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Filmisch schreiben

Kein Wort zu viel, kein Wort zu wenig: Patrick Roths Texte sind meisterlich sparsam instrumentiert, und doch enthält jeder angespielte Ton die Wucht eines ganzen Orchesters. Dem 1953 in Freiburg geborenen und in Karlsruhe aufgewachsenen Autor ist nicht nur ein gewisser Hang zu religiöser Symbolik zu eigen. Ihm wird auch ein Faible für die Psychoanalyse nachgesagt.

Von Ulrich Rüdenauer

Lichter in der Nacht (AP Archiv)
Lichter in der Nacht (AP Archiv)

Und für den Film, der ihn in Jugendjahren so tief beeindruckt hat, dass er sich nach Hollywood aufmachte, wo er nun seit fast 35 Jahren lebt. Ja, man könnte Roths Schreiben filmisch nennen, es packt den Leser direkt an, es zieht ihn auf magische Weise hinein ins Geschehen, und die Dialoge könnten in ihrer Knappheit auch von Robert Mitchum oder Dennis Hopper gesprochen sein. Es ist eine besondere Art des Films, die sich in den Geschichten wiederentdecken lässt: der ganz auf die Stärke der Figuren und der Atmosphäre bauende, einfache Symbole aufgreifende Hollywood-Film der 40er und 50er Jahre. Patrick Roth ist als Erzähler ein auf Bilder vertrauender Regisseur. Von Frank Capras wundervollem Weihnachtsfilm "Ist das Leben nicht schön" etwa, mit James Stewart in der Hauptrolle, borgt Patrick Roth sich eine wichtige Kulisse und ein bedeutsames Motiv für seine Weihnachtserzählung.

Aber der Reihe nach. Roths "Lichternacht" wird im Rückblick erzählt, und sie beginnt - die Neugierde gleich lichterloh entfachend - wie eine klassische Kurzgeschichte.

"Über den Abend des 24. Dezember 2002 habe ich mit den wenigen Gästen, die außer dem Brautpaar und mir damals dabei waren, nie mehr gesprochen. Keiner der Freunde hat ihn, soweit mir bekannt ist, je wieder erwähnt, geschweige denn an Joes Worte gerührt. Eigentlich war es, als hätte es ihn nie gegeben, den Abend. Das ‚Resultat', sicher, daran erinnerte sich jeder. Unsere Freunde Joe Travers und Rose Reed waren an jenem Abend getraut worden. In ihrer Wohnung in der Zweiten Straße, unweit vom Santa-Monica-Strand. Die Sonne versank gerade im Meer, und das Wohnzimmer, in dem wir mit dem Bräutigam auf das Erscheinen der Braut warteten, färbte sich eine Zeitlang weinrot."

Rose lässt sich Zeit. Während sie sich für die kleine Zeremonie zurecht macht, erzählt Joe eine Begebenheit, die sich genau vor 25 Jahren zugetragen und die etwas Mysteriöses hat, etwas Verstörendes - so verstörend, dass die Hochzeitsgäste nie mehr miteinander von diesem Abend reden werden. Es ist ein Gang ins "Tal der Schatten" - so hat Patrick Roth seine Frankfurter Poetikvorlesung genannt -, eine Reise ins Totenreich: Joe versetzt die Besucher zurück ins Jahr 1977:

"Ich war damals - ich lebte noch in New York - in eine Frau verliebt. Ich war völlig ... besessen von diesem Mädchen. Dachte nur noch an sie, an uns und wie wir ... den Rest unseres Lebens miteinander verbringen würden."

Es ist kurz vor Weihnachten 1977, und Joe möchte das Mädchen überraschen - mit einem Ring, den er gekauft hat. Aber er bekommt Wind davon - oder glaubt zumindest -, dass seine Liebste ihn betrügt. Also fährt er mitten in der Nacht im schlimmsten Schneesturm los, rüber nach Queens. Er muss eine Brücke überqueren - die an eben jene Brücke aus Frank Capras "Ist das Leben nicht schön" erinnert, auf der James Stewart alias George Bailey sich das Leben nehmen will, weil er nicht mehr weiter weiß. Es herrscht dichtes Schneetreiben, und man kann das gegenüberliegende Ufer nicht mehr erkennen. Plötzlich verliert Joe die Kontrolle über den Wagen, die Scheinwerfer gehen aus, das Auto prallt gegen das Brückengeländer, Joe schlägt sich die Stirn auf - er steigt aus und versucht, das Mauthäuschen zu erreichen. Nun erscheint alles traumhaft: Die Wahrnehmung verliert sich in einer verwunschenen Szenerie, der Schneesturm wird dichter, man kann Wirklichkeit von Halluzination nicht mehr unterscheiden, und der Mann im Mauthäuschen kommt einem vor wie Charon, der die Seelen der Toten über den Styx geleitet. Joes Erzählung lässt die Hochzeitsgäste vor Spannung verstummen, und es ist fast so

"als stünden wir alle im Schneewind auf der Brücke vor seinem Wagen. Hätte ein Zuspätgekommener in diesem Moment durchs Wohnzimmerfenster der Zweiten Straße in Santa Monica geblickt, er hätte niemanden gesehen. Keine Hochzeitsgesellschaft, keinen Bräutigam, niemand in Erwartung der Braut."

Den Gästen geht es ein wenig wie dem Leser: Unversehens ist man in einer allein durch Worte entstehenden, fremden Welt. Man tritt für einen Augenblick aus dem eigenen Leben heraus und in ein anderes hinein; man dringt in tiefere Schichten des Empfindens, der Wahrnehmung, des Erschauens und Erschauderns vor.

Wovon uns hier bei dieser seltsamen Hochzeitsfeier berichtet wird, könnte man als Nahtoderfahrung beschreiben. Es ist ein epiphanischer Moment, wie wir ihn bei Roth des Öfteren finden: Joe Travers, der die Verknüpfung zweier Dinge schon im Namen führt, ist aus seinem Körper herausgetreten und betrachtet sich selbst; er hat die Chance, sich als anderen zu sehen und dabei eine Verwandlung durchzumachen. Die Brücke als Nicht-Ort, als Verbindung zwischen zwei Punkten spielt dabei eine wesentliche Rolle. Sie symbolisiert den Übergang vom Leben zum Tod, vom einen Menschen zum andern, vom alten zum neuen Ich. Roth verschränkt auf faszinierende Weise zwei Welten: Hollywood und ein religiös-mythisches Erleben, das in der Romantik ihren für Roth wichtigen Ursprung hat. Ein Geschehen, das sich rational erzählen ließe, wird so überhöht. Der Ton aber, und das ist das große Kunststück, bleibt dabei lakonisch und ruhig, und ist im besten Sinne der klassischen amerikanischen Short Story abgelauscht. Nur fügt ihr Roth weitere Ebenen hinzu.
Joe etwa heißt nicht umsonst Joe.

"Da nun Joseph vom Schlaf erwachte, tat er, wie ihm aufgetragen der Engel des Herrn, und nahm seine Frau an."

Das Zitat aus dem Matthäus-Evangelium stellt Patrick Roth seiner Weihnachtserzählung als Motto voran. Der an Maria zweifelnde Joseph bekennt sich nach einem heilsamen Schlaf zu seiner Frau - ähnlich geht es auch Joe Travers, denn ganz am Ende der kurzen Geschichte ahnen wir, dass Rose Reed eben jene Frau ist, die vor 25 Jahren in Queens gelebt hat und in die Joe unsterblich verliebt war. Sie haben sich doch wiedergefunden. Rose erscheint Joe zwei Mal aus der Helle des Lichts, zunächst auf der Brücke während seiner Todesnähe - und dann in der Gegenwart, bei der Hochzeit.

"Joe hatte sie nicht bemerkt. Wir alle hatten sie nicht bemerkt. Nur Larry deutete auf die Treppe, die sich erhellt hatte - denn das war das Zeichen."

Zeichen gibt es viele in diesem Text, man entdeckt sie nach und nach. Joe wird Rose heiraten, längst auferstanden von den Zweifelnden, auferstanden von den Toten. Donna Reed heißt übrigens die Schauspielerin, die in Capras "Ist das Leben nicht schön" die weibliche Hauptrolle spielt, und der Schauspieler Henry Travers stellt den Engel Clarence dar, der James Stewart ins Leben zurückholt. In Patrick Roths prall mit Querverweisen und Symbolen gespickten Erzählung gibt es bis in die Namensgebung der Figuren hinein keine Zufälle - dafür aber Schicksalhaftes.

Die Weihnachtsgeschichte "Lichternacht" ist nur knapp 20 großzügig bedruckte Seiten lang, aber sie fordert zum Wieder- und Wiederlesen heraus. Im Anhang des schmalen Insel-Bändchens findet sich ein Essay der Heidelberger Literaturwissenschaftlerin Michaela Kopp-Marx, der hilfreiche Hinweise zur Entschlüsselung von "Lichternacht" und zu genauerer Lektüre liefert - das Geheimnis, das weihnachtliche Wunder und die rätselhafte Faszinationskraft aber kann er Roths Geschichte zum Glück nicht nehmen.

Patrick Roth: Lichternacht. Weihnachtsgeschichte. Mit einem Essay von Michaela Kopp-Marx. Insel Verlag. 54 Seiten.

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