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Finger weg vom Elterngeld!

Unionsfraktionschef Kauder äußert Zweifel am Elterngeld

Von Andreas Kolbe, Deutschlandfunk

Nicht das Elterngeld gehört auf den Prüfstand, sondern die schwarz-gelbe Familienpolitik insgesamt, findet Andreas Kolbe.
Nicht das Elterngeld gehört auf den Prüfstand, sondern die schwarz-gelbe Familienpolitik insgesamt, findet Andreas Kolbe. (AP)

Volker Kauders Vorgehen ist ein plumper Versuch, um vom Reizthema Beutreuungsgeld abzulenken. Doch wer das Elterngeld ohne Not in Frage stellt, katapultiert Deutschland familienpolitisch zurück in die Steinzeit.

Sophie Helene hätte es sicher nicht gegeben. Unsere vierte Tochter. Im Januar kam sie auf die Welt. Lange – viel länger als bei den anderen Kindern – haben meine Frau und ich überlegt und gerechnet, ob wir Familie auch zu sechst schaffen, ob wir uns Familie zu sechst auch leisten können.

Ohne Elterngeld hätten wir diese Frage ganz sicher anders beantworten müssen. Ohne Elterngeld wären wir zu fünft geblieben. Und ohne Elterngeld hätte ich auch keine Auszeit genommen, von der – neben dem Baby – auch die großen Geschwister und die ganze Familie enorm profitiert haben.

Meine persönliche Bilanz ist da schnell gezogen: Wer das Elterngeld in Frage stellt, katapultiert Deutschland familienpolitisch zurück in die Steinzeit.

War es denn jemals als monetäre Gebärprämie gedacht, das Elterngeld? Soll es schlicht die Geburtenrate ankurbeln, wie einst die Abwrackprämie den Autoabsatz? Wohl nicht!

Das Elterngeld steht für ein neues Idealbild von Familie. Nicht Papa bei der Arbeit und Mama am Herd, sondern Vogeleltern, bei denen beide am Nest bauen, und beide ausfliegen, um Würmer für den Nachwuchs zu fangen.

Den konservativen Kreisen in der Union geht das gegen den Strich, allen voran den verbohrten CSU-Vorkämpfern um Christine Haderthauer, die auf Teufel komm raus das Betreuungsgeld einführen wollen. 150 Euro für’s zu Hause bleiben, die noch viel weniger helfen werden, junge Paare und Familien zum Kinderkriegen zu animieren.

Den Traditionalisten kommt Volker Kauder nun entgegen, wenn er ohne Not das Elterngeld zur Disposition stellt. Ein plumper Versuch, vom Reizthema Betreuungsgeld abzulenken, droht es doch zum Dauerbrenner zu werden im Sommerloch des politischen Berlin.

Freilich, es ist ein Fakt: 15.000 Kinder weniger wurden zuletzt geboren als im Jahr zuvor. Doch da drängt sich eher die Frage auf: Wie viele wären es wohl gewesen, wenn es das Elterngeld nicht gegeben hätte? Ich bin mir sicher: Der Rückgang wäre noch viel stärker ausgefallen.

Nicht das Elterngeld gehört also auf den Prüfstand, sondern die schwarz-gelbe Familienpolitik insgesamt! Denn es reicht nicht, dass junge Eltern in den ersten Monaten ohne all zu große finanzielle Einbußen zuhause bleiben können. Kritisch ist doch die Zeit danach, wenn die Rückkehr in den Job ansteht, wenn ein Kita-Platz gebraucht wird oder eine Tagesmutter.

Gerade in westdeutschen Ballungsräumen ist die Kinderbetreuung – insbesondere für Kleinkinder unter drei Jahren – noch immer eine Katastrophe. Und auch an den Schulen sieht es nicht besser aus, Stichwort: Ganztagsschule. Die Nachfrage übersteigt die Anzahl der Plätze oft um ein Vielfaches.

Vereinbarkeit von Familie und Beruf – man kann es bald schon nicht mehr hören. So oft sie gefordert wird, so wenig passiert. Das, lieber Volker Kauder, sollten Sie sich noch einmal anschauen – und vom Elterngeld tunlichst die Finger lassen!

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