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StartseiteKommentare und Themen der WocheSchluss mit dem Opferstatus!14.05.2017

FIFA-Streit um die EthikkommissionSchluss mit dem Opferstatus!

Beim Weltfußballverband FIFA sollte eine Ethikkommission Korruption in den eigenen Reihen aufdecken. Die umstrittene Absetzung der Führung dieser Kommission zeige, dass die FIFA unfähig sei, sich selbst zu reformieren, kommentiert Philipp May. Einiges spreche dafür, dass FIFA-Präsident Gianni Infantino noch skrupelloser sei als sein Vorgänger.

Von Philipp May

Eine Flagge des Internationalen Fußballverbandes FIFA weht vor dem Haupquartier in Zürich. (EPA / Steffen Schmidt)
Eine Flagge des Internationalen Fußballverbandes FIFA weht vor dem Haupquartier in Zürich. (EPA / Steffen Schmidt)
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Was kann man über diese FIFA, also den Weltfußballverband, eigentlich noch ernsthaft sagen? Nach dieser Woche nur noch das: Zerschlagt sie! Endgültig! Niemand braucht sie. Millionen Menschen werden auch so Fußball spielen. Überall auf der Welt.

Dieser verdorbene Laden ist schlicht und einfach unfähig, sich selbst zu reformieren. Nicht durch neue Statuten und erst recht nicht durch neue Köpfe. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: 70 Funktionäre hat die unabhängige, nun abgesetzte Ethikkommission in den letzten zwei Jahren bereits aus dem Verkehr gezogen, und doch sind immer noch mehr als genug sinistre Gestalten übrig, um den Weltverband zu kapern. Der neue Sepp Blatter heißt jetzt eben Gianni Infantino und einiges spricht dafür, dass der noch skrupelloser ist als sein Vorgänger, der wie kein anderer mit seinem Namen für die unzähligen Skandale im Weltfußball steht.

Alle folgen Infantino - auch der DFB

Dass Infantino in der neu strukturierten FIFA – zumindest auf dem Papier – weit weniger Macht hat als Blatter während seiner Amtszeit, scheint Infantino nicht zu stören. Mit großer Chuzpe hat er sich in seinem ersten Jahr aller ernstzunehmenden Kontrolleure entledigt. Dort sitzen jetzt überall genehme Leute. Handverlesen ausgesucht von: Gianni Infantino.

Und der Rest? Folgt ihm, ohne groß aufzumucken. Leider auch der Deutsche Fußballbund. Nur ganz kleinlaut hat der neue Präsident Reinhard Grindel protestiert. Der DFB, als größter Einzelsportverband der Welt eigentlich ein Schwergewicht, gibt sich mal wieder als zahmes Kätzchen auf der internationalen Funktionärsbühne. Damit ist er in all den Jahren als willfähriger Gehilfe der Blatters und Platinis schließlich immer gut gefahren. Und jetzt gibt es ja bald wieder eine Europameisterschaft zu vergeben, die der DFB gerne ausrichten möchte. Da muss man schon brav sein und darf die Fußball-Familie nicht zu sehr vergrätzen.

Zeitpunkt der Wahrheit

Theoretisch ist jetzt der Zeitpunkt der Wahrheit auch für den Deutschen Fußballbund gekommen. Jahrzehntelang hat der Verband das alte Spiel aus Gefälligkeiten unter Sportskameraden mitgespielt. Als Belohnung erhielt er ein Sommermärchen und später – daraus resultierend – den größten Skandal seiner Geschichte. Nun behauptet der DFB, neu zu sein. Er könnte es jetzt beweisen, indem er sich auf die Seite der Anständigen stellt. Indem er eine Opposition anführt, indem er jedes Mal laut aufbegehrt, wenn Infantino und Co. wieder foul spielen, und – ganz konkret – indem er jetzt gegen die offensichtlich nicht statutengerechte handstreichartige Neubesetzung der FIFA-Ethikkommission durch Infantino klagt.

Das hieße dann, dass das nächste Sommermärchen, eine EM2024 in Deutschland, wahrscheinlich ausfällt, weil Anständige in der Sportwelt in der Regel nicht mit der Ausrichtung von Großturnieren belohnt werden. Doch den Internationalen Fußballverbänden sollte man sein Land derzeit eh nicht als Bühne überlassen.

Kratzer am Image, zusehends Geldprobleme

Allzu große Hoffnungen, dass der DFB Moral über Opportunität stellt, sollte man sich allerdings nicht machen. Denn: Es wäre das erste Mal.   

Als Fan sollte man eher auf die Welt außerhalb des Fußballkosmos' setzen, die wirkliche Welt. Die lässt sich von der dreisten FIFA-Reformscharade nämlich nicht mehr blenden. Der bis vor einigen Jahren noch steinreiche Weltverband bekommt zusehends Geldprobleme, zum einen aufgrund der Anwaltskosten im Zuge der zahlreichen Skandale, zum anderen, weil die Sponsoren nicht mehr vor der Zentrale in Zürich Schlange stehen. Welcher Konzern will schon noch gern in einem Atemzug mit diesen vier Buchstaben genannt werden, die so sehr für Korruption stehen. Selbst der ewige FIFA-Komplize, der deutsche Sportartikelkonzern Adidas, hat sich in dieser Woche zu einem kritischen Statement über den Weltverband durchgerungen. 

FIFA bisher von FBI weitgehend verschont

Noch hoffnungsfroher dürfen die staatlichen Ermittlungen in mehreren Ländern stimmen, die weiter, größtenteils unbemerkt von der Öffentlichkeit, mit Hochdruck laufen. Vor allem das US-amerikanische FBI legt beharrlich Schicht für Schicht das Korruptionsnetzwerk im Weltfußball frei. Längst sind die nächsten großen Fische im Visier der Behörden. Die Organisation FIFA als solche hat das FBI dabei bisher weitgehend verschont. Die Ermittler und Staatsanwälte behandeln den Weltverband als Opfer, dessen Gelder von Kleptokraten veruntreut wurden. Als Belege dafür dienten den Behörden der eingeleitete Reformprozess sowie die rigoros durchgreifende, jetzt abgesetzte Ethikkommission. Nach dieser Woche in Bahrein könnten die Ermittler ihre Meinung ändern und der FIFA ihren Opferstatus entziehen. Sie würde dann als Täterorganisation wie die Mafia eingestuft werden. Dann bliebe am Ende wohl kein Stein mehr auf dem anderen. Es wäre das Beste, was dem Weltfußball passieren könnte. Also FBI: Ans Werk! 

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