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StartseiteAus Kultur- und Sozialwissenschaften"Feindanalysen. Über die Deutschen"23.07.2009

"Feindanalysen. Über die Deutschen"

Neues aus dem Nachlass von Herbert Marcuse zum 30. Todestag

Als Jude und Linksintellektueller aus Hitlerdeutschland in die USA emigriert, entschloss sich der Philosoph Herbert Marcuse, einen geistigen Beitrag zur Bekämpfung der nationalsozialistischen Herrschaft zu leisten. Für das "Office of Strategic Services" verfasste er Beiträge über die "neue deutsche Mentalität".

Von Peter Leusch

Der Philosoph Herbert Marcuse. (AP Archiv)
Der Philosoph Herbert Marcuse. (AP Archiv)

"Der Nationalsozialismus hat die Denk- und Verhaltensmuster des deutschen Volkes dermaßen verändert, dass sich die traditionellen Methoden der Gegenpropaganda und Umerziehung als unzulänglich erweisen. Die Deutschen orientieren sich gegenwärtig an gänzlich anderen Werten und Maßstäben, und sie sprechen eine Sprache, die sich von den Ausdrucksformen der westlichen Zivilisation wie auch von denen der einstigen deutschen Kultur grundlegend unterscheidet."

Mit dieser These über eine "neue deutsche Mentalität" beginnt der gleichnamige Aufsatz Herbert Marcuses aus dem Kriegsjahr 1942. Der Philosoph hat sich entschlossen, an der Seite der Alliierten einen geistigen Beitrag zur Bekämpfung der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland zu leisten, gegen ein Regime, das ihn als Juden und Linksintellektuellen 1934 aus der Heimat vertrieben hatte.

"Herbert Marcuse war nach seiner Emigration in die USA zuerst in Kalifornien, musste dann von dort nach Washington und schloss sich da dem Office of Strategic Services an. Das war ein Forschungsunternehmen, das die amerikanische Regierung eingesetzt hatte, um herauszufinden, wie sich der Nationalsozialismus in diesem Maße in der deutschen Bevölkerung verankern konnte. Und im Rahmen dieser Organisation des OSS erarbeitete Marcuse zusammen mit anderen, über 400 Exilierten, die dort in den USA lebten, die sogenannten Deutschlandanalysen. Das waren Untersuchungen über die Zusammenführung der Bürokratie, der Ökonomie und der Politik. Das waren auch Mentalitätsuntersuchungen."

Der Frankfurter Publizist Peter Erwin Jansen ist Herausgeber der Nachlassschriften Herbert Marcuses. Der erweiterte Band fünf "Feindanalysen. Über die Deutschen" enthält Marcuses Nationalsozialismusstudien. Der Nationalsozialismus, schreibt Marcuse wörtlich, "kann als typisch deutsche Form der Technokratie, das heißt, als nationalsozialistische Anpassung der Gesellschaft an die Erfordernisse der Großindustrie begriffen werden."

Das klingt zunächst wie der gängige marxistische Erklärungsansatz, der Faschismus letztendlich auf Kapitalismus zurückführt. Aber was bei Marcuse konkret folgt, ist eine neuartige Kritik der Denkweise. Die unter dem Nationalsozialismus herrschende Mentalität hat die Vernunft eines Immanuel Kant gleichsam halbiert, nur ihre technische Seite, so Marcuse, wurde verwirklicht, als eiskalte Logik entlang der Frage: Mit welchen Mitteln kann ich Zwecke optimal erreichen? - Die moralische Seite der Vernunft jedoch wurde abgeschnitten.

"So heißt zum Beispiel ein Kapitel 'Moral verschwindet in Technologie'. Das heißt, alles was an Werten und Normen im Zeitalter der Aufklärung entstanden ist und sich entwickelt hat, das wurde von den Nationalsozialisten kanalisiert, in eine pragmatische Richtung. Das heißt, alles, was an moralischer Instanz eine Gesellschaft zusammenhalten kann, hat sich verflüchtigt in das, was Marcuse 'Matter of factness' nennt, reine Tatsachen. Beispiel: Marcuse spricht davon, dass die Menschen im NS-Deutschland eher den Nazis glaubten, dass es ihnen materiell besser geht, und hinter diesem materiellen Bessergehen verschwand jede Art von moralischem Gefüge."

Die Deutschen hätten die Idee der Freiheit und die Werte der christlichen Moral gegen materielle Sicherheit eingetauscht. Hatte Hitler, so glaubten die Zeitgenossen, sie nicht von der Arbeitslosigkeit befreit? Entstanden sei, so Marcuse, eine Geisteshaltung zynischer Sachlichkeit. Diese Diagnose lässt an Adolf Eichmann denken, von dessen mörderischem Wirken Marcuse freilich noch nichts wusste. Der Schreibtischtäter Eichmann hat die KZ-Vernichtungsmaschinerie des jüdischen Volkes entworfen und organisiert, ohne sich über die moralische Begründung jemals Gedanken zu machen.

Marcuses These von der Herrschaft der Technokratie benennt allerdings eine allgemeine Fehlentwicklung der Moderne: Spezifisch für den Nationalsozialismus ist jedoch, dass er dieser gewissenlosen kalten Rationalität seine irrationalen Mythen, sprich seine Ideologie aufpfropft. Peter Erwin Jansen:

"Er spricht davon, dass der Mythos, den die Nationalsozialisten versucht haben, den Menschen nahe zu bringen, dass dieser Mythos - die Blut- und Bodenideologie, das Völkische, das Arische, das Reine -, dass dieser Mythos alle anderen menschlichen Verhaltensweisen oder mentalen Strukturen vereinnahmt hat; und alle Werte und Normen, die in anderen Bereichen erkämpft wurden, und sich entwickelt haben, außen vor lässt."

Die Arbeit Marcuses und der anderen blieben nicht nur Theorie. Sie mündeten in Empfehlungen für die Praxis. So entstanden sogenannte Guides, Handbücher für die Propagandafront während des Krieges und für die Politik im besetzten Deutschland danach.

Die Gruppe um Marcuse gelangte zu überraschenden Schlussfolgerungen für eine Gegenpropaganda: Moralische Appelle und Demokratieversprechen seien wirkungslos, denn "die Sprache der Tatsachen sei das Einzige, was die Deutschen verstünden". Marcuse:

"Zum Glück gibt es genügend Tatsachen, die der Realität des Nationalsozialismus entgegengehalten werden können. Die Produktionskapazität und das Kriegspotential der Alliierten, ihr Lebensstandard, ihre wirksame Kontrolle der Preise und Profite, die Art und Weise, in der sie die Arbeitslosigkeit besiegt und das Wirtschaftssystem ungestaltet haben, ohne die Arbeiterbewegung zu zerschlagen - all dies kann dem deutschen Volke auf eine Weise nahe gebracht werden, die die nationalsozialistischen Errungenschaften als das zeigt, was sie wirklich sind: Verbrechen."

Der Einfluss der Wissenschaftler auf die amerikanische Regierung blieb freilich gering. Im aufziehenden Kalten Krieg ging sie insbesondere zum neomarxistischen Denker Marcuse auf Distanz. In einem späteren Interview meinte Marcuse, sie hätten praktisch umsonst gearbeitet.

Aber sein eigenes Engagement und seine geistige Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus hatte sich mit Kriegsende keineswegs erledigt. 1946 unternahm er eine längere offizielle Reise nach Deutschland. Dabei besuchte er auch seinen ehemaligen Lehrer Martin Heidegger. Heidegger hatte sich 1933 in der berüchtigten Freiburger Rektoratsrede zur nationalsozialistischen Bewegung bekannt, wohl in der verblendeten Annahme, er als Philosoph sei dazu berufen, wie es Habermas einmal ausdrückte, "den Führer zu führen".

"Aus diesem Besuch ist ein Briefwechsel entstanden. Heidegger spricht von seinem Verhalten als einem Irrtum. Und Marcuse versucht ihm zu zeigen, dass ein Denker mit solch einem Anspruch in einer solchen Situation sich nicht einfach irren kann, und er versucht Heidegger dazu zu bewegen, wenigstens etwas zur Vernichtung der europäischen Juden zu sagen. Und Heidegger weicht aus, und sagt: Nun ja, was nach dem Krieg die Alliierten mit den Flüchtlingen gemacht haben, das sei im Prinzip dasselbe, wie das, was die Nazis mit den Juden gemacht hätten. Und darüber war Marcuse höchst empört, denn diese Art von unreflektierter Gleichsetzung konnte Marcuse nicht unwidersprochen stehenlassen und der Kontakt ist nach 1947 auch völlig abgebrochen."

Marcuse ging für immer zurück in die USA und wurde zum Vordenker der Studentenrevolte, insbesondere mit seinem Buch "Der eindimensionale Mensch", wo er die These der Technokratie weiterentwickelt, nun mit kritischem Blick auf die moderne amerikanische Gesellschaft.

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