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StartseiteLange NachtEin flüchtiges Leuchten04.10.2014

Finnische LiteraturEin flüchtiges Leuchten

Mit dem Motto "Finnland. Cool." setzt der Ehrengast der diesjährigen Frankfurter Buchmesse auf ein altes Vorurteil, dass Finnland nichts zu bieten habe, außer seiner Kälte. Doch die Literaturlandschaft Finnlands ist sehr reich.

Am Mikrofon: Angela Gutzeit und Stefan Moster

Die finnische Schriftstellerin Katja Kettu (picture-alliance / dpa / Ofer Amir / Verlag Galiani Berlin)
Die finnische Schriftstellerin Katja Kettu hat es mit ihrem Roman "Wildauge" auf die finnischen Bestsellerlisten geschafft. (picture-alliance / dpa / Ofer Amir / Verlag Galiani Berlin)
  • Gäste: Ulla-Lena Lundberg, Katja Kettu, Markku Kivinen, Tuomas Kyrö, Philip Teir, Kjell Westö
  • Musik: Tangon Taikaa

Im Gastland der diesjährigen Buchmesse gehört Lesen zum Alltag. In kaum einem anderen europäischen Land werden pro Kopf so viele Bücher produziert wie in Finnland. Und nirgendwo sonst haben öffentliche Büchereien größeren Zulauf. Es scheint, als begünstigten die langen, dunklen Winternächte im Norden das Lesen von Romanen - die übrigens zumeist im Sommer spielen, wenn es so gut wie gar nicht dunkel wird.

Dem lesefreudigen Publikum wird Literatur in gleich zwei offiziellen Landesprachen geboten: Finnisch und Schwedisch. Auch sonst herrscht Vielfalt, mehr als man es bei einem Land mit nur knapp über fünf Millionen Einwohnern vermuten würde. Aber wo Bildung seit jeher großgeschrieben wird und die Kirche schon vor Jahrhunderten gezielt Leseförderung betrieb - wer den Katechismus nicht lesen konnte, durfte nicht heiraten -, steht der Wert des geschriebenen Wortes eben hoch im Kurs.

Die Lange Nacht der finnischen Literatur wird einen – vielleicht flüchtigen, auf jeden Fall aber leuchtenden – Eindruck davon geben, was dieses Leseland heute an Geschichten hervorbringt. Zu Gast sind sechs hochkarätige Autoren, die nicht nur ihren jeweils eigenen Stil pflegen, sondern auch verschiedene Schauplätze bevorzugen:

  • Kjell Westö: Der Finnlandschwede Kjell Westö dringt mit dem psychologischen Realismus seines Romans "Das Trugbild tief" in spannungsgeladene Atmosphäre des Jahres 1938 und in das Seelenleben der Zeitgenossen ein und zeichnet zugleich ein facettenreiches Bild von Helsinki.
  • Katj Kettu: Katja Kettu führt uns in ihrem Roman "Wildauge" in die andere Richtung, nämlich in den äußersten Norden des Landes, wo sie mit überbordender Sprache die Liebesgeschichte einer Hebamme und eines SS-Offiziers im Jahr 1944 schildert.
  • Ulla-Lena Lundberg: In Ulla-Lena Lundbergs fast schon klassisch anmutendem Erfolgsroman "Eis" nehmen die Lebensverhältnisse auf den Åland-Inseln plastische Gestalt an. Vor allem aber führt das Buch vor Augen, wie ein einzelner Mensch eine Gemeinschaft verändern kann.
  • Markku Kivinen: Auch Markku Kivinen geht es um die Unverwechselbarkeit des Einzelnen. Sein Roman "Betongötter" spielt in der Zeit, als auch in Finnland einförmige Wohnblocks aus dem Boden schossen. Die Grundrisse sind überall gleich, aber die Menschen, die darin leben, sind es nicht.
  • Philip Teir: Zu den finnlandschwedischen Newcomern zählt Philip Teir, der in seinem ersten Roman "Winterkrieg" keineswegs den Krieg zwischen Finnland und der Sowjetunion von 1939/40 beschreibt, sondern das Ehe-Schlachtfeld von wohlsituierten Gegenwartsmenschen im urbanen Latte-Macchiato-Gürtel Finnlands.
  • Tuomas Kyrö: Über diese Zone geht Bestsellerautor Tuomas Kyrö weit hinaus, denn sein satirischer Roman "Kunkku" schreibt in einer unnachahmlichen Mischung aus Nonsens und Philosophie nicht nur die Geschichte Finnlands, sondern gleich der ganzen Welt um. Unter anderem erstrahlt Finnland als mustergültige Monarchie mit eigenem Raumfahrtprogramm, in deren Schatten das öde Schweden nur ein Mauerblümchendasein fristet.

Man sieht: Es sind sechs ganz und gar unterschiedliche literarische Temperamente, die in der Langen Nacht der finnischen Literatur in Lesung und Gespräch Auskunft über sich, ihre Bücher und Finnland geben.

Das Gastland Finnland auf der Frankfurter Buchmesse - FINNLAND. COOL. Das ist Lesen lieben lernen. Und Kultur und Bildung erreichbar machen. Mehr auf der Website des Finnland Instituts.

Der finnische Autor Kjell Westöf. (picture-alliance / dpa / Thomas Maier)Der finnische Autor Kjell Westöf. (picture-alliance / dpa / Thomas Maier)

Kjell Westö

Kjell Westö gehört zur schwedischen Minderheit in Finnland. Er ist einer der bekanntesten finnlandschwedischen Autoren, geboren 1961 in Helsinki, wo er heute noch lebt. Er ist vielfach preisgekrönt, unter anderem mit dem Finnischen Literaturpreis für "Wo wir einst gingen", seine Romane sind in zahlreiche Sprachen übersetzt.

Kjell Westö: "Das Trugbild", Roman, Übersetzung von Paul Berf, Paul, 2014, btb
Helsinki zur Zeit des Dritten Reiches: eine unmögliche Liebe und ein ungeheurer Verrat. Als Rechtsanwalt Claes Thune an diesem Morgen zur Arbeit erscheint, ist er zunächst verärgert. Er fragt sich, wo seine Sekretärin bleibt, die stets zuverlässige Matilda Wiik, sein Anker in schwierigen Zeiten, die Frau, die er lieben könnte, hätte er den Mumm, sich über Standesdünkel und Konventionen hinwegzusetzen. Er selbst sieht die Ereignisse rund um das Dritte Reich mit Besorgnis, doch damit vertritt er in der finnischen Gesellschaft zunehmend eine Minderheitenposition. Ein wenig Rückhalt findet er im sogenannten "Mittwochsclub", einer Gruppe von Männern, die sich regelmäßig zum Gedankenaustausch trifft. Dass einer davon ein dunkles Geheimnis hütet, kann Thune nicht wissen. Es ist Matilda Wiik, die davon betroffen ist und die Sache schließlich in die Hand nimmt.

Kjell Westö: "Geh nicht einsam in die Nacht", Roman, Übersetzung von Paul Berf, 2014, btb
So wehmütig und melancholisch wie ein finnischer Tango!
Helsinki, in den bewegten 68ern. Jouni, Ariel und Adriana könnten unterschiedlicher nicht sein und sind doch Freunde. Für eine Weile leben sie eine ménage a trois wie im Film Jules et Jim. Aber dann trennen sich ihre Wege. Jouni geht in die Politik, Adriana wird zunehmend von Ängsten geplagt und Ariel versinkt in seiner Drogensucht und geht nach Stockholm, wo er spurlos verschwindet. 20 Jahre später beginnt ein Mann namens Frank Loman zu recherchieren, was mit den drei Freunden geschehen ist.

Katja Kettu

Katja Kettu, gehört zu einer Gruppe junger Autoren in Finnland, die sich der deutschen Besatzungszeit mit einem neuen, freien Blick nähern.

Katja Kettu: "Wildauge", Roman, Aus dem Finnischen von Angela Plöger. Verlag Galiani Berlin
Eine unmögliche Liebe in einer unmöglichen Zeit. Katja Kettus großer Roman archaisch, sinnlich, erdig, rau. Lappland im Sommer 1944. Als Johannes Angelhurst ihr zum ersten Mal begegnet, ist sie gerade dabei, der Tochter des Schnapshändlers bei einer schweren Geburt zu helfen. Ihr Blick ist so frei und ungestüm fast wie der eines wilden Tieres. Sie ist die Hebamme von Petsamo. Die meisten Dorfbewohner finden sie seltsam und begegnen ihr mit zwiespältigen Gefühlen, weil sie zu viel über das Geheimnis von Leben und Tod weiß. Johannes ist deutscher Offizier, er soll als Fotograf die finnischen Verbündeten porträtieren. "Wildauge" so der Spitzname der Hebamme fühlt sich sofort zu dem schweigsamen Mann in seiner schwarzen Uniform hingezogen. Sie ist sich sicher: Er ist ihr Mann. Überallhin würde sie ihm folgen, so stark sind Bestimmung und Begehren. Und so lässt sie sich, als er in ein Kriegsgefangenenlager abkommandiert wird, dort als Krankenschwester einschleusen. Zwischen beiden entbrennt eine bedingungslose, wilde Leidenschaft. Doch im Lager passieren grauenvolle Dinge. Keiner darf in die Nähe des Kuhstalls, in den die weiblichen Gefangenen gebracht werden. Und Johannes, der den Auftrag bekommen hat, ein riesiges Bassin auszuheben, schüttet immer größere Mengen einer Droge in sich hinein, die ihn stumpf und brutal macht. Katja Kettu nimmt nicht nur ihre Figuren, sondern auch ihre Leser in die Mangel. Ein kantiges, eigensinniges Buch mit einem überbordenden Reichtum an urwüchsigen Bildern und Wendungen.

Ulla-Lena Lundberg

Ulla-Lena Lundberg wuchs als Kind einer Pfarrersfamilie auf Kökar auf. Lundberg begann bereits als Jugendliche zu schreiben und veröffentlichte ihre Erlebnisse von Aufenthalten als Austauschschülerin in den USA und als Studentin in Japan. Seit ihrem Debüt im Alter von 15 Jahren veröffentlichte sie zahlreiche Romane, Hörspiele und Sachbücher und wurde mit einer Reihe von Preisen geehrt.

Ulla-Lena Lundberg: "Eis", Roman, Übersetzung von Karl-Ludwig Wetzig, 2014, mareverlag
So etwas haben die windumtosten Örar-Inseln, ein Archipel abseits der Schiffsrouten zwischen Finnland und Schweden, noch nicht erlebt: Mit der Ankunft ihres neuen Pfarrers Petter Kummel Mitte der 1940er-Jahre bricht für die Inselbewohner eine ganz neue Ära an. Die Fischer und Bauern verfallen der optimistischen, aufgeklärten Ausstrahlung des jungen Pastors, seiner Frau Mona und ihrer kleinen Tochter Sanna ebenso schnell wie umgekehrt die Pfarrersfamilie dem rauen Charme der Landschaft und ihrer Gemeinde. Am liebsten möchten die Kummels für immer bleiben. Doch auf dem Meer und dem Eis, das im Winter die Kirchinsel mit den Höfen verbindet, herrschen unsichtbare, uralte Mächte, für deren Warnungen die Zugezogenen keinen Sinn zu haben scheinen. Mit der Meisterschaft einer großen Erzählerin lässt Ulla-Lena Lundberg ihre Leser am Eheleben von Petter und Mona teilhaben, an Versuchungen, denen der Pastor ausgesetzt ist, an schwelenden Konflikten zwischen den Ost- und den Westdörfern, aber auch am Zusammenhalt einer Gemeinschaft, die für ihre Klatschlust genauso berühmt ist wie für ihren kräftigen Gesang. Der Autorin gelingt das Kunststück, hoch spannend von etwas scheinbar Unspektakulärem zu erzählen: vom Glück, das im Familienleben und in den Dingen des Alltags liegen kann. Wie spektakulär dieses Glück in Wirklichkeit ist, erweist sich am Ende erst durch seine Zerbrechlichkeit. "Von seltener Intensität und Zauberkraft. Ein Klassiker schon jetzt!" (Aikalainen)

Markku Kivinen

Markku Kivinen ist Professor für Soziologie und seit 1996 Direktor des Aleksanteri Instituts der Universität Helsinki für sozial- und kulturwissenschaftliche Studien zu Russland und Osteuropa. Seit 2012 leitet er zudem eines der Exzellenzzentren der Finnischen Akademie zum Thema Entwicklungsmöglichkeiten der russischen Modernisierung.

Markku Kivinen: "Betongötter", Übersetzung von Rosalinde Sartorti, 2014, Secession Verlag für Literatur
Finnland in den 1970er-Jahren. Unweit der Hauptstadt Helsinki entsteht eine Betonsiedlung, in deren Schatten noch die Kühe grasen. Die Türme sollen ein Zeichen sein von Modernität und von Zukunft, sie sind die naive Vision einer besseren und gerechteren Welt. Das ist die Kulisse, in die uns Markku Kivinen führt, ohne diese Welt der Zeitenwende selbst zu beschreiben. Er lässt fünf Typen, vier Jungen und eine Religionslehrerin, erzählen. Im Stil von Tagebucheinträgen verarbeiten sie ihre Erlebnisse, ihre Einsamkeit in der Clique, ihre sexuellen Begierden, ihre Enttäuschungen und über allem die Machtspiele, mit denen sie andere erniedrigen und selbst erniedrigt werden. In den ebenso nüchternen wie ehrlichen Berichten spiegelt sich das pralle Leben der Jugendlichen, immer wieder gebrochen durch die höchst unterschiedlichen Perspektiven der Protagonisten auf die selben Ereignisse. Wie nebenbei entsteht so ein grandios komponiertes Gesellschaftsporträt einer Generation, die mit großen Hoffnungen in ein Leben voller Enttäuschungen aufbrach.

Philip Teir

Der Finnlandschwede Philip Teir gilt als einer der wichtigsten Nachwuchsautoren Finnlands.

Philip Teir: "Winterkrieg", Roman, Aus dem Schwedischen von Alms Thorsten, 2014, Blessing
Der große Gesellschaftsroman aus Finnland: ein zeitloses Bild derer, die alles haben und gerade deshalb nicht glücklich sein können. Max Paul ist Soziologe an der Universität von Helsinki und zugleich erfolgreicher Buchautor. Sein akademisches Steckenpferd sind Sexualität und Ehe - seine eigene Ehe jedoch funktioniert schon lange nicht mehr. Während Max und seine Ehefrau Katriina in eine immer tiefere Krise geraten, hadern auch ihre erwachsenen Töchter mit ihrem jeweiligen Lebensmodell: die Lehrerin und zweifache Mutter Helen genauso wie die Kunststudentin Eva, die mit knapp 30 ihren Platz im Leben noch nicht gefunden hat. Als Eva eine Affäre mit ihrem Dozenten anfängt und Max eine mit einer jungen Journalistin, spitzt sich in einem kalten Winter in Helsinki die Situation der Familie Paul zu. Ein brillant erzählter, psychologisch raffinierter Gesellschaftsroman über eine globale Mittelschicht auf der Suche nach dem Lebenssinn, hin- und hergerissen zwischen dem Streben nach Unabhängigkeit und der Sehnsucht nach Sicherheit.

Tuomas Kyrö

Tuomas Kyrö gehört zu den bekanntesten und vielseitigsten finnischen Autoren der jüngeren Generation. Er hat bereits mehrere Romane veröffentlicht und ist in Finnland auch für seine witzigen Kolumnen und Fernsehauftritte bekannt.

Tuomas Kyrö war in den Jahren 2005 bis 2009 der erste Artist in Residence im Autorenhaus Eeva Joenpelto, dem früheren Wohnhaus der Schriftstellerin, lebte.

Tuomas Kyrö: "Kunkku", Roman, Übersetzung von Stefan Moster, 2014 Hoffmann und Campe
Der Bestsellerautor aus Finnland! Ein begnadeter Satiriker. Wunderbar schräg und jenseits aller politischen Korrektheit erzählt Kyrö in seinem neuen Roman aus dem fiktiven Leben des letzten Königs von Finnland und schreibt nebenbei die Geschichte des 20. Jahrhunderts um. Changierend zwischen Philosophie und Nonsens spottet der Autor genüsslich über Monarchie, Demokratie und Weltgeschehen. Eine großartige Gesellschaftssatire.

Musik: Tanbon Taikaa

Tangon Taikaa ist eine der populärsten Tangobands um den finnischen Sänger Timo Valtonen. Begleitet wird er am Akkordeon von Valentin Butt von den Berliner Philharmonikern, und am Kontrabass bzw. Percussion von Henry Altmann. Die Taikaas treffen den Puls des Publikums auf einem hohen musikalischen Niveau. Die Texte werden vom Sänger Timo Valtonen teils auf deutsch gesungen, oder zu Bandimprovisationen rezitiert.

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