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StartseiteBüchermarktHeimat finden in einer fremden Welt24.11.2015

Feridun Zaimoglus "Siebentürmeviertel" Heimat finden in einer fremden Welt

Feridun Zaimoglus neuer Roman "Siebentürmeviertel" erzählt die Geschichte eines sechsjährigen Jungen, der 1939 mit seinem Vater auf der Flucht vor den Nazis in die Türkei kommt. Wie er sich dort behauptet und in einer konfliktgeladenen Gesellschaft die eigene Identität sucht, beschreibt Zaimoglu in starken Bildern und einer Sprache, die das Buch auf die Longlist für den Deutschen Buchpreis gebracht haben.

Von Detlef Grumbach

Feridun Zaimoglu (dpa / picture alliance / Erwin Elsner)
Der Schriftsteller Feridun Zaimoglu. (dpa / picture alliance / Erwin Elsner)

"Man könnte natürlich meinen, Zaimoglu dreht jetzt den Spieß um: Genauso wie er Türkenkind in Deutschland war, ist Wolf das deutsche Kind in der Türkei." Doch die Handlung des Romans ist weit weggerückt von den Erfahrungen des Autors, der 1964 geboren als Kind nach Deutschland kam. Feridun Zaimoglu geht mit seinem neuen Roman noch einmal die Zeit zurück, in die er sich schon mit seinem Roman "Leyla" begeben hat. Leyla, nach dem Vorbild seiner Mutter gestaltet, erlebte ihre Kindheit im archaischen anatolischen Osten der Türkei. Im neuen Roman kommt der deutsche Junge Wolf ins Istanbuler Siebentürmeviertel, in dem Zaimoglus Vater aufgewachsen ist.

"'Siebentürmeviertel' ist, wenn man so will, mein intensivstes Buch. Seine Fremdheit ist mit meiner Fremdheit verwandt. Natürlich. Aber diese Fremdheit bezieht sich nicht auf ein fremdes Milieu, in dem man sich behaupten muss, sondern auf die Träume, auf das Innenleben eines Kindes, aber es ist auch im Sinne eines Entwicklungsromans, dass er sich von seinem geliebten Viertel fortbewegt, auch innerlich. Er entdeckt die Poesie."

Eine zerbröselbde Miniaturgesellschaft

Sein Vater flieht 1939 vor den Nazis und findet mit dem Sohn Unterschlupf bei der Familie Adullah Beys. Bald überlässt er Wolf seinem Schicksal und zieht nach Ankara. In zwei großen Teilen – "1939" und "1949" – und in 99 einzelnen Kapiteln erzählt der Roman aus der Perspektive des meist nur "Hitler-Sohn" oder "Arier" genannten Wolf, wie er sich allein in einer fremden Welt behauptet, ihre Regeln und Gesetze verinnerlicht, aber auch mit Vorurteilen, Klischees und großen Erwartungen konfrontiert wird. So soll sein Arier-Harn Frauen fruchtbar machen – und sogar ein bisschen Stolz liefert er heimlich den begehrten Stoff. Abdullah Bey nimmt Wolf an Sohnes statt an. Der Junge genießt den Schutz dieses neuen Vaters, wird zum Türken und ist Abdullah Bey auch dann noch dankbar ergeben, wenn er längst mitbekommt, welche Macht dieser im Vielvölkerviertel hat, was für archaische Auffassungen von Ehre, Recht und Gesetz ihn leiten und wie er in Erfüllung seiner Mission über Leichen geht.

"Im Grunde genommen geht es in diesem Roman ja auch um eine mehr oder minder nach außen geschützte, sich verpanzernde Miniaturgesellschaft, die aber nach und nach zerbröckelt. Nicht etwa, weil die Moderne ein böses Tier ist, das alles Althergebrachte zerstört, sondern an den inneren Widersprüchen einfach zerbirst."

Türken, Armenier und Griechen, Tschetschenen und Zigeuner, Krämer, Bauern und Arbeiter leben in dem Viertel. Es sind Versehrte, teils werden sie auch so genannt: der nasenlose Feldpächter, der einäugige Krämer. Der Kitt der Armut und hehre Begriffe wie Rechtschaffenheit halten es zusammen, doch unter der Oberfläche brodelt es: Die junge Republik bricht mit der Tradition, alte Rechnungen zwischen den Ethnien, die Geschichten von Vertreibung und Völkermord, sind nicht vergessen, der Krieg in Europa weckt alte Ängste und Hoffnungen. Wolf beobachtet, schnappt Worte auf, ohne richtig zu verstehen.

Als Kinder Freundschaften über alle Grenzen hinweg

"Die Kinder sprechen ja so wie die Erwachsenen. Sie schauen sich ja alles von den Erwachsenen ab. Die Sprüche, die sie klopfen, das sind ja die Worte der großen Brüder, der achtbaren Männer, die gar nicht so achtbar sind. Er ist einer, der immer hinhört, Wolf, der sich das merkt. Er muss es ja auch. Der macht sich keine Illusionen."

Als Kinder schließen sie noch Freundschaften über alle Grenzen hinweg, wehren sich gemeinsam gegen die großen Brüder, die um die Macht im Viertel kämpfen. Kaytun, der Armenier, gilt ihnen als der leibhaftige Teufel. Kubiley, sein kleiner Bruder, wird Wolfs bester Freund. Derya, Wolfs Schwester, verliebt sich in Yorgo, den Griechen. Sogar das schwule Freundespaar Dschenk und Nuyan lebt eine Weile nahezu unbehelligt. Im Verborgenen ist alles möglich, doch wenn etwas herauskommt, fließt Blut. Langsam wachsen die Kinder in die Welt der Erwachsenen. Als Kaytuns Leiche gefunden wird, atmen sie erst noch auf. Als das Gerücht umgeht, Abullah Bey habe ihn getötet, stellt Kubiley sich auf die Seite seines Vaters und schwört Rache, Wolf dagegen verteidigt seinen Vater.

"Man kennt das von Männerbünden, die viele große, klingende Worte machen, um aber das Verzwickte, das Verquere, das Abscheuliche und das Kraftmeierische eigentlich zu verbrämen. Sie kommen auf die Idee, vom Althergebrachten, von Gesetzen zu reden, die nicht vereinbar seien mit den Gesetzen der Republik. Kann das gut gehen? Das kann nicht gut gehen. Ich muss das Ganze aufbrechen und ich muss gleichzeitig aufzeigen, was es mit den Menschen macht, nämlich: Die Menschen kommen zu Schanden."

"Du liest Gedichte! Welcher Mann tut das?"

Als Gegenpol zum starren System der Gewalt dienen die österreichische Schule in Beyoglu, jenseits des Goldenen Horns, auf die Wolf im zweiten Teil des Romans kommt, aber auch die Frauen. Bayka Hanim, seine Mutter, hält sich zwar meist zurück, aber sie verteidigt ihn, hackt sich gegen Ende des Romans sogar einen Finger ab, um eine Schuld des Vaters auf sich zu nehmen, um die Spirale von Gewalt und Rache zu durchbrechen. Derya widerspricht zu Hause dem Vater, entwickelt sich zur Republikanerin und verlässt das Viertel, in dem Frauen keine Zukunft haben. Einige reifere Damen nehmen sich Wolfs erwachender Sexualität an, eine andere eröffnet ihm in ihrer Bibliothek das Reich der Literatur. Dichtung, Poesie sind verpönt im Siebentürmeviertel. "Du liest Gedichte! Welcher Mann tut das?" schleudert Kubiley Wolf entgegen, als es zu einem ersten Showdown zwischen den beiden kommt. Wolf liest die Werke des Dichters Tan, sucht den Kontakt zu ihm, zu einer anderen Welt.

"Ja, die Poesie ist für Wolf die Rettung, der Wind, der ihn davon trägt. Zum ersten Mal öffnet sich ihm mit der Poesie eine Welt der Freiheit. Und es trägt ihn fort. Es trägt ihn in eine Welt, in der er sich nicht behaupten muss, in der es nicht darum geht, aufzupassen, in der es nicht Schläge hagelt. Der Dichter Tan, das ist das Paradoxe, derjenige, der nicht nur ihm die Welt der Freiheit öffnet, muss untertauchen, weil die Frömmler ihn zum Ketzer erklären und ihm nach dem Leben trachten."

Kampf zwischen Aberglauben und Moderne

Knapp 80 Figuren listet ein hilfreiches Personenverzeichnis auf, aber es sind noch längst nicht alle. Fast geht man unter, versinkt in der Welt des Siebentürmeviertels. Doch wie ein fliegender Teppich trägt die kraftvolle Erzählweise des Autors durch diese opulenten 800 Seiten. Zaimoglu schwelgt in einer üppigen Sprache, zieht seine Leserinnen und Leser in den Bann unzähliger Episoden und Ereignisse, lässt sie beinahe schweben. Nur wenn es um Sexuelles geht, piekst einen manchmal die Spitze eines Zwiebelturms, irritieren Worte wie "Fleischspieß" oder "Bubenbügel". Sonst prägen starke, aus der Beobachtung des Kindes gewachsene Bilder wie "pfützenschwarz" oder das Brusthaar eines Mannes, das aussieht, als hätte er "ein Bund Suppengrün in den Ausschnitt gesteckt", den Tonfall, pflegt der Autor ein orientalisch anmutendes, altertümlich klingendes Deutsch, wenn er vom "Schindanger", der "Räuberrotte",der "Webwarenhökerin" oder dem "Trinklokal" spricht. Ein bisschen, so sagt er, will er damit von der Vielfalt der Sprache abbilden, in der die alten osmanischen Traditionen lebendig geblieben sind, gegen alle Bemühungen der Republik, ein einheitliches, modernes Türkisch durchzusetzen.

"Siebentürmeviertel" von Feridun Zaimoglu ist ein famoses Buch, ein großer Wurf, mit langem Atem geschrieben. Der Autor führt uns in eine längst vergangene Zeit und erzählt eine vielschichtige Parabel auf die Gegenwart. Er erzählt von einem Kind in einer ihm absolut fremden Umgebung. Er schildert eine geschlossene Gesellschaft mit ihren tradierten Werten, die im Kampf zwischen Archaik, Aberglauben und Moderne nur noch Fassade sind, um die Gewalt, die in ihnen steckt, zu verbergen. Er zeigt im Kleinen, wohin das fundamentalistische Festhalten an lebensfremden Gesetzen führt. "Was hältst du von uns Türken?", fragt der Dichter Tan gegen Ende des Romans den Jungen Wolf. "Ihr seid gut", antwortet Wolf, "und ihr seid krank." "Und woran leiden wir, Deutscher? – "Große Worte. Große Gefühle. Und am Ende doch nur Gewalt." "Entarteter Arier, Türkenkind" – so sieht Wolf sich selbst.

"Wolf beschäftigt sich nicht mit irgendwelchen Ideen, Vorstellungen, sondern: Er lebt. Das sagt er später seinem Vater, der mit ihm zusammen nach Deutschland fahren will. Wolf sagt: Heimat? Das hier ist für mich zur Heimat geworden. Er ist Siebentürmler geworden.

Feridun Zaimoglu: "Siebentürmeviertel", Kiepenheuer & Witsch 2015, 800 Seiten, 24,99 Euro

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