• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
Seit 15:05 Uhr Corso - Kultur nach 3
StartseiteBüchermarktAls die Marsmenschen in München landeten31.03.2015

FilmgeschichteAls die Marsmenschen in München landeten

Der erste Marsianer, der nach Deutschland kam, war ein Journalist. Das zumindest erzählt ein wenig bekannter Stummfilm aus dem Jahr 1916, ein Science-Fiction-Film, als das Genre noch gar keinen Namen hatte. Die Kulturwissenschaftlerin Britta Lange geht der Geschichte der frühen SF-Filme in ihrer Untersuchung "Die Entdeckung Deutschlands" nach.

Von Hartmut Kasper

Rathaus und Frauenkirche München (Nagy / Presseamt München)
Rathaus und Frauenkirche München (Nagy / Presseamt München)

Britta Lange ist Kulturwissenschaftlerin. Sie lehrt und forscht am Institut für Kulturwissenschaft der Humboldt-Universität Berlin zu Schwerpunkten wie Kolonialismus, Erster Weltkrieg und Ton- und Filmdokumente. Das alles klingt nicht so, als müsste man sich von ihr den nächsten großen Abenteuerroman versprechen. Dabei ist das, was sie in ihrem Buch erzählt, abenteuerlich genug: Im Jahr 1971 stiftete ein privater Sammler dem Filmmuseum Amsterdam eine Filmrolle; ihr Titel: "Per vliegball naar de aarde", also "Mit dem Flugball zur Erde". Es handelte sich dabei um den Zusammenschnitt eines deutschen Stummfilms aus dem Jahr 1916. In seiner ursprünglichen Version war das Werk ein "Lichtspiel in fünf Akten", und es hieß "Die Entdeckung Deutschlands". Entdeckt wurde Deutschland in diesem Fall von den Marsbewohnern.

Die Spielleitung lag bei Georg Jacoby und Richard Otto Frankfurter. Die Handlung: Auf dem Planeten Mars hört ein ortsansässiger Journalist namens Mavortin die Kabelnachrichten der irdischen Nationen ab, die mit dem Deutschen Reich im Krieg liegen. Wollte man den Feinden des Kaiserreichs glauben, stünden die deutschen Fabriken still und die Menschen vor dem Hungertod.

Mavortin, ein geradezu investigativer Journalist, traut diesen Nachrichten nicht. Er will selbst zur Erde fliegen und vor Ort recherchieren. Wie das Schicksal es will, hat just in jenen Tagen der marsianischer Wissenschaftler Marsilius das Antibaryn erfunden, eine Mischung aus Medikament und Treibstoff. Antibaryn wirkt der Schwerkraft entgegen. Mavortin und der Wissenschaftler nehmen das Wundermittel ein und starten alsbald Richtung Erde. Den marsianischen Journalisten gibt der damalige Publikumsliebling Paul Heidemann, den Wissenschaftler Gustav Botz.

Die beiden Außerirdischen landen in München, knapp neben der Frauenkirche. Auf den Straßen und Plätzen geht es gerade hoch her; viel Publikum ist unterwegs; die Gäste vom Roten Planeten mischen sich unter die Erdlinge. Verständigungsschwierigkeiten gibt es keine; das Marsianische ist vom Deutschen ununterscheidbar.

Propaganda vom Mars

Das deutsche Kaiserreich erweist sich als wahres Schlaraffenland; die Marsianer vespern mit den Ureinwohnern Fleischklöße, Bretzel und Bier. Danach geht es weiter nach Berlin, mit der Bahn und selbstverständlich im Speisewagen. In der Reichshauptstadt besichtigen Mavortin und Marsilius die Meierei Bolle, und im weiteren Verlauf der Reise Lokomotiven-, Granaten-, Sekt- und Zigarettenfabriken. Eine opulente Leistungsschau der deutschen Industrie: Alle Fabriken laufen wie geschmiert. Die frechen Lügen der reichsfeindlichen Propaganda sind entlarvt. Die Marsianer freuen sich wie Bolle.

"Die Entdeckung Deutschlands durch die Marsbewohner" ist, versteht sich, ein Propagandafilm, aber nicht irgendeiner:

"Er ist das erste offizielle Filmwerk, das ausdrücklich für die deutsche Inlandspropaganda im Ersten Weltkrieg bestimmt war."

Natürlich ist es eine sanfte Provokation der Autorin, den Durchhaltestreifen als Science-Fiction zu bezeichnen. Und das nicht nur, weil der Begriff selbst avant la lettre und ein Anachronismus ist. Er wird erst ein Jahrzehnt später von Hugo Gernsbacher - beziehungsweise Hugo Gernsback - geprägt und über seine Zeitschrift "Amazing Stories" verbreitet.

Provokant wirkt die Bezeichnung auch, weil dem Klischee zufolge Science-Fiction mal mehr, mal weniger vorfreudig der Zukunft zugewandt sein und utopisch, schlimmstenfalls dystopisch ein Bild der Welt von morgen entwerfen sollte. Aber gerade nicht einem todgeweihten Kaiserreich Trost und Rechtfertigung von den Sternen bringen.

Tatsächlich ist, wie Britta Lange zeigt, dieses frühe filmische Dokument alles andere als ein selbstbestimmtes Kunstwerk. Zum Zweck der Inlandpropaganda war nämlich im Jahr 1916 ein eigenes Unternehmen gegründet worden, die Mars-Film GmbH. Diese Mars-Film GmbH wird die "Ursprungs-Firma" der "Entdeckung Deutschlands". Nach dem Krieg ging die GmbH in der neu gegründeten UFA auf, der Universum Film AG.

Mars-Film - dem Kriegsgott gewidmet

Erst der Mars, und dann das Universum - hatte die frühe deutsche Filmindustrie einen Hang zur Weltraumfahrt? Eher nicht. Die Mars-Gesellschaft mit beschränkter Haftung heißt nicht in utopischer Absicht so:

"Der Name Mars-Film war Programm. Die Gesellschaft sollte nicht Filme über den Planeten Mars, sondern Filme über den Mars in seiner mythologischen Bedeutung produzieren. Filme über den Kriegsgott Mars, Kriegsfilme mithin."

Britta Langes schmales Buch informiert sachkundig, nachdenklich und umfassend über dieses Stück Kulturgeschichte, das vielleicht mehr ist als eine bloße und beinahe verschollene Kuriosität. Denn nicht zum letzten Mal sollte deutsche Politik sich extraterrestrischer Aufmerksamkeit erfreuen. Die Autorin erinnert daran, dass noch vor Kurzem - zwischen 2002 und 2004 - im Bundestag eine 13-teilige Serie von Kurzfilmen gedreht worden ist, Titel: "Politbongo".

Die Handlung dort: Auf dem Planeten Bongo haben sich weder die Monarchie noch die direkte Demokratie bewährt; es herrscht offene Anarchie.

Deswegen brechen die Bongolen mit ihrem Raumschiff Politbongo auf in Richtung Erde, um sich am bundesdeutschen parlamentarischen System ein politisches Beispiel zu nehmen. Die Idee zu dieser Serie hatte Wolfgang Lippert. Die liebenswert-lernwilligen Bongolen werden von Handpuppen dargestellt; Cosima Shiva Hagen spielt eine Kamerafrau; Wolfgang Thierse und Klaus Wowereit spielen sich selbst.

Anders als die für Kinder gedachte Serie hat sich "Die Entdeckung Deutschlands" ernst genommen - eine politische Inanspruchnahme von Weltraum-Szenarien immerhin zehn Jahre, bevor Fritz Lang die "Frau im Mond" verfilmte.

Britta Lange: "Die Entdeckung Deutschlands. Science-Fiction als Propaganda"
103 Seiten, Verbrecher Verlag. Berlin 2014. 14,00 Euro

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk