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Filigraner Wortmetz

Georg Klein: "Schund und Segen", Rowohlt Verlag Reinbek

Vor 15 Jahren erschien Georg Kleins hochgelobtes Erstlingswerk "Libidissi". Seither hat er zahlreiche Romane und Erzählungen veröffentlicht. Sein neuestes Buch versammelt 77 "abverlangte Texte", Beiträge, die er im Auftrag für das Radio- und Zeitungsfeuilleton geschrieben hat.

Von Ulrich Rüdenauer

Der Schriftsteller Georg Klein erhielt 2010 den  Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie "Belletristik". (AP)
Der Schriftsteller Georg Klein erhielt 2010 den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie "Belletristik". (AP)

Die erste Veröffentlichung Georg Kleins war ein Staunen machendes, labyrinthisches Wesen, das sich zwar klassischerweise Roman nannte, aber vielmehr ein Bastard aus verschiedenen Genres war, ein fantasiestrotzendes Agenten-Politik-Science-Fiction-Großstadt-Puzzle, in dem sich passgenau ein Teil ins andere fügte, ohne dass man am Ende hätte sagen können, was dieses Konstrukt eigentlich genau zusammenhält. Man konnte es dann doch: Die Stadtlandschaft in "Libidissi", die einem lebenden Organismus glich, war ein Gebilde aus Worten, und der damals bei Erscheinen schon 45-jährige Debütant Georg Klein war ein filigraner Wortmetz, der sich jahrzehntelang als Leser in den Höhen und Niederungen der Literatur getummelt haben musste und daran sein eigenes Handwerkszeug schärfen konnte, um mehr oder minder aus dem Stand ein solches Buch hinzuwerfen.

Einen Einblick in den geradezu unersättlichen, teils nicht sehr gourmethaften Lese- und Kunsthunger Georg Kleins konnte man im Lauf der letzten 15 Jahre bekommen, wenn man seine Feuilletonartikel las, die in unterschiedlichen Zeitungen und zu verschiedensten Themen erschienen sind. Im Gegensatz zu vielen anderen zeitgenössischen Autoren nutzt Klein nämlich immer wieder das Privileg, als hochgelobter Autor von den Kulturredakteuren umworben und um Artikel gebeten zu werden. 77 dieser "abverlangten Texte" sind nun gesammelt in einem Band erschienen, der den für Kleins gesamtes Oeuvre durchaus charakteristischen Titel "Schund und Segen" trägt. Dieses Buch ist zwar ein Neben- und Zwischenwerk, bevor im Herbst ein neuer Roman von Georg Klein erscheinen wird. Es ist aber doch mehr als das, weil es in kondensierter Form und in der Auseinandersetzung mit anderen Künstlern etwas über die poetologischen Grundlagen von Kleins eigenem Schreiben verrät. So beginnt ein Artikel ausgerechnet über ein komplexes Computerspiel – denn Klein hat einen erfreulich weiten Kulturbegriff – mit einem Absatz, der auch direkt etwas über seinen frühen Roman "Libidissi" und die erotische Anziehungskraft von künstlichen Welten zu offenbaren scheint:

Eine Stadt und ein Roman sind erst wirklich groß, wenn sie uns verleiten, in ihnen verloren zu gehen. Beide Verführer, die wahre Metropole und ein Prosatext, der die Bezeichnung Roman verdient, appellieren mit Erfolg an das Verlangen unseres Bewusstseins, von einem größeren System vereinnahmt zu werden. Dabei weiß unser Begehren sehr wohl, dass das Labyrinth, das uns verschlingt, gebaut ist. Die Künstlichkeit des Systems ist sogar ein notwendiges Ingrediens der Faszination, die es ausstrahlt.

Nicht nur in jedem künstlerischen Text, auch in jedem Text zur Kunst könnte ein Stück Welt und damit auch selbst Artistik stecken. Man vergisst das leicht. Und vielleicht braucht es zuweilen medienferner Autoren im Feuilleton, die einen daran erinnern. Denn zum Privileg, auf den Kulturseiten gefragt zu sein, kommt bei einem Schriftsteller wie Georg Klein noch ein anderes hinzu: Er muss sich zwar an die vorgegebenen journalistischen Formate halten, aber innerhalb dieser hat er eine immense Narrenfreiheit. Oder sagen wir: Er nimmt sie sich einfach. Konventionen, denen man als gewöhnlicher Lohnarbeiter am Fließband des Rezensionsbetriebs verpflichtet ist oder denen man sich verpflichtet glaubt, hält Klein selten ein.

Zwar geht er einigermaßen sparsam mit dem im Journalismus tabuisierten, scheinbar die Trennlinie zwischen objektivierendem Beurteilungsgestus und subjektivem Befindlichkeitsgeschreibe markierenden Personalpronomen ICH um. Aber selbst wenn es nicht explizit auftaucht, ist es in seinen Texten doch immer wahrnehmbar: Hier spricht ein denkendes, mitfühlendes, künstlerisches Subjekt, oftmals auf Augenhöhe mit seinem Gegenstand. Und wenn die Kulturerzeugnisse, denen sich Klein widmet, ihm nur bis zur Brust reichen, dann schaut er nicht auf sie herab, sondern duckt sich ein wenig, um erkennen zu können, was sie uns mitteilen wollen. Selbst der Biene Maja und ihren Insektenfreunden begegnet er so auf Grashalmhöhe. Klein kann - erkenntnisfördernd, genau, zuweilen auch zupackend, aber meist mit leichter Hand – über den Tourneeauftakt Udo Lindenbergs ebenso schreiben wie über den Tod Stanislaw Lems, über Stephen King und David Lynch, über "Josefine Mutzenbacher" und Kafkas "Verwandlung". Ja, sogar über Heino, dessen Stimme er als jene der problematisch gewordenen Heimat identifiziert. Er nimmt sie ernst, gerade weil sie einen intellektuellen Abstand provoziert, der wiederum nur mit einem gewissen Pathos erklärt, wenngleich nicht überwunden werden kann:

Das Fernsehen wie die Mehrzweckhalle gehören zu den Orten, an denen die Heimatverlorenheit der Moderne nicht nur in unserem Deutschland, sondern weltweit, fröstelnd und blinzelnd, wie aus einem Rausch gestürzt, zu sich kommt. Eigentlich gäbe es gute Gründe, auf beiden Seiten der Mattscheibe, sowohl vor als auch auf der Bühne, eine starke Sonnenbrille zu tragen.

Vielleicht ist dieses Pathos, das an Begriffen wie Heimat, Deutschsein, Körper und Leib klebt, zuweilen in Kleins Texten ein wenig aufdringlich und bedenklich. Verdienstvoll ist es gleichwohl, dass er sich diesen Begriffsfeldern nähert, die Scham, die dazu gehört, durchaus mitreflektierend. Dass er dabei ernsthaft gewitzt ist und die manchmal ironisch wirkenden, stilistischen Manierismen, die Pirouetten, die er satzweise dreht, doch immer zum Punkt führen, macht das Lesevergnügen aus. Denn oft scheinen die schönsten und originellsten Gedanken gerade aus den sprachlichen Feinheiten zu entstehen, heraufbeschworen zu werden aus der Freude am noch genaueren, noch wohlüberlegteren Ausdruck. Genügt uns meist das erstbeste Wort zur Beschreibung eines Phänomens, findet Georg Klein gewiss ein gemäßeres, ungewöhnlicheres. Und nicht selten rückt er auch aktuelle Phänomene ein wenig zurecht, misstraut dem Marktplatz-Geschrei und lässt etwa in einem Artikel über Klontechnik eine heißgelaufene Debatte an der Erfahrung des geduldigen Beobachters abkühlen.

Auch die aktuelle Biotechnik-Hysterie geht vorüber. Ihre Apparate wie ihr Menschenbild werden als rostige Anachronismen in der Landschaft der Zukunft stehen. Momentan müsste man allerdings gleichmütig wie ein kleiner chinesischer Glücksgott sein, um recht herzlich über diesen großen Unfug lachen zu können.

Es mag sich bei der Sammlung "Schund und Segen" zwar um "abverlangte" Beträge handeln, aber mit welcher Lust am Text Klein diese Auftrags-Preziosen in eine ansonsten eher dröge Feuilletonlandschaft schmuggelt, macht einen froh und bescheiden: Man kommt mit diesen Artikeln auf neue Ideen, und selbst alte Bücher, ob an der Grenze zum guten Geschmack oder längst kanonisiert, wirken durch seine Brille plötzlich aufregend und ungelesen. Dass er es nicht so sehr mit dem Kanon hat und als wilder Leser auf seinen Instinkt vertraut, vielleicht auch immer auf der Suche nach den ganz frühen, von Zeigefinger reckenden Oberlehrern unverdorbenen Leseerfahrungen ist, macht den Reiz der Lektüre der Kleinschen Lektüren aus. Und immer wieder stößt man darin auf Sätze, die man sich hinter die Ohren schreiben sollte und die einen beim ratlosen Betrachten der Welt oder auch beim Lesen von Kleins bizarren Romanen ein wenig ermuntern können:

Der wahre Kitzel des Realen liegt im offensichtlich absichtsvoll Geschaffenen, selbst wenn das Wesen göttlicher Absicht dabei ein Geheimnis bleibt.

Georg Klein: Schund und Segen.
77 abverlangte Texte.
Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 424 Seiten. 22,95 Euro

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