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StartseiteTag für TagZwischen Sponsoring und Staatskohle17.05.2017

Finanzierung des KirchentagsZwischen Sponsoring und Staatskohle

Der VW-Konzern ist einer der Sponsoren des Evangelischen Kirchentags in Berlin und Wittenberg. Kritiker fragen: Will sich der Autokonzern nach dem Abgasskandal reinwaschen? Ebenso kontrovers diskutiert wird die Finanzierung aus öffentlichen Mitteln. Der Kirchentag kostet 23 Millionen Euro. Die Hälfte dieser Summe zahlen Bund und Länder.

Von Burkhard Schäfers

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Zahlreiche Euro-Banknoten und Euromünzen, aufgenommen am 03.01.2014 in Frankfurt am Main (Hessen). (picture-alliance / dpa / Daniel Reinhardt)
Sponsoring und Steuergeld - die Finanzierung des Kirchentags ist umstritten. (picture-alliance / dpa / Daniel Reinhardt)
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Das Image von VW hat zuletzt ziemlich gelitten: Manipulierte Abgaswerte, Milliardenstrafen, zögerliche Aufklärung. Und ausgerechnet dieser Konzern, der es mit der Wahrheit alles andere als genau genommen hat, ist Sponsor des Evangelischen Kirchentags, kritisiert der Hamburger Pastor Matthias Kaiser.

"Das Ausmaß ist ja wirklich verheerend und viele, ja, nicht nur Besitzer von Autos, sondern auch die Menschen, die diese Luft haben einatmen müssen, fühlen sich natürlich betrogen. VW steht, was sein Image angeht, im Augenblick mehr oder weniger an der Wand. Es wäre schade, wenn man die gesamtgesellschaftlich vorhandene Glaubwürdigkeit der Evangelischen Kirche in Deutschland dazu nutzt, um das angeschlagene Image von VW wieder zu reparieren."

Volkswagen und der Kirchentag - diese Partner würden derzeit nicht zusammenpassen, meint der evangelische Theologe. Die Organisatoren hätten auf Abstand zu VW gehen müssen. Denn noch laufen in Deutschland und in anderen europäischen Staaten Verfahren gegen den Autokonzern.

"Nähe ist natürlich immer auch eine Gefahr"

"Was ist gerechte, nachhaltige Arbeit in unserer Zeit, wie gehen wir mit Rohstoffen um? Das sind immer die klassischen Themen von Kirche und Kirchentag gewesen, und sollen es auch weiter bleiben. Umso wichtiger ist es, wenn man sich dann Sponsoren an die Seite holt, dass die inhaltlich und auch in ihrem Verhalten ganz klar zu diesen Ansprüchen stehen."

Die Silhouetten von zwei Männern auf einer Brücke zeichnen sich am 10.05.2016 vor dem großen Volkswagen-Logo am Kraftwerk am VW-Werk in Wolfsburg (Niedersachsen) ab. (picture alliance / dpa / Julian Stratenschulte)Sponsoring beim Kirchentag - in Berlin und Wittenberg stellt VW 250 Fahrzeuge zur Verfügung (picture alliance / dpa / Julian Stratenschulte)

Höhere Abgaswerte schädigen Gesundheit und Klima, sagt Pastor Kaiser. Mithin verliere die Kirche an schöpfungstheologischer Glaubwürdigkeit - und dieser Preis sei höher als der materielle Gewinn. In Berlin und Wittenberg stellt VW 250 Fahrzeuge zur Verfügung. Der Autobauer ist seit etlichen Jahren Sponsor von Kirchen- und Katholikentagen. Ist die Nähe zwischen Kirche und Wirtschaft womöglich so groß geworden, dass ethische Prinzipien verwässern?

"Nähe ist immer natürlich auch eine Gefahr. Ich bin nicht gegen Sponsoring, aber es sollten Firmen sein, wo wir den Eindruck haben, dass sie unseren Nachhaltigkeitszielen, die ja auch synodenweit immer wieder gerne verabschiedet werden von Kirchen, auch entsprechen. Da kann man nicht gerade mal jeden nehmen, der das größte Portemonnaie hat. Sondern es geht auch darum, dass die Firmen, die Kirche unterstützen, die Anliegen von Kirche unterstützen."

"Wir haben einen Nachhaltigkeitsfilter"

Hat der Kirchentag das Thema womöglich unterschätzt und blauäugig am Werbepartner VW festgehalten? Dazu Ellen Ueberschär, Generalsekretärin des Kirchentags:

"Wir haben da natürlich auch viel drüber nachgedacht. Und wir haben uns darauf verlassen, dass die Zusagen, die gemacht wurden, zu rückhaltloser Aufarbeitung der ganzen Geschichte, dass die eingehalten werden. Jetzt sehen wir natürlich auch, dass sich das alles hinzieht und dass die ganze Problematik eigentlich größer ist, als man am Anfang gedacht hat."

Neben VW sponsern Firmen wie Kärcher, der Drogeriekonzern dm und verschiedene Medienunternehmen den Kirchentag. Als Gegenleistung versprechen die Organisatoren etwa Anzeigen im Programmheft, Banner an den Veranstaltungsbühnen - und die Werbetreibenden dürfen sich den Kirchentags-Gästen mit einem Messestand präsentieren.

"Wir haben einen Nachhaltigkeitsfilter, der gilt auch für das Sponsoring", sagt Ueberschär. "Da sind natürlich so Dinge wie keine Rüstungsindustrie, keine stark umweltschädigenden Produzenten dabei. Wir wählen die Sponsoren sehr sorgfältig aus. Natürlich sind die Sponsoring-Verträge auch mit der Zusage verbunden, dass die Grundregeln des Kirchentages eingehalten werden."

"Ich will nicht wissen, was Luther dazu sagen würde"

Das stellt der Hamburger Pastor Matthias Kaiser zumindest bei VW in Frage. Diese Zusammenarbeit findet er gerade zum Reformationsjubiläum anrüchig. "Kein Ablass für Abgas", fordert der Theologe plakativ und erinnert an den Ursprung der evangelischen Kirche:

"Damals hat man Nöte an die Wand gemalt und mit der Hölle gedroht, die aber eben vermeidbar ist, wenn Geld bezahlt wird. Ich denke, wir haben heute zwar nicht die mittelalterliche Hölle, aber so wie Medien über VW herziehen, ist das alles andere als angenehm. Aber dann kann es doch nicht sein, dass die Kirche, indem sie sich finanziell empfänglich zeigt, diesen Effekt abmildert. Dann wären wir wieder in vorreformatorischen Zeiten, und ich würde nicht wissen wollen, was Martin Luther aktuell zu diesem Verfahren sagen würde."

Die öffentliche Hand finanziert die Hälfte des Etats

Indes unterstützen nicht nur Konzerne das fünftägige Treffen. Auch die öffentliche Hand finanziert den Kirchentag maßgeblich mit. Das Land Berlin gibt achteinhalb Millionen Euro, Brandenburg eine Million, der Bund zwei. Zusammengenommen ist das die Hälfte des Gesamtetats. Kirchenkritiker halten es für einen Fehler, dass hier Steuergelder fließen. Religiöse Großereignisse sollten allein aus Teilnahmebeiträgen und kirchlichen Mitteln finanziert werden. Ellen Ueberschär vom Kirchentag hält dagegen:

Der 36. Deutsche Evangelische Kirchentag steht unter dem Motto, Du siehst mich. Die Werbung am Glockenturm der Gedächtniskirche ist nicht zu übersehen. (Bild: imago stock&people) (imago stock&people/PEMAX)Ist es gerechtfertigt, dass religiöse Großereignisse in erheblichem Umfang aus Steuermitteln finanziert werden? (imago stock&people/PEMAX)

"Dann könnte man sämtliche Kultur- und gesellschaftlichen Veranstaltungen absagen und sagen, das ist aber nicht die Aufgabe der öffentlichen Hand. Also was ist die Aufgabe der öffentlichen Hand? Ein partizipatives Leben zu ermöglichen, wo viele Menschen über gesellschaftliche Fragen diskutieren. Dass wir in Deutschland ein offenes, liberales Klima haben, das hat auch mit solchen Veranstaltungen wie Kirchentagen zu tun. Und insofern ist das immer gut investiertes Geld."

"Auch für Atheisten gut investiertes Geld"

Aber: Gilt das auch für Menschen, die aus der Kirche ausgetreten sind? Warum sollen Andersgläubige und Konfessionslose über ihre Steuern den Kirchentag mitfinanzieren?

"Es ist auch für Atheisten gut investiertes Geld", sagt Ueberschär. "Es ist logisch, dass eine öffentlich finanzierte Veranstaltung offen ist für jeden und jede. Wer das Programmheft aufschlägt, wird sehen, dass genau die Themen, die alle Menschen umtreiben - wie erfüllen wir die Nachhaltigkeitsziele, was ist mit diesem Gender-Kram, geht uns das was an, ist das wichtig, wie wird Frieden, was passiert in Syrien - all diese Dinge werden auf dem Kirchentag verhandelt und jede und jeder ist eingeladen, daran zu partizipieren."

Ob dann auch die Frage nach dem Abgasskandal und die Nähe der Kirche zu VW gestellt wird? Zumindest im offiziellen Programm - mit immerhin 2.500 Veranstaltungen - ist dafür kein Platz vorgesehen.

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