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StartseiteBüchermarktFiktionalisierung des Historischen18.08.2011

Fiktionalisierung des Historischen

Yannick Haenel: "Das Schweigen des Jan Karski", Rowohlt Verlag, 192 Seiten

Jan Karski, polnischer Offizier und Kurier der polnischen Heimatarmee, galt bis zu seinem Tod im Jahr 2000 als einer der wichtigsten Zeitzeugen des Holocausts. Jetzt hat ihn der Autor Yannick Haenel zum fiktiven Protagonisten seines Buches "Das Schweigen des Jan Karski" gemacht.

Von Alain Claude Sulzer

Cover: "Das Schweigen des Jan Karski" von Yannick Haenel (Verlag Rowohlt)
Cover: "Das Schweigen des Jan Karski" von Yannick Haenel (Verlag Rowohlt)

Jan Karski, eigentlich Jan Kozielewski, wurde 1914 im damals russischen Lodz geboren, er starb 2000 in Washington, D.C. Der Weg vom einen zum anderen Kontinent führte durch zwei Kriege, von denen Karski den zweiten auf ganz besondere Weise erlebte.

Er war Kurier für die erst in Frankreich, ab 1940 in London ansässige polnische Exilregierung, die sich nach dem Einmarsch der Deutschen in Polen bis zum Ende des Kriegs als legitime Vertretung einer Nation betrachtete, für die sich kaum jemand wirklich interessierte. Nach dem Krieg entzogen ihr die amerikanischen und britischen Regierungen die Legitimation. Polen gehörte zum sowjetischen Einflussbereich.

Bereits 1943 hatte sich Karski – von der Gestapo als Bote zwischen Widerstand und Exilregierung enttarnt, gefoltert und entkommen – in den USA niedergelassen, wo er als Hochschullehrer arbeitete. Sein Buch "Story of a secret state" von 1944, das in den USA überraschend zu einem großen Erfolg geworden war (und erst jetzt - 2011 – auf Deutsch erschienen ist), war von der Öffentlichkeit fast vergessen, als ihn Claude Lanzmann 1978 für seinen Dokumentarfilm "Shoah" vor die Kamera holte.

Der Eindruck den der äußerst beherrschte, seine Worte abwägende Mann beim Zuschauer hinterlässt ist überwältigend, weil er uns mitgibt, was wir nicht sehen können: Die Gefühle, die er empfand, als er zum ersten Mal von den Zuständen im Warschauer Getto hörte und dieses dann in Begleitung zweier Juden, die die Shoah nicht überleben sollten, besuchte. Er begegnete dort einer Welt jenseits des Menschlichen; einer Welt, für die es keine Worte gab. Wie wenig er sie aus seinem Gedächtnis löschen konnte, zeigte sich – man muss schon sagen: spektakulär - gleich zu Beginn des Interviews mit Lanzmann.

Überwältigt von den Emotionen, noch einmal – und diesmal festgehalten für die Nachwelt – darüber Auskunft zu geben, worüber er vielleicht seit Jahren nicht mehr so detailliert gesprochen hatte, rang er zu Beginn des Interviews förmlich nach Worten, die er erst fand, nachdem er das Zimmer fluchtartig verlassen hatte; in gewohnter Gefasstheit kehrte er später vor die Kamera zurück. Zurück aber auch an den Ort, den er seit seinem ersten Besuch in der Hölle, wie er die Welt des Gettos in Ermangelung eines anderen Worts bezeichnete, nicht mehr aus seinem Gedächtnis zu löschen vermochte.

Was in ihm vorgegangen war, als er von seinen beiden jüdischen Gewährsleuten darum gebeten wurde, in jener Welt, aus der sie inzwischen ausgeschlossen waren, Bericht darüber zu erstatten, was mit den Juden geschah, hat er schriftlich und mündlich bezeugt. Was in ihm vorging, als er von Lanzmann dazu befragt wurde, können wir ahnen, wenn wir ihn sehen. Er konnte das, was er zu sagen hatte, also sehr wohl mit seinen eigenen Worten ausdrücken. Im Übrigen auch, dass er an Lanzmanns Film, den er als "großartig und wahrheitsgetreu" bezeichnete, eines dann doch zu bemängeln hatte: Dass dieser seine Aussage, die Alliierten hätten, nichts unternommen, um die Vernichtung der europäischen Juden durch militärische Optionen zu beenden oder zumindest aufzuhalten, beim Endschnitt so gut wie unberücksichtigt gelassen hatte. Wie schwer es ihm fiel, dies zu akzeptieren, kann man sich ebenfalls vorstellen.

Präsident Roosevelt, bei dem er vorgesprochen hatte, hatte zugehört, aber keine Konsequenzen aus seinem Bericht gezogen; auch Lanzmann hatte zugehört, aber andere Prioritäten gesetzt. Das könnte Karskis Ansicht, dass man über die Mitverantwortung der Alliierten nicht sprechen wollte, noch verstärkt haben, vom Gegenteil jedenfalls hat es ihn sicher nicht überzeugt.

Nun hat der 1967 geborene französische Autor Yannick Haenel den toten Jan Karski, der sich dagegen nicht mehr wehren kann, dazu benutzt, die Frage nach der Mitschuld des Westens am Judenmord noch einmal und sehr persönlich zu diskutieren. Statt selbst dazu Stellung zu nehmen, schlüpft Haenel in einen Fremden, dessen Meinung wir kennen. Doch indem er im dritten Teil eine monologisierende Romanfigur aus ihm macht, fiktionalisiert er nicht zuletzt auch das Historische.

Haenels Roman gliedert sich in drei Teile. Im ersten gibt er auf etwa 20 Seiten – mal sachlich, mal kryptisch, jedenfalls ohne den geringsten Mehrwert an Erkenntnis - das Lanzmann-Interview aus "Shoah" wieder, wie es sich jeder Besitzer eines Internetanschlusses auf Youtube anschauen kann und anschauen sollte. Das veranlasste Claude Lanzmann dazu, Haenel des Plagiats, beziehungsweise des nicht ganz unberechtigten "Parasitarismus" zu bezichtigen, was in Frankreich zu einer erwartbaren Debatte mit Kommentaren führte; diese muss man auf dem Hintergrund des Vorwurfs verstehen, den Haenel indirekt erhebt: Mehrfach kommt er darauf zu sprechen, dass auch LanzmannKarskis Anliegen, über das fehlende Engagement der Alliierten für die Juden zu sprechen, mehr oder weniger ausgeblendet hat.

Im zweiten Teil fasst Haenel auf 70 Seiten Karskis 500-seitige "Story of a secret state" zu-sammen. Ein weiteres Mal stützt er sich also auf die Aussage des echten Jan Karski, von dessen Biografie er eine leicht verdauliche Kurzversion wiedergibt; der Leser erspart sich damit zwar Zeit, lässt sich aber zugleich die Qualität des ungleich inspirierteren Originals entgehen.

Als verleihe er einem Mann das Wort, der zeitlebens geschwiegen hätte, lässt Haenel im dritten Teil Jan Karski selbst zu Wort kommen. Doch anders als der missverständliche deutsche Titel "Das Schweigen des Jan Karski" suggeriert und anders als Yannick Haenel literarisch argumentiert, hat der echte Karski mit seiner Meinung nie hinterm Berg gehalten, weder über das, was ihn zeitlebens bedrückte - der Anblick des Gettos - noch über die Passivität von Männern wie Roosevelt, der hier – als leichte Beute für die anti-amerikanische Haltung des Autors - keine gute Figur macht. Man weiß bei alledem nicht, wer in diesem Kammerspiel am Ende die überzeugendere Thomas Bernhardsche Figur abgibt: der grantige Karski oder der ignorante Präsident.

Bei allem Interesse für die Frage nach der Mitschuld der Tatenlosen, die – nicht zuletzt dank Karski – mehr wussten, als sie auch nach dem Krieg zuzugeben bereit waren: Die Frage beantwortet sich nun einmal nicht, indem man ihre Lösung im historisch unverbürgten Gähnen Roosevelts und in seinen auf hübsche Sekretärinnenbeine gerichteten Blicken findet, wie Haenel das in Bernhardscher Redundanz tut. Im Übrigen steht das exzessive Sprechen des fiktiven Karski dem des wirklichen Karski, der mit Worten so viel vorsichtiger umging, in einem unauflösbaren Gegensatz. Warum Yannick Haenel den erfundenen Karski zum Exegeten des echten gemacht hat, erschließt sich einem nicht.

Yannick Haenel: "Das Schweigen des Jan Karski"
Rowohlt Verlag 2011, 192 Seiten, 18,95 Euro.

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