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StartseiteKultur heuteIn aller Stille, nur vom hörbaren Atem begleitet03.03.2018

Festival "Dance On" in Berlin In aller Stille, nur vom hörbaren Atem begleitet

Wenn sich die Poesie des Widerstandes in die Körper einschreibt: auf dem Dance On Festival in Berlin tanzen sich die Performer unter anderem durch Choreografien von William Forsythe und Jan Martens bestechen durch reife Ausdruckskraft. Der große Wurf bleibt jedoch aus.

Von Elisabeth Nehring

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Brit Rodemund und Christopher Roman tanzen "Cataloque" von William Forsythe (Dorothea Tuch / HAU)
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Groß und kräftig ist er immer noch – der Tänzer Gus Salomon Jr., der seit über fünfzig Jahren auf der Bühne steht und in New York den Postmodern Dance entscheidend mitprägte. 77 Jahre ist er inzwischen alt – die Zeit als Tänzer in der Merce Cunningham Company und seine Karriere als Choreograf liegen schon lange zurück, aber seine kraftvolle Ausstrahlung ist noch ausgeprägter als damals. In dem Duett "mind eraser2" des Kassler Ballettchefs Johannes Wieland tritt er zusammen mit dem nicht mehr ganz jungen, aber immer noch viel jüngeren Tänzer Evangelos Poulinas auf. Was die beiden füreinander sind oder was sie miteinander verbindet, bleibt zwar im etwas kryptischen Dunstkreis der choreografischen Intention verborgen, doch kann man während ihrer verbalen und motorischen Aktionen ganz unbefangen die verschiedenen Stadien des Mensch- und Mannseins studieren: Gus Salomon Jr. hat zwar nicht seinen aufrechten Aplomp, seine Größe und Kraft eingebüßt, wohl aber seine Flexibilität. Während sein ehemaliger Student Evangelos Poulinas hyperbeweglich und katzengleich durch den Raum gleitet, kämpft der Ältere mit der Steifheit seines gealterten Körpers und dem ungelenken Gang. Dass er dennoch die Aufmerksamkeit ganz auf sich zieht, liegt zu einem Teil an seiner unbestreitbaren Ausdruckskraft, zum anderen aber auch daran, dass Tänzer in diesem Alter fast nie auf der Bühne zu sehen sind.

Die Sichtbarmachung der Qualitäten

Dass sich das ändert – dafür wurde das DANCE ON-Ensemble gegründet. Dem für das Konzept und die Organisation verantwortlichen Kulturbüro Diehl Ritter geht es mit DANCE ON um die Sichtbarmachung jener Qualitäten, die nur erfahrene, reife Tänzer haben. Während Jüngere vor allem durch Kraft, Geschwindigkeit, Flexibilität, technische Virtuosität und – im besten Falle – durch den Zauber der Jugend bestechen, überzeugen gereifte Tänzer wie Christopher Roman, Jone San Martin, Ty Boomershine und Brit Rodemund durch eine Bewusstheit im Umgang mit sich und dem eigenen Körper, die man erst mit den Jahren erreicht. Mehr noch – und das war in den Vorstellungen des OUT OF NOW-Festivals ebenfalls gut zu beobachten: der ältere Tänzer kann immer beides sein: in manchen Momenten die Qualitäten der Jugend verströmen und in anderen die Abgeklärt- und Gelassenheit der Erfahrung.

Der Eröffnungsabend mit Stücken der Choreografen William Forsythe und Jan Martens sowie dem libanesischen Theaterregisseur Rabih Mroué führte genau diese Bandbreite vor: während sich Jone San Martin und Ty Boomershine von Rabih Mroué die Erfahrungen von Krieg und Gewalt, aber auch die Poesie des Widerstandes in ihre Körper einschreiben lassen, wirkt das Ensemble 40+ in der rhythmisch auf- und abschwellenden Choreografie von Jan Martens beseelt von einer geradezu zeitlosen Dynamik, die in dem fortwährenden, ruhelosen Bewegungsfluss entsteht.

Neue Verbindungen von Gliedmaßen zu Gelenken

Dem Höhepunkt des Abends, dem Duett ‚Catalogue’ von William Forsythe könnte man endlos zuschauen – und dabei die Altersfrage endgültig vergessen. Wie sich Brit Rodemund und Christopher Roman in aller Stille, nur vom hörbaren Atem begleitet, durch Forsythes komplexe Bewegungsfiguren arbeiten und dabei immer wieder neue Verbindungen von Gliedmaßen zu Gelenken, Extremitäten zu Organen sowie Händen und Füßen zu Hüfte und Kopf erschaffen, ist einfach grandios.

Dabei bietet das Festival OUT OF NOW auch die Gelegenheit, einmal auf das gesamte Repertoire an Stücken zu schauen, das in den zweieinhalb Jahren der DANCE ON-Existenz entstanden ist. Dabei fällt vor allem eines auf: auch wenn man alles richtig macht – d.h. ein kompetentes Team sich ein überzeugendes Konzept ausdenkt, die Machtverhältnisse umdreht, fabelhafte Tänzer engagiert, die wiederum namenhafte Choreografen auswählen, um für sie zu kreieren und dafür auch noch ausreichend Geld zur Verfügung steht – selbst unter diesen allerbesten Voraussetzungen gibt es keine Garantie auf einen wirklich großen Wurf. Die meisten der für und mit dem DANCE ON-Ensemble entstandenen Stücke sind gut, aber keines glänzt – abgesehen von dem eben beschriebenen Forsythes Stück. Ob das vor allem dem anarchistischen, unkontrollierbaren Charakter des Kunstschaffens zuzuschreiben ist oder ob es dafür noch andere Gründe gibt – darüber könnte man jetzt lange spekulieren und es würde sich sicher lohnen, das genauer zu untersuchen. In keinem Fall aber schmälert diese Beobachtung die wunderbare Arbeit der Tänzer des DANCE ON-Ensembles – und die Forderung, dass mehr von ihnen auch lange nach ihrem vierzigsten Geburtstag auf der Bühne stehen.

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