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StartseiteBüchermarktFilmisches Erzählen11.03.2007

Filmisches Erzählen

Buch der Woche: "Fliehen" von Jean-Philippe Toussaint

Jean-Philippe Toussaint schreibt visuell, er zommt sich von Bild zu Bild, und das in einer sprachlichen Eleganz und Leichtigkeit, die sein deutscher Verleger Joachim Unseld gekonnt ins Deutsche überträgt. Der so oft gerühmte Charme von Toussaints Romanprosa gründet in seiner Ironie.

Von Christoph Vormweg

In Shanghai beginnt die Handlung des Romans. (AP)
In Shanghai beginnt die Handlung des Romans. (AP)

Reisen bildet, sagt der Volkmund. Zahllose Schriftsteller haben das beherzigt und Zeugnis abgelegt: über die Irritationspotentiale des Fremden, über die immer auch erotischen Reize des Exotischen, über die Relativierung des Selbst im Anderen. Doch wie verwandelt man eine Flut von Reiseeindrücken in Literatur? Jean-Philippe Toussaint, der von sich behauptet, Autofiktion sei seine Sache nicht, ist dafür ein Paradebeispiel. Seit sein berühmter Badewannen-Held aus dem Erstling sein feuchtes Exil wieder verließ, treiben sich seine Protagonisten in der Welt herum, sei es in Berlin, wohin Toussaint vom Deutschen Akademischen Austauschdienst eingeladen wurde, sei es in der Betonwüste der endlosen Pariser Vorstädte, sei es in London oder Tokio. Es überrascht also nicht, dass auch die drei Teile seines neuen Romans "Fliehen" an Orte gebunden sind: an Shanghai, Peking und die Insel Elba. Und noch etwas ist den Toussaint-Getreuen bekannt: zum einen der wie immer namenlose Ich-Erzähler, zum anderen die Modeschöpferin Marie aus seinem letzten Roman "Sich lieben".

"Hört das denn nie auf mit Marie? Im Sommer vor unserer Trennung hatte ich ein paar Wochen in Shanghai verbracht, es gab dafür nicht wirklich berufliche Gründe, ich unternahm die Reise eher zu meinem eigenen Vergnügen, auch wenn Marie mich mit einem bestimmten Auftrag betraut hatte (aber ich habe keine Lust, auf Einzelheiten einzugehen). Am Tag meiner Ankunft in Shanghai empfing mich Zhang Xiangzhi, der sich vor Ort um die Geschäfte Maries kümmerte, am Flughafen. Ich hatte ihn zuvor erst einmal gesehen, in Paris, in Maries Büro, doch ich erkannte ihn sofort wieder, er unterhielt sich hinter den Schaltern der Passkontrolle mit einem uniformierten Polizeibeamten. Er musste um die vierzig sein, hatte rundliche Wangen, aufgedunsene Gesichtszüge, eine glatte, rötlichbraune Haut und trug eine sehr dunkle Sonnenbrille, die den oberen Teil seines Gesichts verdeckte. Beide warteten wir am Gepäckband auf meinen Koffer und hatten seit meiner Ankunft vielleicht gerade ein oder zwei Worte in schlechtem Englisch gewechselt, als er mir ein Handy überreichte. Present für you, sagte er mir, was mich in eine fürchterliche Verlegenheit brachte. Ich verstand nicht, warum es notwendig sein sollte, mich mit einem Handy auszustatten, einem gebrauchten Gerät, ziemlich hässlich, in einem stumpfen Grau, ohne Verpackung und ohne Bedienungsanleitung. Wollten sie mich ständig überwachen, wissen, wohin ich ging, mich nicht aus den Augen lassen? Ich weiß es nicht."

Als Jean-Philippe Toussaints Erzähler seine Reiseerlebnisse aufschreibt, ist er über das Stadium der Ahnungen noch nicht hinaus. Die chinesische Fremde, der zwielichtige Zhang, die Liebe zu Marie: Alles steht unter einem Stern des Rätselhaften. Schreiben erscheint da als der Versuch, sich nachträglich Klarheit zu verschaffen - ein Versuch, der auch die Leser fordert. Lauernd folgen wir Toussaints Erzähler, der sich widerstandslos von den Ereignissen tragen lässt, durch die Detailfluten einer schwer dechiffrierbaren Fremde. Überall tun sich Fragen auf. Ist Zhang etwa der Grund, dass es später mit Marie zur Trennung kommt? Was ist mit ihrem ominösen Auftrag, zu dem sich der Erzähler nicht äußern will? Und warum ist Zhang offenkundig mit der Polizei per du?

Von der ersten Seite an jongliert Toussaint mit Ködern, die das Leserinteresse wach halten. Ganz beiläufig mästet er sie mit Indizien. So erfahren wir, dass es sich bei Maries Auftrag um die Übergabe von 25.000 Dollar an Zhang handelt, was natürlich neue Fragen aufwirft. Handelt es sich um "illegale Geschäfte"? Sind die 25.000 Schmiergeld? Was für Ziele verfolgt Marie wirklich mit ihren Modeschöpfungen auf dem chinesischen Markt? Nicht weniger mysteriös erscheint die Begegnung mit der schönen Li Qi auf einer Vernissage in Shanghai. Irritierend ist nicht nur ihr prompter Vorschlag, zusammen für ein paar Tage nach Peking zu fahren, den der erotisierte Erzähler willig annimmt. Irritierend ist vor allem, dass Li Qi mit Zhang zusammenarbeitet und dieser, wie sich herausstellt. auch mit nach Peking fährt. Der Aufheizung der Sinne im Nachtzug tut das aber keinen Abbruch:

"Seit Beginn der Reise hatte es bereits so viele Anzeichen gegenseitiger Zuneigung gegeben, leichte Berührungen und Blicke, kleinste verborgene und geheime Liebeserklärungen. Nur weil es die Umstände nicht erlaubten, hatten wir uns noch nicht geküsst, und es war sogar denkbar, dass wir uns nie küssen würden. Was machte das schon aus, ich liebte ihre Zurückhaltung, weil ich meine eigene Schüchternheit liebte. Uns war bewusst, dass wir uns gefielen, wir wussten es beide, wussten auch, dass der andere es wusste. Aber was noch fehlte, was möglicherweise immer fehlen würde, war die Gelegenheit, der richtige Zeitpunkt, die Gunst der Stunde oder des Augenblicks."

Was es mit der Schüchternheit des Erzählers auf sich hat, erfahren wir nicht einmal fünf Seiten weiter. Da hat er sich mit seiner Schönen bis in die Zugtoilette vorgearbeitet und hakt gerade ihren BH auf. Trotz drängender Lust und lärmender Fahrgeräusche bleibt ihm, und das ist typisch für Toussaints Prosa, aber immer Zeit für minutiöse Beobachtungen. So lässt er sich über Li Qis elektrostatisch aufgeladenes Oberteil aus oder über die grünliche Farbe des Toiletten-Lichts. Mit einem Wort: Toussaint schreibt visuell, er zommt sich von Bild zu Bild, und das in einer sprachlichen Eleganz und Leichtigkeit, die sein deutscher Verleger Joachim Unseld gekonnt ins Deutsche überträgt. Der so oft gerühmte Charme von Toussaints Romanprosa gründet dabei in seiner Ironie. So lässt er seinen Erzähler und Li Qi erst gleichsam in der Schwerelosigkeit eines feuchten Traums zueinanderfinden, um den Halbnackten kurz vor dem Vollzug doch noch in die Parade zu fahren. Das aufgedrängte Handy beschert einen rüden Rücksturz in die Realität:

"Ich spürte, wie mein Herz heftig zu schlagen begann und sich Entsetzen in mir breit machte, eine Mischung aus Panik, Schuldgefühl und Scham. Ich hatte schon immer ein schwieriges Verhältnis zum Telefon gehabt, eine Kombination aus Widerwillen, Lampenfieber und urtümlicher Angst, eine ununterdrückbare Aversion, gegen die ich nicht einmal mehr anzukämpfen suchte, mit der ich mich schließlich arrangiert hatte, der ich mich angepasst hatte, indem ich so wenig wie möglich telefonierte. Ich hatte immer schon die irgendwie unbewusste Ahnung, dass meine Angst vor dem Telefon mit dem Tod zusammenhing - vielleicht mit Sex und Tod -, aber niemals vor dieser Nacht sollte ich eine derart unerbittliche Bestätigung dafür bekommen, dass es tatsächlich eine geheime Alchimie gibt, die das Telefon mit dem Tod verbindet."

So entpuppt sich der erste Höhepunkt von Jean-Philippe Toussaints Roman "Fliehen" buchstäblich als Rohrkrepierer. Erzähltechnisch hat das natürlich den Vorteil, dass der Fluchtversuch in die Arme der schönen Chinesin eine Fortsetzung haben könnte. Wir sind also weiter gespannt, ob es doch noch zum definitiven Fremdgehen in der Fremde kommt. Vor allem aber bestätigt Toussaint, indem er die Konsequenzen aus der massenhaften Handy-Verbreitung auf die Schippe nimmt, seinen Ruf als gegenwartsfixierter Schriftsteller. Mit einem Wort: Das Handy trägt den Plot, wobei natürlich wieder Ironien im Spiel sind. Denn ausgerechnet dieses Symbol der kommunikativen Freiheit zwingt den Erzähler heim nach Europa: durch die Nachricht, dass Maries Vater beim Baden auf Elba ertrunken ist. Gleichzeitig eröffnet das Handy eine für den Erzähler neue paradoxe Dimension: Während er im Zug frisch bezirzt Richtung Peking jagt, kann er sich in Marie vertiefen, die tausende Kilometer weiter westlich trauernd aus dem Pariser Louvre irrt. Das unerreichbar Ferne ist mit einem Mal näher als das greifbar Gegenwärtige: die willige Li Qi.

"Ich lauschte der leisen Stimme Maries, die mitten in der Sonne eines Pariser Spätnachmittags sprach und mich in der Nacht, hier in diesem Zug, kaum entstellt erreichte, die leise Stimme Maries, die mich buchstäblich hinweg trug, so wie es Gedanken, Träume oder die Literatur vermögen, wenn Körper und Geist sich voneinander lösen, der Körper bleibt, wo er ist, und der Geist sich auf die Reise begibt, sich weitet und dehnt, und so, langsam, hinter unseren geschlossenen Augen Bilder entstehen, und Erinnerungen, Gefühle und unruhige Zustände wieder erwachen, vergessene Schmerzen wieder aufleben, verschüttete Emotionen, Ängste, Freuden, Empfindungen, von Kälte und Wärme, davon, geliebt zu werden, nicht zu wissen. Das alles im regelmäßigen Zustrom von Blut in die Schläfen, in einem gleichmäßigen Anstieg des Herzschlags und in einer Erschütterung, die die Axt ist für das gefrorene Meer der getrockneten Tränen in uns."

Auch der zweite Teil des Romans "Fliehen" hat seinen handygesteuerten Höhepunkt. Und wieder ist er als ironische Breitseite angelegt: diesmal auf das Action-Kino. Der Erzähler gerät in eine wilde Verfolgungsjagd, ohne jedoch die Gründe zu kennen, warum sich von allen Seiten Polizeisirenen nähern. Zu dritt fliehen sie auf einem Motorrad, gleichsam als Sandwich: Zhang vorne, Li Qi in der Mitte, der Erzähler hinten. Toussaint entfacht hier ein Feuerwerk gehetzter Wahrnehmungen, vorbeizuckender nächtlicher Eindrücke, wobei sein besonderes Interesse den Lichtverhältnissen gilt. Diese Omnipräsenz des Deskriptiven ist das Markenzeichen der meisten Autoren, die im berühmten Pariser Kleinverlag "Les Éditions de Minuit" erscheinen. Ob Jean Echenoz, Eric Laurrent oder eben Jean-Philippe Toussaint: für sie alle ist das Beschreiben essenziell - gerade des Abseitigen, Banalen und Zufälligen, das ohne die Weihe eines höheren Zusammenhangs daher kommt. Jenseits aller utopischen Erwartung wird die Gegenwart leidenschaftslos, aber immer verspielt in seiner Zersplitterung besichtigt: literarisch ausgefeilt, präzis beobachtet, lakonisch formuliert.

Dennoch hat sich im Vergleich zum "nouveau roman", der ebenfalls von Minuit-Autoren wie Alain Robbe-Grillet, Michel Butor und Nathalie Sarraute geprägt wurde etwas geändert. Denn ein unterhaltsam-skurriler Plot ist nicht mehr despektierlich. Und doch kann man den so genannten "nouveau nouveau roman" auch als Literatur für Literaten genießen. Denn auf einer zweiten Ebene operiert er mit Anspielungen auf die Literaturgeschichte: bei Jean-Philippe Toussaint zum Beispiel auf Robert Musils "Mann ohne Eigenschaften". Der eigentümliche Charme seines namenlosen, alles registrierenden Erzählers liegt gerade in seiner Positionslosigkeit, in seinem hellwachen Schlingern durch eine unübersichtlich gewordene Welt. Toussaint gelingen dabei wunderbare Miniaturen: etwa über die Seele des Spielers. Dass er, wohnhaft in Brüssel und auf Korsika, ein besessener Boule-Spieler ist, wissen wir aus seinem "Selbstporträt in der Fremde". In "Fliehen" jedoch geht es um größere Kugeln. In einer Las-Vegas-Imitation vor den Toren Pekings wird gebowlt:

"Hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt gespielt, als ginge es um nichts, mit hoher Konzentration, in der ich mich von der Welt um mich herum gelöst hatte, um mir statt dessen eine ureigene Welt zu schaffen, in der ich Trost fand in den Geraden und Ruhe in den Winkeln, war es jetzt damit vorbei, ich spielte, um zu gewinnen, ich spielte, um Zhang Xiangzhi zu schlagen - und ich würde ihn schlagen, ich spürte es am Pochen meines Herzens. [...] Es war kein Zufall, dass er genau ab dem Moment schlechter spielte, da ich ihm Paroli bot, ihm etwas entgegen setzte, denn unser Spiel war inzwischen zu einem Duell geworden. Die Anwesenheit Li Qis schuf eine Rivalität, der wir uns nicht entziehen konnten, einen teuflischen Wetteifer, eine Atmosphäre kalter und schweigsamer Gewalt, der wir nicht entkamen, Li Qi war, ob wir es wollten oder nicht, zum symbolischen Einsatz unseres Spiels geworden. Ich richtete meinen Blick mit aller Kraft auf das Ziel - mit aller Intensität meiner Augen, geradeaus gerichtet, bohrte ich meinen Blick in die Kegel - und führte eine langgezogene, lockere Armbewegung aus, ohne Gewissheit ihres Gelingens. Die wiedergefundene Einheit von Blick und Hand, das Geheimnis der perfekten Bewegung."

Wie das Buhlen um Li Qi und die Verfolgungsjagd durch das nächtliche Peking ausgehen, sei hier natürlich nicht verraten. Nur so viel: Als der Erzähler zu Beginn des dritten Teils auf der Fähre in Richtung Elba unterwegs ist, um der trauernden Marie beizustehen, trägt er immer noch die geliehenen Bowlingschuhe. Auch hier besticht Jean-Philippe Toussaint als Meister der Zustandbeschreibung, des Zustands der Schwebe und des Übergangs:

"Die ganze Reise über war ich [...] noch in Peking und doch schon auf Elba, meinem Denken gelang es nicht, fließend von einem Ort zum anderen überzugehen, den einen zu verlassen, um sich dem anderen zuzuwenden, blieb vielmehr in diesem permanenten Provisorium zwischen zwei Orten, als wäre dieser Moment des Übergangs nicht nur dehnbar und elastisch, sondern könnte auch bis ins Unendliche hinausgezogen werden, bis ich schließlich in Gedanken nirgendwo mehr war, weder in Peking noch auf Elba, sondern nur immer auf der Oberfläche dieser transitorischen Orte, die ich durchquerte, mich nicht vom Fleck rührend und doch in Bewegung, in meinem Sitz dösend und alle meine Empfindungen zurückhaltend, die ich zu einem späteren Zeitpunkt würde wiederaufleben lassen können, nicht nur auf der Fähre, die mich nach Elba brachte, sondern auch und gleichzeitig in jedem der Transportmittel, die ich seit Beginn meiner Rückreise benutzt hatte. Diese Reise war wie die Quintessenz aller bisherigen Reisen meines Lebens. [...] Ich spürte mit einer ganz besonderen Schärfe, wie [...] die Zeit verstrich [...], die Zeit, weit und fließend, die mich trotz meiner Reglosigkeit mit sich fortriss und in der der Tod - und die gewaltsamen Schrammen, die er beifügte - den schwarzen Takt angab."

Jean-Philippe Toussaint hat sich in den 80er Jahren mit seiner lakonischen Prosa und seinem trocken-unterkühlten Humor einen Namen gemacht. Mittlerweile überwiegen allein schon wegen der Liebesthematik die existenziell ernsteren Tonlagen und die mittleren und langen, genau austarierten Satzkonstruktionen. Dabei nimmt Toussaint immer wieder bewusst das Tempo aus dem Text, um den Höhepunkten zusätzliches Gewicht zu verleihen - auch im dritten Teil des Romans "Fliehen", der das schwierige Verhältnis des Erzählers zu Marie umkreist. Wie gewohnt operiert Toussaint filmisch, gleichsam mit drei Kameraaugen. Das erste Kameraauge beschreibt, was sein Erzähler sieht, das zweite verfolgt sein Innenleben, das dritte schließlich versucht, Maries Seelenzustände über spekulative Einfühlung zu erforschen. Aus dem Wechselspiel der Kameraaugen zieht Toussaints Prosa ihre Dynamik.

Sämtliche Eindrücke erweisen sich jedoch letztendlich als instabil. Denn kaum glaubt sich der Erzähler seiner Liebesgefühle einmal sicher, melden sich Störfaktoren. Und für solche tragikomischen Schieflagen hat Jean-Philippe Toussaint ein geradezu obsessives Auge, so als Marie den Erzähler nach der Beerdigung ihres Vaters im Hotelzimmer erwartet:

"Sie rührte sich nicht, als ich die Zimmertür öffnete, blieb ausgestreckt auf dem Bett liegen, die Bluse offen über dem nackten Bauch. Die Fensterläden der Terrassentür waren halb geschlossen, ließen etwas Licht ins Dunkel des Raums eindringen. Ich legte mich zu Marie aufs Bett und küsste sie, ich spürte, wie starr sie in ihrer Trauer war, spürte die Stille, zuerst waren es verhaltene, vorsichtige und unvollendete Umarmungen, die mit einemmal dringlich und ungestüm wurden, irgend etwas Wildes war in ihre Augen getreten, ein Verlangen, das immer stärker wurde, [...] ungestüm und wirr, als wenn sie einen Ekel überwinden müsste oder ein Verbot, aber sie insistierte nicht, ließ mich ziemlich schnell liegen, legte sich jetzt auf den Rücken, damit ich sie streicheln konnte, streifte sich einfach die Hose über die Schenkel, mit derselben wirren Ungeduld, mit derselben mangelnden Zärtlichkeit, und da sah ich, dass sie darunter nichts anhatte, keine Unterhose, ihr Geschlecht lag nackt vor mir."

Ist es die Trauer, die zwischen ihnen steht, oder die Vorahnung, dass sie sich bald trennen werden, dass die Liebe noch da, aber nicht mehr lebbar ist? Für das Ende seines Romans "Fliehen" hat Jean-Philippe Toussaint, der auch als Filmregisseur und Drehbuchautor aktiv ist, eine eigene Choreografie entwickelt, eine Choreografie von Annähern und Abstoßen, von gegenseitig Umkreisen und Observieren, von Verfolgen und Fliehen bis zum bewegenden Finale nachts im Meer vor der Insel Elba. Sein Erzähler psychologisiert dabei nie, erklärt nichts, sondern treibt nur sein subtiles Spiel mit dem Ungesicherten jeder Wahrnehmung.

Wir haben ein "ungeahntes Dasein im Geist des anderen", schreibt er einmal. Doch auch in den geliebten Menschen kann man nicht hinein sehen. Immer bleibt bis zum offenen, schwebenden Ende nur das Spiel der Ahnungen, die Toussaint kunstvoll zu einem dichten, vieldeutigen Geflecht verwebt. Die Ahnungen gleichen dem Stein, den Sisyphos einst mit zäher Geduld den Berg hinaufrollte, von wo er wieder zurück ins Tal stürzte. Doch noch in einem anderen Punkt ähnelt Toussaints Erzähler der mythischen Gestalt. "Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen", schrieb der Philosoph und Schriftsteller Albert Camus 1942 in seinem "Versuch über das Absurde". Denn nicht nur "der Kampf gegen Gipfel vermag das Menschenherz auszufüllen", sondern auch das obsessiv ironische Dauerdechiffrieren unserer Gegenwart und ihrer Gefühlslagen.

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