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StartseiteForschung aktuellFenster zum Herzen17.12.2007

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Kontaktloses EKG für schnellere Herzdiagnose

Medizintechnik. - Bei Herzproblemen kommt es auf jede Minute an. Durch ein neues Verfahren können Ärzte und Sanitäter jetzt bei Notfällen schon vor Ort eine schnelle Diagnose stellen und dadurch sogar Leben retten. Forscher am Institut für Elektrische Messtechnik der TU Braunschweig haben ein kontaktloses EKG-System entwickelt, das Herzfunktionen beinahe im Vorbeigehen, berührungslos durch die Kleidung messen kann.

Von Maren Schibilsky

EKGs können jetzt auch durch Kleidung hindurch gemacht werden. (AP)
EKGs können jetzt auch durch Kleidung hindurch gemacht werden. (AP)

Martin Oehler trägt ein kleines silberfarbenes Notebook unter dem Arm. Beim genauen Hinsehen entdeckt man an der Unterseite des PC´s ein weißes kreisrundes Plastikgehäuse. Darauf sind 16 Elektroden angebracht. Der Prototyp einer Weltneuheit. Ein EKG-System, das ohne direkten Körperkontakt die elektrischen Impulse der Herzaktivität messen kann. Ohne Elektroden am Körper, die im Kontaktgel haften. Martin Oehler hält das neue kontaktlose EKG-System ruhig an den Pullover einer Testperson:

"Der eigentliche Vorteil besteht jetzt darin, dass wir das System jetzt nur noch auf dem Körper aufsetzen müssen und dabei keine Rücksicht darauf nehmen müssen, ob eine Kleidung zwischen dem System ist oder nicht. Natürlich funktioniert unser System auch direkt auf der Haut. Wir brauchen diesen Kontaktwiderstand aber nicht. Deshalb kontaktlos. Wir können das System einfach auf die Kleidungsoberfläche auflegen und dort das Signal aufnehmen."

Sechs Jahre haben die Wissenschaftler am Institut für Elektrische Messtechnik der TU Braunschweig an diesem System geforscht. 2006 hatten sie bereits einen Prototyp gebaut. Der war doppelt so groß. Erst diese handliche Notebook-Variante hat die Wissenschaftler überzeugt – berichtet Meinhard Schilling. Er leitet das Forscherteam. Gemeinsam mit Neurologen an der Charité Berlin haben sie das neue EKG entwickelt, das überall - beinahe im Vorbeigehen - die Herzaktivität messen kann. Meinhard Schilling erklärt, wie das System die elektrischen Spannungen auf der Haut, die der Herzschlag hervorruft, erkennt:

"Die Spannungen auf der Hautoberfläche sind gleichzeitig verwendbar, um auf einer Platte aus Metall, die sich vor dem Körper befindet, Ladungen zu verschieben, und damit über so eine Kapazität einen Verschiebungsstrom in dieser Platte vor dem Körper zu erzeugen. Ein solches Signal wird kapazitiv ausgekoppelt und an einer dann angeschlossenen Elektronik verstärkt und letztlich auf dem Computerbildschirm sichtbar gemacht."

Die Messergebnisse werden nicht – wie beim normalen EKG - in separaten Kurven dargestellt. Sie erscheinen als ganzflächige räumliche Darstellung – ähnlich einer Landkarte. Für die Ärzte enthalten sie neue Informationen. Anhand der räumlichen Darstellung können Mediziner zum Beispiel die Ursache von Herzrhythmusstörungen frühzeitig erkennen– erklärt Projektleiter Meinhard Schilling.

"Auf so einer Landkarte wäre sichtbar, ein zweiter Pulsgeber, der im Herzen existiert, der beispielsweise zu Herzrhythmusstörungen führen kann, die im schlimmsten Fall Ursache für den plötzlichen Herztod sein können. Eine Idee dieses System ist es , eine solche vorsorgend prognostische Untersuchung zu machen bei Patienten, um festzustellen, ob mehrere Aktivitätszentren im Herzen existieren könnten, um dann detaillierte Untersuchungen mit Herzkathedern anzuschließen."

Das städtische Klinikum Braunschweig, aber auch einige niedergelassene Ärzte wollen das kontaktlose EKG-System in einer Pilotanwendung jetzt testen. Nicht nur die Notfallmedizin könnte von der mobilen Herzfunktionsmessung profitieren – meint Martin Oehler.

"Ein anderer Bereich ist in dem sogenannten Home-Monitoring, in dem Bereich, wo man zuhause Vitalfunktionen aufnehmen möchte, ob das jetzt der Blutdruck ist, einfach nur der Puls, oder auch das EKG ist, was man kontrollieren möchte in regelmäßigen Abständen und nicht jedes Mal zum Arzt gehen möchte."

Meinhard Schilling kann sich in Zukunft das neue System auch eingebaut in einem Krankenbett oder Autositz vorstellen. Für Patienten, deren Herztätigkeit regelmäßig überwacht werden soll. Doch erst muss sich das System in der medizinischen Praxis bewähren. Die Braunschweiger Forscher auf baldige Markteinführung.

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