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StartseiteKultur heuteDas einzige deutsche Werk im Berlinale-Wettbewerb15.02.2016

Film "24 Wochen" Das einzige deutsche Werk im Berlinale-Wettbewerb

Die Empörung war groß, als das Wettbewerbsprogramm der diesjährigen Berlinale bekannt gegeben wurde: Nur ein deutscher Film?! Kein gutes Zeichen für die Situation des hiesigen Kinos. Nun gab's die Premiere von "24 Wochen". In dem Werk von Anne Zohra Berrached spielen Bjarne Mädel und Julia Jentsch ein Paar, das sein zweites Kind erwartet - mit Down-Syndrom.

Von Maja Ellmenreich

Regisseurin Anne Zohra Berrached und Schauspieler Bjarne Mädel (picture alliance / dpa / Britta Pedersen)
Regisseurin Anne Zohra Berrached und Schauspieler Bjarne Mädel (picture alliance / dpa / Britta Pedersen)

Manchmal macht die Natur solche Sachen. Für ihre neunjährige Tochter Nele findet Astrid kindgerechte Worte. Ihrer Mutter, ihren Freunden und Verwandten wird die Nachricht beim Geburtstagskaffee im Garten überbracht: Das Kind, das Astrid und ihr Mann Markus erwarten, hat das Down-Syndrom. Jeder Gast reagiert anders. Babysitterin Kati zum Beispiel ist skeptisch bis ablehnend.

"Astrid, wie stellt Ihr Euch das denn vor?"

"Du, ich weiß es auch noch nicht. Dann lernen wir es eben."

Markus und Astrid haben, so wirkt es, ihren Frieden mit der Diagnose gemacht. Sie suchen bereits einen Namen für das Kind. Es wird ein Junge: Moritz oder Karl? Beim nächsten Ultraschall-Termin entdeckt der Arzt einen Herzfehler:

"Wir haben ein Loch in der Vorhofscheidewand. Wir haben eine gemeinsame, nicht getrennte Klappe – und haben ein großes Loch in Kammerscheidewand und Vorhofscheidewand."

Die Männer, die den Schauspielern Bjarne Mädel und Julia Jentsch die Untersuchungsergebnisse und eine mögliche Therapie erläutern, sind echte Ärzte. Sie haben Gespräche wie dieses schon oft geführt. Regisseurin Anne Zohra Berrached hat lange nach Experten suchen müssen, die sich auf die Dreharbeiten ihrer Abschlussarbeit an der Filmakademie Baden-Württemberg einlassen. Ein Film über Pränataldiagnostik und Spätabtreibung – mit Laien, medizinischen Fachleuten und nur einer Handvoll Profi-Schauspielern. Berracheds Ziel? So nah wie möglich an die Realität heranzureichen.

Grundlegende ethisch-moralische Fragen

Deshalb lässt sie die Kabarettistin Astrid mit ihrem dicken Bauch auch beim 3sat-festival, in der WDR-Sendung "Ladies Night" und bei Dieter Nuhr auftreten. Diese Anbindung an die vermeintliche Wirklichkeit wirkt bemüht; aber das ist auch schon alles, was in dem hochemotionalen Film "24 Wochen" gekünstelt daherkommt. Dialoge, Gesten und Bewegungen strahlen maximale Beiläufigkeit und Lebensnähe aus, ohne Plan oder Absicht. Das Drehbuch, das Berrached nach aufwendigen Recherchen gemeinsam mit Carl Gerber verfasst hat, es sollte von den Darstellern nicht wörtlich genommen werden, sondern als Inspiration zur Improvisation dienen – so die Regisseurin.

Das Spiel aller Beteiligten ist denn auch beinahe frei von Peinlichkeiten, die bei einem Familiendrama dieser Art sonst eigentlich programmiert wären. Bjarne Mädel und Julia Jentsch spielen als Markus und Astrid ein junges, glückliches Paar, das unerwartet vor eine tief greifende Entscheidung gestellt wird: Bringen sie ein Kind zur Welt, dessen Lebenserwartung die Ärzte nicht voraussagen können, das kurz nach seiner Geburt schwere Operationen durchstehen muss und ein Leben lang behindert sein wird? Oder ringen sie sich dazu durch, das Kind abzutreiben – so wie es der Gesetzgeber bei einer solchen Diagnose erlaubt – auch noch spät in der Schwangerschaft? Können sie zu einer Meinung finden? Und wenn nicht, ist es dann gerecht, dass Astrid letztendlich das Sagen darüber hat, was in ihrem Körper ergo mit ihrem Kind geschieht? Welche Spuren in der Beziehung hinterlässt eine solche Entscheidung – so oder so?

"24 Wochen" berührt grundlegende ethisch-moralische Fragen und zeigt die Bemühungen, Antworten darauf zu finden, finden zu müssen, in mikroskopischer Deutlichkeit. Anne Zohra Berrached hat ihre Authentizitätsmethode auch schon in ihrem Debütfilm "Zwei Mütter" angewendet. Und sie wirkt – auch dieses Mal - mit so hoher Treffsicherheit, dass man, wenn man sich aus dem emotionalen Würgegriff dieses Films erst einmal wieder befreit hat, fast ein bisschen wütend wird. Manipulation auf sehr hohem Niveau.

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