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StartseiteInterview"Kritische Leute werden lieber ausgetauscht"11.05.2017

FIFA-Ethikkommission"Kritische Leute werden lieber ausgetauscht"

Nach seiner Absetzung als Chef-Ethiker bei der FIFA äußert sich der deutsche Richter Hans-Joachim Eckert im DLF erstaunt: Er habe keine Hinweise darauf gehabt, nicht mehr aufgestellt zu werden. "Man macht sich natürlich nicht beliebt, wenn man hohe Offizielle aus der Fußballorganisation sperrt." Offizielle Gründe seien bisher nicht mitgeteilt worden.

Hans-Joachim Eckert im Gespräch mit Peter Kapern

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Hans-Joachim Eckert, der Vorsitzende der rechtsprechenden Kammer der FIFA-Ethikkommission, steht vor der FIFA-Zentrale. (picture alliance / dpa / Walter Bieri)
Hans-Joachim Eckert, der Vorsitzende der rechtsprechenden Kammer der FIFA-Ethikkommission (picture alliance / dpa / Walter Bieri)
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Peter Kapern: Paukenschlag beim FIFA-Kongress in Bahrein. Kaum ein anderer Verband steht weltweit derart im Verdacht, ein Sumpf aus Vetternwirtschaft und Korruption zu sein. Um diesen miserablen Ruf zu bessern, hat noch Ex-FIFA-Chef Sepp Blatter die Ethik-Kommission ins Leben gerufen. Nach anfänglich misstrauisch beäugten Entscheidungen hat dieses Gremium tatsächlich belegt, dass an die Korruption innerhalb der FIFA bekämpfen will. Das war auch ein Erfolg der beiden Vorsitzenden: des Schweizers Cornel Borbely und des Deutschen Hans-Joachim Eckert. Beide rechneten damit, in ihren Ämtern vom FIFA-Kongress bestätigt zu werden. Doch dann die überraschende Nachricht: Sie werden nicht zur Wiederwahl zugelassen.

- Wie er davon erfahren hat und was das ganze bedeutet, das habe ich Hans-Joachim Eckert gefragt, bevor er in Bahrein wieder ins Flugzeug gestiegen ist, um unverrichteter Dinge Heim zu fliegen.

Hans-Joachim Eckert: Nun, wir sind hier hergeflogen, wir wurden eingeladen, wir haben ein Visum bekommen. Wir sind eigentlich aufgrund der Äußerungen von Offiziellen der FIFA, zum Beispiel der Generalsekretärin Frau Samoura davon ausgegangen, dass wir wieder aufgestellt werden zur Wahl. Wir haben erfahren, dass wir nicht auf die Nominierungsliste kommen.

Als wir gestern Abend, spät Abend, halb elf oder so was, aus dem Flugzeug ausgestiegen sind in Bahrain, kamen die ersten Meldungen über den Ticker, dass wir nicht nominiert werden, und das war für uns, sagen wir mal, etwas verwunderlich, weil wir eigentlich vorher keine Hinweise darauf hatten, dass wir nicht mehr aufgestellt werden.

Die Gründe, warum es dazu geführt hat, die sind uns bisher noch nicht mitgeteilt worden. Wir warten darauf, dass irgendjemand Offizielles von der FIFA mit uns mal redet und das auch erklärt. Denn es ist natürlich schon so und da muss man auch ganz realistisch sein: Es gibt natürlich keine Erbpfründe bei einer Organisation, dass man sagt, man hat einen Anspruch darauf, wiedergewählt zu werden.

Nur ist es bei der Ethikkommission vielleicht ein bisschen anders, weil diese Ethikkommission in der jetzigen Zusammensetzung hat sich über Jahre hinweg einen durchaus guten Ruf der Unabhängigkeit erarbeitet mit einem sehr großen Wissen um die Zusammenhänge der ganzen Korruptionsfälle weltweit bei der FIFA. Und unsere Überzeugung war, dass wir eigentlich mit diesem Wissen noch ein bisschen weiterarbeiten sollten, und deshalb kam es für uns überraschend.

"Man wird es nicht allen recht machen können"

Kapern: Ihr Kollege Cornel Borbely hat gesagt, es gäbe weitere 500 Fälle, denen die FIFA-Ethikkommission auf der Spur war. Ist das tatsächlich die Größenordnung, mit der Sie da noch hätten arbeiten können?

Eckert: Dazu kann ich leider gar nichts sagen, weil Cornel Borbely hat allein die Anzahl der Fälle für sich, weil die Trennung zwischen den beiden Kammern ist derartig stringent, dass ich nicht weiß, gegen wen und was und wie viele Fälle er noch ermittelt. Er hat aber gesagt, dass er doch noch ziemlich viele Fälle hat. Es ist wohl die Zahl von ungefähr 100 gefallen bei der Pressekonferenz heute. Aber ich selber habe darüber keine Kenntnis.

Kapern: 70 Funktionären der FIFA konnte die Ethikkommission Fehlverhalten nachweisen. So lese ich es in Nachrichtenagenturen. Und die sind aus dem Verkehr gezogen worden. Sind Sie zu vielen Leuten auf die Füße getreten? Könnte das ein Grund für Ihre Nichtnominierung sein?

Eckert: Nun ja. Ich meine, man macht sich natürlich nicht beliebt, wenn man hohe Offizielle aus der Fußballorganisation sperrt oder mit Geldbußen belegt und das dann auch noch medial aufgearbeitet wird, dass diese Personen, die oft ein sehr hohes politisches und soziales Renommee in ihren Ländern haben, dann geahndet werden nach Standesrecht. Aber man kann nicht einerseits die Arbeit machen einer Ethikkommission, einer unabhängigen, und dann auf alle Dinge Rücksicht nehmen. Das ist genauso wie bei einem Richter im Strafrecht. Man wird es allen Leuten nicht recht machen können und wir arbeiten nach den Buchstaben des Ethikcodes.

Kapern: Könnte das Ganze so was wie die kalte Rache des Apparats sein?

Eckert: Ach ja, was heißt kalte Rache des Apparats? Rein theoretisch ja, darüber kann man spekulieren. Man kann vielleicht auch darüber spekulieren, dass Verfahren anstehen, die eine gewisse Brisanz haben, sportpolitische Brisanz, und dass man sich überlegt hat, wir tun die lieber weg, bevor das noch weitergeht. Das sind aber lauter Spekulationen, an denen ich mich nicht beteilige, solange ich keine Erklärung habe von jemandem, der dabei gewesen ist, oder vom Präsidenten selber.

Verfahren gegen Richard Lai könnte noch brisant werden

Kapern: Dann sagen Sie uns doch bitte, Herr Eckert, wenigstens noch, welche Verfahren von sportpolitischer Brisanz Sie da gerade gemeint haben.

Eckert: Na ja, ich spreche jetzt ganz deutlich an das Verfahren gegen den Herrn Lai, der aufgrund der amerikanischen Mitteilungen – die amerikanische Justiz hat ja Pressemitteilungen herausgegeben und auch eine Anklage, wo er genannt war – und da hat er selber zugegeben bei den amerikanischen Behörden, circa 700.000 Dollar Schmiergeld genommen zu haben, und da sind noch mehrere andere Personen verschlüsselt genannt, Mitverschwörer eins, zwei, drei und so weiter.

Und ich habe dann den Herrn Lai vor eineinhalb Wochen vorläufig gesperrt. Das ist sicherlich ein Verfahren, wenn man dann sieht, dass da mehrere Mitverschwörer von den Amerikanern aufgedeckt worden sind, dann kann man damit rechnen, dass es weitere Verfahren gibt und dass hier möglicherweise noch eine Brisanz enthalten ist, die ich noch nicht beurteilen kann.

Kapern: Jetzt müssen Sie, Herr Eckert, mir und unseren Hörern ein wenig auf die Sprünge helfen, weil nicht jeder jeden FIFA-Funktionär kennt. Der Herr Lai, von dem Sie gerade gesprochen haben, wer ist das?

Eckert: Herr Lai hat eine Doppelnationalität. Er ist amerikanischer Staatsbürger und auch Staatsbürger von Guam, dieser kleinen Insel im Pazifischen Ozean. Er ist aber gleichzeitig in dem Komitee der FIFA Audit und Compliance, und das ist natürlich schon etwas pikant, dass einer, der über die Compliance-Regeln innerhalb der FIFA wachen soll und der auch dafür sorgen soll, dass die Compliance eingehalten wird, dann einräumt bei den amerikanischen Strafjustizbehörden, dass er sieben oder 800.000 Dollar Schmiergelder angenommen hat.

Infantino steht am FIFA-Redepult, lächelt, spricht und gestikuliert vor einem schwarzen Hintergrund. (Alexander Vilf / Sputnik / dpa)FIFA-Präsident Gianni Infantino hat sich der Spitze der Ethikkammer entledigt (Alexander Vilf / Sputnik / dpa)

Kapern: Ist der Reformprozess der FIFA jetzt beendet? Ist er tot?

Eckert: Nein. Tot, scheintot, halb tot – er ist zumindest in einem Stadium, wo man schon überlegen muss, ob die FIFA es ernst meint mit dem Reformprozess. Natürlich wird man argumentieren seitens der FIFA, wir haben qualitativ extrem gute neue Leute und wir wollten ganz einfach mal neue Gesichter an der Spitze eines Komitees haben.

Aber Sie dürfen nicht vergessen, dass auch Herr Mauro, ein Rechtsprofessor, der für die Integritätschecks zuständig war und der unter anderem dem Herrn Auto aus Russland diesen Freibrief für die Integrität verweigert hat, auch dieser Mann muss gehen. Da kann man schon sagen, hier werden die Leute – so kann man es sehen – ob es so ist, sollen andere beurteilen. Aber man kann schon sagen: Die Leute, die hier etwas bewegen können und kritisch sind, werden lieber ausgetauscht gegen möglicherweise andere Leute.

"Ich hänge nicht an diesem Posten"

Kapern: Herr Eckert, zum Schluss noch die Frage: Was sagen Sie den Menschen, die jetzt vor dem Radio sitzen und sich bestätigt fühlen in ihrer Einschätzung, dass die FIFA, was die Vertrauenswürdigkeit angeht, irgendwo zwischen Mafia und Nordkorea rangiert?

Eckert: Die Staaten sind natürlich ganz nett, die Sie jetzt hier genannt haben. Die Problematik ist natürlich die: Die FIFA trägt eine irrsinnige Hypothek mit sich herum, aus vergangenen Zeiten wegen der Korruptionsvorwürfe wegen der Vergabe der WM 2018 und 2022, Russland und Katar. Dies hat zu ganz erheblichen Ermittlungen geführt, aber nicht nur FIFA-intern, sondern auch der amerikanischen und auch der Schweizer Behörden.

Und hier ist natürlich der Spagat der FIFA, dass sie auf der einen Seite schauen muss, dass der Laden läuft, dass Geld verdient wird, und die andere Seite ist natürlich die, ob Sponsoren zum Beispiel weiterhin bereit sind, in einer Organisation Gelder zu investieren, wo man nicht ganz genau weiß, ob zum Beispiel die unabhängige Ethikkommission hier ihre Arbeit weiter fortarbeiten kann, oder jemand wie Maduro letztendlich auch nicht bestätigt wird in seinem Amt, wenn er offensichtlich eine Entscheidung getroffen hat, die nicht so genehm war.

Aber ich meine, da müssen Sie letztendlich die Verantwortlichen der FIFA fragen. Ich kann nur subjektiv aus meiner Sicht schildern, wie es ist. Um das auch klarzumachen: Ich hänge nicht an diesem Posten und ich brauche ihn auch nicht. Ich finde es nur sehr, sehr schade im Interesse des Fußballs und der vielen hunderttausend Leute, die Fußball spielen wollen und auch eine Begeisterung für dieses Fußballspielen haben, dass der Gesamtverband nicht unbedingt immer nach außen hin so glänzt, wie man sich das vorstellt.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das komplette Interview hören Sie am Donnerstag, den 11.05.2017, in den Informationen am Morgen gegen 8:20 Uhr. 

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