weitere Finanzhilfen (picture alliance / dpa / Orestis Panagiotou)

Hölderlin macht sich zu Fuß nach Hellas auf, Goethe will es lieber "mit der Seele suchen". 1941 ziehen deutsche Panzer unter der Akropolis auf, Wehrmachtssoldaten baden nackt im Mittelmeer. Im Winter 1941/1942 verhungern 300.000 Griechen auf offener Straße - Erinnerungen, die tief sitzen im kollektiven Gedächtnis Griechenlands.

Und doch kommt es in der Ära der "Gastarbeit" (1960-1973) zu einem Massen-Exodus ins deutsche Wirtschaftswunderland: Von zehn Millionen Griechen wird jeder Zehnte zumindest zeitweise nach Deutschland gehen. In den 70-ger Jahren wird das "Schöne Mädchen aus Arkadia" zum Favoriten auf dem Schlagermarkt wie im Reisebüro - auch unzählige deutsche Touristen hoffen nun alljährlich, dort ihr Glück zu finden.

Die "Lange Nacht" stößt in die Resonanzräume der deutsch-griechischen Beziehungen vor, die wesentlich länger dauern als die Krise des Euro; und die tiefer reichen, als es die allerorts kursierenden Nationalstereotype der "ewigen Besatzungsmacht Deutschland" oder des "ewigen griechischen Levantiners" vermuten lassen.

Linktipps vom Autor:

Goethe-Institut Griechenland

www.pop-griechische-kultur.de

www.dgt-koeln.de

Radiopolis auf Funkhaus Europa

"Telemachos - Should I Stay Or Should I Go?" im Theater Ballhaus Naunynstrasse

www.griechische-kultur.de

print-wuergt.de

www.geistige-gastarbeit.de

www.facebook.com/KalimeraGermania



Auszug aus dem Manuskript:

Die Stimmung in Griechenland im Jahr 2013 ist gedrückt, die Hiobsbotschaften verdichten sich: Vom Zusammenbruch der Sozial- und der Gesundheitssysteme; von schwangeren Frauen, die nicht das Geld haben, ihre Kinder entbinden zu lassen oder Babynahrung zu kaufen; von Krebskranken, die sich ihre Medikamente nicht mehr leisten können. Die Selbstmordraten sind zuletzt signifikant gestiegen, wie die Zahl der Obdachlosen und der Suppenküchen von Athen. Selbst der Schwarzmarkt für menschlichen Organhandel soll sich auf Griechenland ausgedehnt haben.

Griechenland kämpft gegen die blanke Not. Wer ist verantwortlich, wer ist schuld? Die Griechen als "levantinische Trickser", Hochstapler, die sich den Zugang zur EU überhaupt nur durch geschönte Zahlen erschlichen haben? Die Deutschen als "ewige Besatzer", die im Zweiten Weltkrieg Europa mit militärischen Mitteln unterwarfen, und heute mit der Kraft ihrer Wirtschaftsmacht? Es geht um das Feuer hinter diesen Bildern. Denn es ist die Scham, die brennt.

Griechenland gilt heute als der kranke Mann Europas. Aber wie lange stand Griechenland für etwas ganz anderes: Wie viele Meister aus Deutschland waren erregt von der Philosophie des ägäischen Lichts, Gedanken des Mittags und der Schönheit, jenen leichten Delirien, wie sie von Griechenlandschwärmern von Hölderlin bis Goethe überliefert sind.

In der Zeit der anhebenden Eurokrise macht dann plötzlich ein anderes Wort die Runde, das nicht griechischen Ursprungs ist: "Bankrott", von italienisch banca rotta, "zerbrochene Bank". Wo man also mit dem ideellen Schuldverhältnis anhob, in dem die Welt Griechenland gegenübersteht, landet man am Ende bei jenen horrenden Geldschulden, die Griechenland in der Welt gemacht hat. Wenn aber die Wirtschaft eines Landes nichts mehr taugt, dann hat es seine Satisfaktionsfähigkeit verloren. Da werden ihm die großen Orden - "Mathematik!", "Gymnastik!", "Demokratie!" - vom Revers gerissen die bürgerlichen Rechte der Europäischen Union aberkannt und da wird ein Vormund eingesetzt, ein Kurator, der den griechischen Patienten Rosskuren unterzieht.
Haben Griechen und Deutsche sich auseinander gelebt? Hatten nicht einst bei Goethe Faust und Helena im arkadischen Hain - am Ort der heiteren Dichtkunst - aus ihrer Begeisterung für einander einen Sohn gezeugt, Euphorion, in dem sich der Geist der Antike dem nordisch-deutschen Geist vermählte?

Arn Strohmeyer: "Das ist natürlich vor allem bei Goethe im Faust II die Hochzeit von Faust und Helena auf der Burg in Sparta. Ich bin da oben auch gewesen und hab mir das angeguckt. Man sieht da zwar nicht mehr allzu viel. Aber das muß man einfach gesehen haben als Deutscher, finde ich. Das ist ja die engste Symbiose, die es überhaupt gegeben hat, in der Literatur, wenn Faust da Helena heiratet."

Arn Strohmeyer
Dichter im Waffenrock.
Erhart Kästner in Griechenland
Balistier Verlag; Auflage: 1., Aufl. (1. April 2006)




BÜCHER und Zitate aus der Sendung:

Johann Wolfgang von Goethe,
Faust II
Der griechische Schriftsteller und Goethe-Übersetzer Petros Markaris: "Wenn Sie Goethes-Griechenlandbild verstehen wollen: das Bild war ein ideales Bild. Wie ideal das war, können Sie in der klassischen Walpurgisnacht nachlesen. Und natürlich diese Utopie von Arkadien. Wenn Sie sich mit Griechen über Arkadien unterhalten wollen, die verstehen gar nichts davon. Denn das hat es nie gegeben in Griechenland! Das war ein deutscher Traum."
Es ist eine Art Heimweh nach Hellas, ein Ziehen nach den "alten seligen Küsten" hin. Goethe träumte intensiv davon, überzusetzen in das Land, "wo die Zitronen Blühen". Als er aber von Sizilien aus im Hafen von Syracrus die Schiffe daliegen sah, mit windgeblähten Segeln, da schwindelte ihm bei dem Gedanken.

Arn Strohmeyer: "Aber er hat sich nicht getraut, er hat es nicht gewagt, das war damals noch eine abenteuerliche Reise, Griechenland war damals noch türkisch besetzt. Und dazu kam, dass er einfach Angst hatte. Er hatte eine ideale Vorstellung von Griechenland, und er hatte Angst davor zu sehen, dass das reale Griechenland doch ganz anderes ist, viel primitiver, und das es mit dem idealen antiken Griechenland gar nichts mehr zu tun hat. Und diese Begegnung hat er gescheut. ... Er wollte sich sein ideales Griechenland bewahren."

Auch Friedrich Hölderlin, der vielleicht größte Griechenlandnarr aller Zeiten, hatte sie alle gelesen, die Reiseberichte vom letzten Fluchtpunkt all seiner Sehnsüchte. Sein "Hyperion" bleibt als Zeugnis der Griechenlandverehrung rein und unvermischt. Der Briefroman eines neugriechischen Helden, der Rückschau haltend seinem deutschen Freund Bellarmin Rechenschaft über seine Leben gibt. Hölderlin läßt ihn mit seinem weisen Lehrer Adamas Griechenland durchmessen im kühnen Bogen des "Armchairtravellers", Griechenland mit dem Finger auf der imaginären Landkarte, Griechenland wie im Überflug.

Friedrich Hölderlin
Hyperion

Hans Christian Andersen
Griechenland und der Orient. Eine märchenhafte Reise
2011 Hellasproducts - Verlag der Griechenland Zeitung

Eine märchenhafte Reise nach Griechenland und in den Orient in Begleitung des Dichters Hans Christian Andersen. Der berühmte Märchenautor schenkt uns poetische Alltagsskizzen und Einsichten über und in die beschriebenen Orte. Dabei zeigt der Mann aus dem Norden stets auch ein spürbares Interesse vor allem für die Menschen, die ihm begegnen, und eine gute Portion Humor.

Eine Reise wie im Märchen. Der weltbekannte Märchendichter Hans Christian Andersen zeigt mit diesem Buch, dass er auch ein ausgezeichneter und feinfühliger "Reisereporter" war: 1841 begab sich der dänische Autor nach Griechenland und sah vor sich "das Vaterland des Geistes". Von dort ging es weiter in den Orient, die "Heimat der Märchen". Überwältigt stand er vor dem "ungeheuren Konstantinopel, dem Stambul der Türken". Andersen schreibt begeistert, unvoreingenommen, humorvoll und romantisch. Er hatte Recht, als er auf der Heimreise feststellte: "Noch hat kein Buch ein wahres Bild von Griechenland und von dem, was ich vom Orient gesehen habe, gegeben." Hier ist es! Zusammen mit 50 Stichen aus dem 19. Jahrhundert und den mitreißenden Schilderung.


Jeffrey Eugenidis, Middlesex
Middlesex
Roman. Ausgezeichnet mit dem Pulitzer Preis 2003 und dem WELT-Literaturpreis 2003. Dtsch. v. Eike Schönfeld .
2004 Rowohlt TB.
"Middlesex ist ein unerhörter, wunderbarer Roman" (Jonathan Franzen)
In einem kleinasiatischen Bergdorf fängt alles an. Ein junger Mann und eine junge Frau, Bruder und Schwester, fliehen vor den Türken nach Smyrna und, als die Stadt brennt, nach Amerika. Es ist das Jahr 1922. Auf dem Schiff heiraten sie und lassen sich später in der Autostadt Detroit nieder. Niemand ahnt das Geheimnis dieses Paares, doch nach Jahrzehnten hat der Tabubruch der beiden ungeahnte Folgen.


Aris Fioretos,
Der letzte Grieche
Roman. Ausgezeichnet mit dem Preis der SWR-Bestenliste 2011.
2011 Hanser
IJannis Georgiadis, Sohn eines Bauern aus Griechenland, verlässt seine Heimat Mitte der sechziger Jahre, um seiner Jugendliebe nach Schweden zu folgen. Vorübergehend findet er dort das Paradies: Er träumt von einem Studium der Hydrologie und verliebt sich in das schwedische Kindermädchen. Doch als sich viel zu früh ein Kind einstellt, scheitert nicht nur eine der Zukunftsvisionen des griechischen Gastarbeiters. Aris Fioretos' Geschichte über Familie, Migration, Erinnerungen und Lebenslügen ist ein virtuoser Roman über das 20. Jahrhundert in Europa.


Andreas Schäfer
Auf dem Weg nach Messara
Roman.
2002 Fest


Antonis Sourounis
Der Rosenball
Piper Verlag 2001
Aus dem Griechischen von Gesa Schröder. Noussis ist ein Besessener, ein Abenteurer, der die Vorstädte Thessalonikis gegen die Spielkasinos Europas eingetauscht hat - weil er nicht glauben mag, dass das Glück unberechenbar ist.


Giorgos Krommidas
Die Flügel der Rotkehlchen
Free Pen /Bonner Institut für Migrationsforschung und Interkulturelles Lernen (BIM) e.V.; Auflage: 2., verbesserte Auflage (2009)
Nach den Erzählungen "Ithaka" und "Der Ölberg" spannt Giorgos Krommidas in seinem Roman "Die Flügel der Rotkehlchen" den Bogen zwischen Vergangenheit und Zukunft. Kimon, der eigenwillige Held, übernimmt schon früh in seiner Jugend Verantwortung für seine Mutter und seine Schwestern. Mit kleinen Tricks und viel Mut setzt sich der Hasardeur für seine Familie ein. Später verlässt er seine Heimat um sich selbst zu finden. Auf seinem langen Weg wird er zu einem Berufsspieler und lernt Helen kennen. Erst spät begreift er, daß sie die Frau seines Lebens ist und versucht, sie zurückzugewinnen ... Giorgos Krommidas beschreibt humorvoll die Klippen, die Kimon umschiffen muß, bis er sich und seine große Liebe findet. Und erzählt uns nebenbei viel über die Griechen, ihre Geschichte und ihre Kultur.
Petros Markaris, Zahltag


Nikos Dimou
Über das Unglück, ein Grieche zu sein
Kunstmann Verlag 2012
'Wenn ein Grieche von Europa spricht, schließt er Griechenland automatisch aus. Wenn ein Ausländer von Europa spricht, ist es undenkbar für uns, dass er Griechenland nicht mit einschließt.' 'Das Parkinsonsche Gesetz auf Griechisch: Zwei Griechen schaffen in zwei Stunden (wegen Streitigkeiten), was ein Grieche in einer Stunde schafft.' Das behaupten nicht die Kontrolleure der EU, sondern einer der bekanntesten griechischen Intellektuellen, Nikos Dimou. Sein Klassiker 'Über das Unglück, ein Grieche zu sein', den jeder Grieche kennt, hat gerade wieder die Bestsellerlisten gestürmt - und liegt nun erstmals auf Deutsch vor. Zeitlose Einsichten für alle, die Griechenland lieben und doch an ihm verzagen: 'Ein Grieche tut alles, was er kann, um die Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit zu vergrößern.' 'Mit Methode und System, die unserem täglichen Leben und unserer Arbeit fehlen, konzentrieren wir uns auf unsere geheime Mission: das wunderbare Land, das uns das Schicksal zugedacht hat.


Nana Mouskouri,
Stimme der Sehnsucht.
Meine Erinnerungen. Mit Lionel Duroy
2008 Schwarzkopf & Schwarzkopf
Nana Mouskouri, die griechische Sängerin mit der charakteristischen schwarzumrandeten Brille, ist mit über 250 Millionen verkauften Tonträgern nach Madonna die erfolgreichste Sängerin der Welt. Mehr als 300 Goldene, Platin- und Diamantene Schallplatten dokumentieren ihren jahrzehntelangen Erfolg. Seit 1958 hat sie mehr als 1550 stilistisch ganz verschiedene Titel gesungen, vor allem auf Griechisch, Deutsch, Französisch, Englisch, Spanisch und Italienisch.1934 auf Kreta geboren, wächst Nana Mouskouri in Athen in bescheidenen Verhältnissen auf. Schon früh entdeckt sie ihre Liebe zur Musik und studiert am Konservatorium. Auftritten in Jazz-Clubs und Bars folgt schließlich der erste Preis beim Festival de la Chanson Hllenique. 1961 beginnt ihre große Erfolgsgeschichte in Deutschland: "Weiße Rosen aus Athen" ist plötzlich in aller Munde und auch ihre nächsten Singles "Ich schau den weißen Wolken nach" und "Einmal weht der Südwind wieder" landen auf Platz eins in den Charts. Bis heute steht die vielseitige Künstlerin auf der Bühne und setzt ihre Erfolge weltweit fort.


Eleni Delidimitriou Tsakmaki
Lebenswege.
Zeugnisse griechischer Einwanderer in Deutschland

University Studio Press, Thessaloniki (2005)

Diese wahren Berichte von griechischen Einwanderern in Deutschland sind Seelenbekenntnisse, es ist ihr eigenes Leben, das in die Fremde ging und endlose Trennungen, Mühen, Ängste und ein bitteres Lächeln zurück ließ. War es das, das Leben in der Fremde, das sie sich erträumt hatten? In den 60er Jahren machten sie sich mir ihrer Jugend und ihren starken Armen auf, ihr Glück zu suchen - sie wollten bald wieder zurück, denn in ihrem Herzen war die Heimat stark verwurzelt, das Viertel, in dem sie geboren und groß geworden waren. In den Fabriken und Firmen, wo sie wie aufgedrehte Uhren arbeiteten, verdienten sie jedoch so gut, dass sie vergaßen zurück zu kehren und in der Fremde blieben. Ein Großteil der Häuser, die sie in der Heimat erbauten, stehen meistens leer; sie schweigen und warten geduldig darauf, dass ihr Besitzer eines Tages zurück kehrt.


Dimitris Chatzis
Das doppelte Buch
Romiosini Verlag, 1983
Ein Arbeitsemigrantenschicksal in Deutschland, das gleichzeitig einen tiefen Einblick in Geschichte und Gesellschaft Griechenlands vermittelt. Chatzis gilt als der erste große Erzähler der Nachkriegsgeneration Griechenlands.


Auszug aus dem Manuskript:

Am 13. August 1944 wird Anogia, das größte kretische Dorf, dem Erdboden gleich gemacht, von 950 Häusern ist nicht eins übrig geblieben. 40 kretische Ortschaften wurden durch die Besetzung völlig zerstört, in insgesamt 72 Orten hat es Exekutionen gegeben. Amalia Kalfaki, Gastarbeiterin der ersten Stunde, erinnert sich:

Amalia Hagenlocher: "Die Deutschen haben immer so Gruppen von Frauen herausgeholt aus ihren Häusern, und gesagt, zum Beispiel, du musst von dem bis zu dem Tag erscheinen, sehr früh, so um 5 Uhr musste die Mutter aufstehen um dort um sechs zu sein, damit sie die Soldatenkleider wäscht. Das war eine Waschküche, eine riesen Waschküche, in riesige [Bottiche] kam das Wasser rein, und da haben sie Soldatenkleider und Bettwäsche von denen waschen müssen und wenn sie dann während sie das getan haben, ein wenig müde waren und wollten sich ein bisschen zurücklehnen und sich ausruhen, da gab's zwei Männer, zwei Wächter, die hatten eine lange Peitsche, an der Peitsche unten war so ein schweres Stück Metall, so dass es richtig zu spüren ist, und die haben dann auf die Frauen geschlagen, wenn die sich getraut haben auszuruhen."
www.arnstrohmeyer.de/webseiten/portrait.htm

Christoph U. Schminck-Gustavus
Feuerrauch
Die Vernichtung des griechischen Dorfes Lyngiádes

am 3. Oktober 1943
Dietz Verlag J.H.W. Nachf (9. September 2013)
Wie aus heiterem Himmel brannten deutsche Wehrmachtssoldaten 1943 ein griechisches Bergdorf nieder, töteten Frauen, Alte, Babys. Christoph Schminck-Gustavus reiste an den Ort, der noch heute vom Schrecken gezeichnet ist. Er hat die letzten Überlebenden des Massakers gefunden, ihre Berichte aufgezeichnet und Archive gesichtet: Die Rekonstruktion eines erschütternden Verbrechens und seiner juristischen Verleugnung. Soldaten der Gebirgsdivision Edelweiß trieben die Einwohner von Lyngiádes in die Keller der Häuser, mähten sie mit Maschinengewehren nieder und zündeten das Dorf an. Fünf Menschen überlebten und krochen aus den brennenden Trümmern. Wegen der angeblichen Unterstützung von Partisanen fielen Hunderte Dörfer auf dem Balkan sogenannten "Sühnemaßnahmen" zum Opfer. Weil deutsche Gerichte sich später die Rechtfertigung der Täter zu eigen machten und das Massaker von Lygiádes als "Kampf gegen Partisanen" einstuften, wurde das Kriegsverbrechen nicht verfolgt. Deutschland und Griechenland haben die Opfer für ihr Leiden nie entschädigt.



Sekundärliteratur:

Hellas verstehen.
Deutsch-griechischer Kulturtransfer im 20. Jahrhundert

Hrsg. v. Chryssoula Kambas u. Marilisa Mitsou
Böhlau 2010
"Hellas" meint im Deutschen die Kultur der griechischen Antike, während es zugleich die Eigenbezeichnung des modernen Griechenlands ist. Doch wo liegt Griechenland im kulturellen Europa? Durch welche Vorstellungen und durch welche Akteure entstand das gegenseitige Bild?
Der Band spannt einen Bogen vom deutschsprachigen literarischen Konservatismus der Jahrhundertwende über die Kulturpolitik der NS-Zeit, die Besatzungszeit Griechenlands durch die "Deutsche Wehrmacht" bis zu den Folgen der Ost-West-Spaltung Europas für die gegenseitigen Nachkriegsbeziehungen. Die Beiträge verknüpfen Literatur- und Wissenschaftsgeschichte, indem sie den Kulturtransfer an zentralen Institutionen und Vermittlern darstellen und damit eine Grundlage für eine in beiden Ländern weiterhin notwendige Gedächtnisarbeit legen.


Meilensteine deutsch-griechischer Beziehungen
Hrsg. v. Wolfgang Schultheiss u. Evangelos Chrysos
LIT, 2010, Taschenbuch


Steffen Vogel
Europas Revolution von oben
Laqika Verlag 2013
Europa steht am Scheideweg. Im Süden entfaltet der von Brüssel und Berlin verordnete Sparzwang verheerende Wirkungen auf breite Gesellschaftsschichten. Dabei wird die Demokratie systematisch übergangen oder gleich ausgehöhlt. Europas Bevölkerungen verlieren dramatisch an Ein?uss und büßen soziale Rechte ein. Obwohl diese Politik die Eurokrise weiter verschärft hat, soll sie auf europäischer Ebene verewigt werden.
Mehr beim Laika Verlag


Yanis Varoufakis
Der globale Minotaurus
Amerika und die Zukunft der Weltwirtschaft

Kunstmann Verlag 2012
Globalisierung, Gier und fehlende Bankenregulierung - sie alle wurden für die Krise der Weltwirtschaft verantwortlich gemacht. In Wahrheit sind dies nur Nebenschauplätze eines weit größeren Dramas. Eines Dramas, das in der Weltwirtschaftskrise von 1929 wurzelt und bereits seit den 1970-Jahren auf offener Bühne spielt: als die Welt wider besseres Wissen begann, mit ihrem Geld den "Globalen Minotaurus" Amerika zu nähren - so wie einst die Athener dem mythischen Fabeltier auf Kreta Tribute zollten. Heute sind die USA, als Stabilisator der Weltwirtschaft, selbst nachhaltig geschwächt, und die Konsequenzen des Machtvakuums zeigen sich allerorten. Sie machen vor allem eines klar: Stabilität in der Weltwirtschaft ist nicht umsonst zu haben; sie erfordert historische Entscheidungen - wie nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Hegemonialstellung Amerikas begann. Statt hektischer Rettungsaktionen mit immer kürzerem Verfallsdatum ist eine grundlegende Debatte über Stabilitätspolitik, ist ein Neuanfang unvermeidlich



Tom Holert / Mark Terkessidis,
Fliehkraft
Gesellschaft in Bewegung - von Migranten und Touristen

KiWi-Paperback; Auflage: 1 (18. September 2006)


Die Dynamiken der Konstruktion von Differenz und Feindseligkeit am Beispiel der Finanzkrise Griechenlands: Hört beim Geld die Freundschaft auf?
Hrsg. v. Hans Bickers, Eleni Butulusi u.a.
Iudicium (13. Juli 2012)
Deutschland 2010 ein völlig neues Griechenlandbild entstanden. Durch Medien geprägte, negativ aufgeladene sprachliche Versatzstücke zur Charakterisierung Griechenlands sind beunruhigend rasch zur sozialen Routine im deutschen Sprachgebrauch geworden. Ihre Verwendung lässt seither wie auf Knopfdruck jenes im Frühjahr 2010 in die Köpfe gestanzte Bild entstehen, wonach die Griechen auf Kosten der restlichen Eurozone ein unbeschwertes, rauschhaftes Leben führen, selbst wenn ganz Europa dabei untergeht. Dass sich soziale Routinen im Sprachgebrauch herausbilden, ist ein normaler Vorgang. Dass man dies jedoch dafür ausbeutet, eine ganze Gruppe von Menschen zu stigmatisieren, hat in Deutschland eine unheilvolle Tradition.
In den diskursanalytischen Untersuchungen wird anhand von ca. 600 deutschen und griechischen Print- und online-Texten aufgedeckt, wie auf verschiedenen semiotischen Ebenen Mittel eingesetzt wurden, um diesen Diskurs der Ausgrenzung und Differenz wirkungsvoll zu führen. Dabei wird auch ein genauerer Blick auf die Reaktionen geworfen, die in griechischen Medien ausgelöst wurden.
Im kritischen Rückblick drängt sich hinsichtlich der verzerrenden Berichterstattung wichtiger deutscher Medien im Jahr 2010 und des Verhaltens einiger deutscher PolitikerInnen das Bild des "Biedermanns als Brandstifter" auf. Am 13.2.2012 stehen zahlreiche Gebäude in Athen in Flammen. Erst angesichts dramatischer Entwicklungen in der griechischen Bevölkerung mäßigt sich der Ton auf deutscher Seite ein wenig. Spät (vielleicht zu spät) macht sich hier die Einsicht breit, dass das Spiel mit dem Feuer zu weit getrieben wurde und dass die Schuld an den Finanzturbulenzen der vergangenen fünf Jahre nicht ernsthaft bei einem kleinen Land liegen kann, das gerade einmal 11 Millionen Einwohner zählt.
Das Buch ist in Kooperation einer AutorInnengruppe aus Griechenland und Deutschland entstanden.


Projekt Migration
Ausstellungskatalog des "Projektes Migration" im Kölnischen Kunstverein
Dumont Buchverlag; Auflage: 1 (17. Oktober 2005)



Auszug aus dem Manuskript:
Petros Markaris ist als Kind einer griechisch-armenischen Ehe in Istanbul geboren. Die Griechen kennt er schon lang, wie auch die Deutschen. Bevor er 1964 nach Athen kann, hat er in Wien Wirtschaftswissenschaften studiert. So kann er die ganze Tiefendimension der deutsch-griechischen Beziehungen aus eigener Erfahrung ermessen.

" Es ist eine Liebesgeschichte. Und in letzter Zeit ist es die Geschichte einer enttäuschten Liebe. So ist es.
Also, ich bin Ende 1964 nach Athen gezogen, und es war für mich eine große Überraschung zu sehen, wie offen, warm und freundschaftlich die Deutschen von den Griechen aufgenommen worden sind. Das war wirklich eine Überraschung, es waren ja nicht einmal zwanzig Jahre seit der deutschen Besatzung her. Es war für mich ein Wunder, dass die Griechen so offen waren. Nirgendwo war die deutsche Besatzung so brutal wie auf Kreta. Nirgendwo wurden die Deutschen so offen und warmherzig aufgenommen wie auf Kreta.

Dazu kam noch die Dankbarkeit der griechischen Gastarbeiter. Weil sie Arbeit hatten. Es waren ganz schwierige Jahre damals in Griechenland. Es gab keine Arbeit. Dazu kam die Dankbarkeit, das Bewusstsein, in Deutschland zu sein, zu leben, zu arbeiten, das hat die Beziehungen wieder hergestellt. / 25:45 Brot macht alles vergessen. Und als es Brot gab in Deutschland, da haben die Griechen einen anderen Deutschen kennen gelernt, und was geblieben ist, ist diese neuere Erinnerung. Nicht die Alte.

Es ist ein großer Unterschied, ob Sie mit alten Leuten reden, oder mit jungen. Die Alten haben all das bereits durchgemacht, erlebt, die wissen schon, was Armut ist. Ich war im Sommer auf der Bushaltestelle, am Amerikis-Platz, in der Nähe, und da wartete ich auf den Bus, und da stand ein Herr meines Alters neben mir. Und die Taxis standen Schlange und warteten, es gibt keine Kundschaft. Und er sagt zu mir: ‚Siehst Du, die warten. Den ganzen Tag.' Ich sag: ‚Ja, die haben keine Fahrgäste.' Und er sagt: ‚Ja, und viele können den Treibstoff nicht zahlen.' Da sag ich, es sind schwierige Zeiten, da sagt er, ach was, schwierige Zeiten, ich bin noch barfuss zur Schule gegangen! Aber die Jungen, die sind ja in der Zeit des fiktiven Reichtums groß geworden. Und die kennen die Armut nicht, und die kriegen eine riesige Panik.

Wenn man heute über die Missstände in Griechenland lamentiert und sagt: Die Griechen, die haben das ganze Geld aufgefressen - stimmt! Aber... man muß auch davon ausgehen, dass dieses Land von 1940 bis Ende der 1950er Jahre Hunger gelitten hat. Bettelarm war. Natürlich, wenn dann das Geld kommt, das ist wie mit dem Essen. Wissen sie es ist so, wie mit einem Menschen der intravenös gefüttert wird. Wenn man ihn dann abkoppelt, braucht man doch ein System, das man ihn schrittweise in die normalen Nahrungswege führt. Was in Griechenland passiert ist: Man hat vor ihn auf einmal einen großen Teller Lammspieß mit Bratkartoffeln gestellt. Autor: Da kann man dran sterben. PM: Natürlich! So ist es gekommen. "

Petros Markaris wurde mehrfach eingeladen, in Deutschland zu leben.

" Wenn ich in Deutschland bin, das ist fast wie eine kurze Zeitspanne der Ruhe und Entspannung. Ich bin ganz ruhig. Ich weiß, ich habe viele Freunde in Deutschland, obwohl ich sehr viel über die Krise rede, zu viel würde ich sagen, trotzdem ist es anders, schon weil ich keine Zeitungen lese. Ich kehre zurück und bin ein bisschen entspannter. Aber wenn ich dann wieder in Griechenland bin, obwohl ich ehrlich gesagt von der Krise nicht betroffen bin, trotzdem gibt es in jeder Familie, auch in meiner, Leute die leiden. "

Aber in Deutschland zu leben, kommt für den Deutschlandfan nicht in Frage.

" Jetzt mit der Krise, viele junge Leute, die von ihrem Opa oder Urgroßvater einen Acker geerbt haben, die gehen zurück. Fangen mit dem Bio-Anbau an. Selbstversorgung, die machen das, da gibt es viele junge Leute. Autor: Aus Zwang und Not? PM: Ich versuche den jungen Leuten immer zu erklären: Ihr könnt wie Eure Eltern und Großeltern von diesem Staat nichts Vernünftiges erwarten. Also seid ihr auf Euch selbst angewiesen. Das Einzige was ihr machen könnt, ist, gruppenweise arbeiten und etwas aufbauen. So haben es auch ihre Eltern gemacht. Ihre Großeltern auch. Das ist nichts Neues. Nur ist es so gekommen, dass in der Zeit des fiktiven Reichtums diese jungen Leute geglaubt haben, Mama Europa wird alle Probleme lösen. Also meine Mama hatte nicht das Taschengeld für mich übrig, bitte...! Jetzt müssen sie das neu erlernen. Aber sie schaffen es. Es ist schon viel besser, jetzt. Viele gehen weg. Aber es gibt auch einen Teil der sagt, wir gehen nicht weg, wir bleiben. Wir werden kämpfen. Und das ist neu. "
Mehr zum Autor auf Wikipedia


Musikliste

Nick Cave, Lightning Bolts

Dimitri Mitropoulos dirigiert Gustav Mahlers Achte Symphonie (Vertonung der Bergschluchten-Szene aus Faust II)

Schubert, Lieder der Mignon

Mikis Theodorakis, Sorbas Dance

Thanos Mikroutsikos, Ta Antartika

Michalis Jenitsaris, Saltadoros

Günter Baby Sommer, Savina Yannatou: Songs of Kommeno Songs for Kommeno

Mikis Theodorakis, Mauthausen Cantata, Track 1 Song of Songs

Stelios Kazantzidis, Fevgo me pikres

Stelios Kazantzidis, Papoutsia apo ton topo sou

Mikis Theodorakis, Canto General

Mikis Theodorakis "Resistance"

Musikeinspielung 13 Bella Chiao

Wolf Biermann "Ballade zur Beachtung der Begleitumstände beim Tode von Despoten"

Kostas Papanastasiou, Jaros

Demis Roussos, We shall dance

Nana Mouskouri, Weiße Rosen aus Athen

Manges, Logistik, Track "Paradies"

Manges, Logistik, Track "Bruder im Geist"

Dionysos Savvopoulos / Souteria Bellou

Demis Roussos, On the greek Side of my mind

ddiTelemachos - Should I Stay Or Should I Go?

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