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Feuerschutz mit Flammen

Französische Ökologen legen gezielt Waldbrände

Von Joachim Budde

Brandstifter im Namen der Umwelt: Christophe Neff von der Universität Karlsruhe.
Brandstifter im Namen der Umwelt: Christophe Neff von der Universität Karlsruhe. (Neff/uni-karlsruhe.de)

Umwelt. - Jeden Sommer brennen rund um das Mittelmeer die Wälder aufs Neue. Ist es in der Region erst wieder heiß und trocken, dann ist es für Vorsorge zu spät. Um riesige Feuersbrünste zu vermeiden, ziehen daher noch im Winter französische Feuerwehr und Förster los, um Feuerschneisen frühzeitig abzufackeln.

Flammen fressen sich durchs dichte Unterholz. Es brennt in den bewaldeten Hügeln nahe der französischen Mittelmeerstadt Narbonne. Dicker Rauch hängt zwischen den knorrigen Kieferstämmen. Fernand Lespouce gießt immer wieder ein brennendes Diesel-Benzin-Gemisch auf den Waldboden und hält so das Feuer in Gang. Gemeinsam mit seinen Kollegen sorgt der Feuerwehrmann für den Sommer vor: Was er im Winter abbrennt, muss er im Sommer nicht löschen. Jean-Paul Baylac von der staatlichen Forstbehörde zeigt den Feuerwehrmännern, wo sie den Wald anzünden sollen. Parzellen wie diese sind für ihn ein einziger Haufen brennbarer Biomasse.

"Die Pflanzen reichen ohne Unterbrechung vom Boden in die Kronen. Im Sommer entzündet sich das Kraut am Boden sehr leicht, auch die Besenheide in der Mitte brennt sehr schnell – das alles zusammen ergibt einen geradezu explosiven Cocktail."

Im Schnitt alle zehn Jahre bricht im Massif de Fontfroide ein großes Feuer aus. Denn im trockenen Unterholz kann der Tramontane, der hier im Sommer von den Pyrenäen her bläst, katastrophale Brände entfachen. Die fressen sich mit bis zu 80 Kilometern pro Stunde durch den Wald. Die Schneisen, die Jean-Paul Baylac und Fernand Lespouce jetzt ins Unterholz brennen, halten die Feuer auf, denn sie liegen schräg zur Hauptwindrichtung. Im Sommer kann die Feuerwehr von den Schneisen aus einen Brand in die Zange nehmen. Sie drängt ihn von seinen Flanken her zurück. Die Feuerfront wird dann immer schmaler und läuft sich schließlich tot. Mit dem Ergebnis ist der Forstbeamte Baylac zufrieden:

"So erreichen wir, dass ein Feuer nicht 2000 Hektar zerstört, sondern weniger als 1000 Hektar. Die Schneisen dafür von Hand zu schlagen, wäre viel zu teuer."

Die ökologischen Schäden für den Wald halten sich in Grenzen – auch wenn nachher fast nur die Bäume übrig sind. Denn Pflanzen und Tiere erobern die verbrannten Flächen schnell zurück, häufig ist die Vielfalt nach einem Feuer sogar größer als vorher. Viele Pflanzen brauchen offene Flächen, unter Bäumen und Unterholz fehlt ihnen Licht. Wie sich Waldbrände auf das Ökosystem auswirken, beobachtet der Feuerökologe Christophe Neff von der Uni Karlsruhe. Der Spezialist für Mittelmeerwälder fährt regelmäßig in die Länder Südeuropas und Nordafrikas, um Ursachen und Folgen der großen Feuer zu erforschen. Christophe Neff erwartet, dass immer häufiger sommerliche Waldbrände entstehen werden. Denn das Buschland breitet sich aus, sagt er.

"Das ist ein Phänomen, das rund um das Mittelmeer zu beobachten ist, inzwischen sogar - und das ist das Neue - seit fünf oder sechs Jahren im südlichen Mittelmeerraum. "

Denn überall drängen die Menschen vom Land in die Städte. Nur noch rund drei Prozent der aktiven französischen Bevölkerung arbeitet in der Landwirtschaft. Wo früher Wein wuchs oder Vieh weidete, breiten sich Buschland und Wälder aus. Und damit wächst die Feuergefahr.

"Die Zahl der Waldbrände wird in den nächsten Jahren völlig unabhängig von irgendwelchem Klimawandel, ich sag sogar enorm zunehmen. Weil die Waldflächen enorm zunehmen."

Das eigentliche Problem dabei ist, dass Feuer Menschen oder ihr Hab und Gut bedrohen. Während einerseits die Landflucht anhält, bauen andererseits viele Stadtbewohner Häuser mitten im Wald – und bringen sich damit selbst in Gefahr. Die Arbeit mit dem Feuer ist auch jetzt im Winter gefährlich. Schließlich soll nur das Unterholz und nicht der ganze Wald in Flammen stehen, sagt Forstbeamter Jean-Paul Baylac.

"Darum gehen wir bei so einer dicht bewachsenen Fläche sehr vorsichtig vor. Wir arbeiten bergab und gegen den Wind, damit Gefälle und Wind das Feuer bremsen. Wir müssen auf jeder Parzelle zwei Mal das Unterholz wegbrennen, sonst ist noch zu viel übrig. Und dann müssen wir alle drei bis fünf Jahre wiederkommen, um die Parzelle zu pflegen."

Trotz aller Vorsicht ist ein Heidebusch aufgelodert. Die Flammen drohen, auf die niedrigen Baumkronen überzugreifen. Die professionellen Brandstifter sind vorbereitet: Auf dem Forstweg steht ein Löschzug bereit. Seit zehn Jahren legen Feuerwehr und Waldarbeiter regelmäßig diese kleinen Waldbrände im Winter – und verhindern so große im Sommer.



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