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StartseiteBüchermarktFiktiver Fernsehmoderator mit Gewissen22.09.2011

Fiktiver Fernsehmoderator mit Gewissen

Matthias Frings: "Ein makelloser Abstieg". Aufbau Verlag

In den 90er-Jahren hat Matthias Frings im Privatfernsehen das Magazin "Liebe Sünde" moderiert. Danach wurde es still um ihn. Nun hat Matthias Frings seinen ersten Roman vorgelegt, der einen persönlichen Hintergrund zu haben scheint. Die Hautfigur ist ein Fernsehmoderator.

Von Ralph Gerstenberg

Die Hauptfigur des Romans ist ein preisgekrönter Fernsehmoderator. (Stock.XCHNG / Andre Lubbe)
Die Hauptfigur des Romans ist ein preisgekrönter Fernsehmoderator. (Stock.XCHNG / Andre Lubbe)

Wenn ein ehemaliger Fernsehmoderator einen Roman über einen Fernsehmoderator schreibt, liegt der Verdacht nahe, dass nicht alle Ereignisse in diesem Buch reine Erfindung sind. Im Falle von Matthias Frings sind solche Spekulationen allerdings relativ unerheblich. Das liegt vor allem daran, dass dessen Zeit als "Liebe Sünde"-Moderator vor 16 Jahren stattfand und somit in der Medienwelt einer längst vergangenen Epoche zuzuordnen ist. Damals, als das Internet noch in den Kinderschuhen steckte, konnte man noch zu später Stunde mit Berichten über Swingerklubs und Kamasutra-Gymnastik das Fernsehvolk vor die Bildschirme locken. Frings’ Roman "Ein makelloser Abstieg" spielt aber in der Gegenwart, in der die Medienmacher längst jegliche Unschuld und Hemmungen verloren haben. Sein Protagonist Simon Minkoff, der sich im Privatfernsehen so altmodische Eigenschaften wie Geschmack und Gewissen bewahrt hat, erscheint wie ein Relikt aus vergangenen Zeiten. In seiner Talkshow "MM – Minkoff und Menschen" wird noch nachgefragt und zugehört. Doch das Privatfernsehen wäre nicht das Privatfernsehen, wenn es nicht ständig darauf abzielen würde, die Zuschauerquoten zu maximieren. So muss sich Minkoff auf Redaktionskonferenzen Verbesserungsvorschläge für seine preisgekrönte Sendung anhören, die nach dem Geschmack einiger Kollegen dringend relauncht werden müsste - wie es im Mediendeutsch heißt.

"Wir generieren unsere Werbeerlöse in der bei uns besonders ausgeprägten jungen und konsumaffinen Zielgruppe. Hier nun deren Sehgewohnheiten, die nach unserer Evaluation so aussehen: junger Look in allen Aspekten – Set, Grafik, Musik, Moderation! Dann: Tempo! Keine Gespräche über fünf Minuten, sonst hockt unsere Zielgruppe längst vor dem PC! Wir sollten auch überlegen, den Talk mit Einspielfilmchen zu unterbrechen. Außerdem: Griffiger Content! Kein Sozialschmalz, sondern Themen, die auf Lifestyle plus Service zielen, ein spektakulärer Unfall beim Surfen etwa mit anschließenden Tipps für die perfekte Surfausrüstung. Und am wichtigsten: Themen, Präsentation, Gäste – alles muss sexyer werden! Also: Keine Gäste über dreißig, und wenn über dreißig, nur attraktives Material!"

Minkoff kann solche Attacken auf die Substanz der Sendung Dank seiner Popularität erfolgreich abwehren. Die Frage ist nur: Wie lange noch? Zum Eklat kommt es bei der Verleihung des Bayerischen Filmpreises. Nachdem Minkoff, der die Show moderiert hat, vom bajuwarischen Ministerpräsidenten an die Brust gedrückt wurde, steigt der Talkmaster aus, zieht sich aus dem Fernsehgeschäft zurück, ist für niemanden mehr zu erreichen. Ein Befreiungsschlag, der in einer heftigen Krise mündet. Denn privat liegt bei Simon Minkoff einiges im Argen. Seine Frau Vivian, genannt: Vivi, entpuppt sich als schwer depressive Alkoholikerin. Minkoff, der bislang zu beschäftigt war, um davon etwas mitzubekommen, kümmert sich fortan bis zur Selbstaufgabe um sie. Nach 150 Seiten Frontberichterstattung aus dem Fernsehgeschäft wird der Leser nun Zeuge einer klassischen Co-Abhängigkeit. Selbstverständlich bleibt auch der Boulevardpresse Vivians Alkoholismus nicht verborgen. Minkoff hat einen Termin beim Chefredakteur der auflagenstärksten Schmuddelgazette.

"Die Redaktion favorisiert die Schlagzeile: Alkoholexzess: Blau, so blau die Minkoff-Frau! Offengestanden finde ich das abgeschmackt. Reime sind so Fünfziger. Ich will diese Überschrift nicht und nicht den Artikel dazu. Ich würde mich allerdings über ein intimes Interview mit Ihnen freuen, exklusiv, versteht sich. Die Beichte des verschwundenen Fernsehstars – so in der Art. Simon straffte seine Züge und trat an das Fensterband. Die Wahl zwischen Scheiße und Jauche war so niederschmetternd, dass Eiseskälte sich bis an sein Herz schob. Vivian konnte er das niemals antun, von dieser Bloßstellung würde sie sich nicht erholen. Die Beichte des verschwundenen Fernsehstars – was für ein Dreck. Spielte er aber mit, wer gab ihm die Garantie, dass man sie in Ruhe ließ?"

Auch der freie Journalist Gregor Böhm heftet sich an Minkoffs Fersen. Aus der Ich-Perspektive lässt Frings ihn von den Zumutungen und existenziellen Unsicherheiten eines Freelancers berichten und schafft so ein reizvolles Pendant zu dem smarten Strahlemann Minkoff, der sich um so profane Dinge wie Gelderwerb auch nach seinem Fernsehausstieg keine Sorgen zu machen braucht. Überhaupt sind es eher die Nebenfiguren, die in Frings’ Roman gelungen sind. Da ist zum Beispiel die Ex-Prostituierte Sylvia Vosskamp, die Böhm für einen Zeitungsartikel porträtiert und die sich nach und nach zu einer bodenständigen, mit allen Wassern gewaschenen Lebensberaterin des dauerklammen Reporters mausert. Auch Gregor Böhm selbst ist in seinem Ringen um Anstand in prekärer Lage und der Versuchung eines mit fürstlichem Honorar verbundenen Verrats eine sympathische Loserfigur. Die Hauptfigur Simon Minkoff hingegen bleibt seltsam blass. Vielleicht liegt das an der saturierten Lebensweise oder den endlosen Stadtspaziergängen durch Berlin, bei denen ihn der Leser begleiten und, was noch schlimmer ist, seine Ansichten über die digitale Boheme oder die Gentrifizierung des Prenzlauer Bergs ertragen muss. Seine Gefühlszustände, deren Spektrum von überschwänglicher Leidenschaft bis zur tiefsten Verzweiflung reicht, erscheinen stets ein wenig künstlich. Ebenso sein Humor, den er mit anderen Figuren des Buches zu teilen scheint und der sich in immer etwas zu pointierten Small-Talk-Dialogen äußert:

"Ich bin nur eine gewöhnliche Nudel, eine Skandalnudel"
"Al dente?"
"Nein, eher ein bisschen zu weich, kennst mich doch. Im Ernst: Es war eine aufregende Zeit beim Fernsehen, aber das ist meine letzte Chance, die öffentliche Person Minkoff loszuwerden."
"Du weißt, dass ich ein Buch jeder Satellitenschüssel vorziehe, aber musst du ins andere Extrem fallen und dich gleich so radikal – entschuldige mein Französisch – verpissen?"
"Ich mag dein Französisch."


Der erste Roman des erfolgreichen Sachbuchautors und Moderators Matthias Frings leidet vor allem an dem starken Mitteilungsbedürfnis seines Autors. Der Stil ist zu moderat, um bissig zu sein. Zudem gibt es in der dünnen Story viel zu viel Leerlauf. Ein durchsetzungsfähiges Lektorat mit radikalen Kürzungsvorschlägen hätte dem Buch sicher gut getan. So ist statt einer scharfen und schonungslosen Analyse der Medienwelt ein mäßig unterhaltsamer Unterhaltungsroman herausgekommen, der sich vor allem an ein Publikum wendet, das den Blick hinter die Fassade eines Prominentenlebens zu schätzen weiß.

Matthias Frings: "Ein makelloser Abstieg". Aufbau Verlag, 456 Seiten, 19,95 Euro

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