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StartseiteBüchermarktFerne Zukunft23.09.2004

Ferne Zukunft

Andreas Eschbach (Hg.): "Eine Trillion Euro"

Science-Fiction lebt von der guten Idee bei knapper Ausführung, sein ideales Format ist die Kurzgeschichte. Die Klassiker des Genres bedienten den geforderten Mechanismus virtuos. Sie hatten <em>einen</em> provokativen, prognostischen, ungewöhnlichen Einfall je Story und spannen ihn auf 10 bis 20 Seiten aus. Doch längst hat sich Science-Fiction seines Wortsinns begeben, driftete immer weiter in Richtung Fantasy und ließ das aufregende Ideenpotential der Wissenschaften – "Science" – mehr und mehr links liegen. Tausendseitige Space-Operas dominieren das Genre, woran Hollywood nicht unschuldig ist: Abenteuergeschichten lassen sich eben leichter verfilmen als Ideen. Fast erleichtert stellt man fest, dass das derart entglittene Genre in wirtschaftlichen Schwierigkeiten steckt; zumindest hört man das aus Amerika. Selbstvergessenheit rächt sich eben irgendwann auch auf dem Markt. Naht jetzt die Rettung aus Old Europe, wo man die Traditionslinien noch nicht ganz vergessen hat?

Von Florian Felix Weyh

Andreas Eschbach (Hg.): "Eine Trillion Euro" (Bastei-Lübbe)
Andreas Eschbach (Hg.): "Eine Trillion Euro" (Bastei-Lübbe)

Mehr als 450 Seiten dick ist die von Andreas Eschbach herausgegebene Anthologie Eine Trillion Euro, die den Blick über heimische Gefilde streifen lässt und dabei die Gleichung "Science-Fiction ist Kurzgeschichte" kritisch überprüft. Finnische, griechische oder niederländische Futuristik wurde bisher schlicht überhört und überlesen, insofern kommt dem Buch Pioniercharakter zu. Doch wie es mit Entdeckungsreisen so ist, die Wüste erstreckt sich schier endlos, und Oasen tauchen selten am Horizont auf. Alles, was den Science-Fiction unverdaulich für literarisch anspruchsvolle Leser macht, ist auch in dieser Sammlung zu finden: klischierte Beschreibungen, Fantasymüll und gewaltverliebte Dystopien, gegen die ein "Terminator"-Film nachgerade verstaubt wirkt. Bildmächtigkeit wird mit Adjektivanhäufungen verwechselt und die zündende Idee – eine Metapher aus dem Bereich der Raketentechnologie übrigens – lässt sich oft mit der Lupe suchen.

Nur die Autoren zweier Sprachräume verteidigen in diesem Buch das europäische Erbe gesellschaftspolitisch anregender Spekulation, die sich nicht ins Märchenhafte flüchtet, sondern maximal zwei Generationen vorausgeht, sich mithin die Flanke potentieller Widerlegbarkeit leistet: die Spanier und die Deutschen. Ein Deutscher, Michael Marrak, glaubt sich sogar von der Wirklichkeit eingeholt, denn kurz nach Fertigstellung seiner Erzählung verglühte die Raumfähre Columbia, was dem Autor wie ein unziemlicher Realitätseinbruch vorkam, weswegen er am Ende seines Textes akribisch dokumentieren muss, dass er auf jeden Fall schneller gedacht hat als die NASA scheiterte. Ein symptomatischer Fall, denn die Geschichte von Oneway-Raumflügen als Möglichkeit des Luxussuizids wird – wenn überhaupt – nur oberflächlich vom Columbia-Unglück berührt, nicht aber in ihrem erzählerischen Kern. Literatur schafft eigene Wirklichkeiten, das ist ja ihre Stärke, und doch scheint es diese Angst vorm Eingeholtwerden zu sein, die die meisten Science-Fiction-Autoren in sehr ferne und sehr unwahrscheinliche Zukünfte enteilen lässt. Ein implizites Misstrauensvotum gegen die eigene literarische Fähigkeit.

Auf die Spanierin Elia Barceló und ihren Landsmann César Mallorquí trifft das freilich nicht zu. Beider Stories sind von beklemmender Dichte, gerade weil sie sich auf jeweils einen Geistesblitz beschränken, im übrigen aber die Welt so aussehen lassen, wie sie vermutlich wirklich in dreißig, vierzig Jahren aussehen wird: nicht anders als heute. Bei beiden geht es um die Frage individueller Lebenszeitverlängerung für diejenigen, die sich das leisten können – und was das für Implikationen nach sich zieht. Da es in der Natur des Genres liegt, über Grundeinfälle nicht reden zu können, ohne die Spannung aufzulösen, sei hier nicht mehr verraten. Ob es sich jedoch für drei, vier luzide Geschichten lohnt, alle unerfreulichen Begleiterscheinungen zeitgenössischer Phantastik mit einzukaufen, muss der Interessierte selbst entscheiden. Eine geographisch orientierte Anthologie jedenfalls scheint wenig geeignet, neue Leserschichten zu erschließen. Den Skeptikern und Verächtern des Genres würde man lieber ein Bändchen in klassischer Manier in die Hände drücken: Was passiert, wenn ... man die Optionen der Gegenwart in alle Richtungen auslotet. Manch einem der alten Science-Fiction-Autoren ist dabei schon ein philosophischer Wurf gelungen.

Andreas Eschbach (Hg.)
Eine Trillion Euro
Bastei Lübbe, 463 S., EUR 8,90

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