Freitag, 24.11.2017
StartseiteInterview"Diese Eier sind belastet, die müssen vom Markt"04.08.2017

Fipronil im Ei"Diese Eier sind belastet, die müssen vom Markt"

Der Grünen-Politiker Friedrich Ostendorff hat deutliche Kritik an den Behörden im Skandal um belastete Eier geübt. Sie hätten viel zu lange gezögert, sagte er im Dlf. Noch sei völlig unklar, wie gefährlich Fipronil für den Verbraucher sei und wie viele Eier betroffen seien.

Friedrich Ostendorff im Gespräch mit Silvia Engels

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Im Auftrag der niederländischen Lebensmittelkontrollbehörde NVWA werden am 02.08.2017 rund eine Million Eier aus einer Geflügelfarm in Onstwedde (Niederlande) zerstört, weil sie mit dem Insektizid Fipronil verseucht sind.  (dpa-Bildfunk / Huisman Media)
In den Niederlande sind weitere mit Fipronil belastete Eier aufgetaucht. (dpa-Bildfunk / Huisman Media)
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Silvia Engels: Zunächst sah es ja so aus, als ob die Lieferung von Eiern aus den Niederlanden, die mit dem Läusebekämpfungsmittel Fipronil belastet waren, unproblematisch identifiziert und aus dem Markt genommen werden könnten, doch das ist nicht der Fall. Zwölf Bundesländer sind mittlerweile betroffen: drei Millionen kontaminierte Eier. Das betrifft sowohl Eier als auch Boden-, als Freilandhaltung, als auch Bioeier, und am Telefon ist nun Friedrich Ostendorff, stellvertretender Vorsitzender des Bundestagsagrarausschusses von Bündnis 90/Die Grünen. Guten Morgen, Herr Ostendorff!

Friedrich Ostendorff: Guten Morgen, Frau Engels!

"Es hat natürlich viel zu lange gedauert"

Engels: Haben denn die deutschen Behörden in diesem Skandal schnell genug informiert?

Ostendorff: Nein. Es hat natürlich viel zu lange gedauert. Hier muss man deutlich Kritik üben. Angefangen vom Bundeslandwirtschaftsminister, der bis gestern gezögert hat, sich überhaupt zu positionieren; seit gestern nun ein Krisenmanager, gezielt zu spät; das Bundesinstitut für Risikobewertung, was hier in der Pflicht ist, Verbraucherinnen und Verbraucher ausreichend zu informieren über das, was an gesundheitlicher Belastung, an Gefahr da ist, hat abgewiegelt, wie es das leider häufig ist beim Bundesinstitut für Risikobewertung, dass relativiert wird, es könne nur für Säuglinge schädlich sein. Wer weiß denn, welches Ei, welcher Konsument, ob alt, ob jung, zu sich nimmt. Man kann nur sagen, diese Eier sind belastet, die müssen aus dem Markt, meiner Meinung nach, unserer Meinung nach, und das hat das Bundesinstitut wiederum nicht getan, sondern irgendwie Säuglinge, die seien gefährdet. Was soll der Verbraucher damit anfangen.

Engels: Gerade erreicht uns die Meldung, dass der Lebensmitteldiscounter Aldi wegen dieses Fipronilskandals deutschlandweit sämtliche Eier aus dem Verkauf nimmt, also offenbar nicht nur die aus den Niederlanden. Es handele sich dabei um eine reine Vorsichtsmaßnahme. Das teilten Aldi Nord und Aldi Süd mit. Aber bedeutet das, dass man nach wie vor nicht das ganze Ausmaß des Skandals kennt?

Ostendorff: Ja, das bedeutet es. Zufälligerweise habe ich gestern Abend in einer anderen Sache Landwirtschaftsminister Christian Meyer telefoniert, und er sagte mir, dass es auch in Niedersachsen wieder neue Fälle gibt. Also gestern Abend war auch da schon der Stand, dass der Skandal nicht steht, sondern dass es weiterhin neue Befunde gibt. Dort, wo untersucht wird, findet man auch, und die Verbreitung scheint – ich neige nicht dazu, zu skandalisieren –, aber die Verbreitung scheint weit mehr zu sein als das, was bisher so gesagt worden ist, auch vom Bundesinstitut. Auch hier immer wieder die Kritik, dass gesagt wird, es sind ja nur wenige Betriebe. Das wissen wir überhaupt nicht. Vielleicht sind es ganz viel mehr. Hoffentlich nicht, hoffentlich nicht.

Engels: Der niedersächsische Landwirtschaftsminister Meyer – Sie haben es gerade angesprochen – fordert nun, dass das Insektizid in das bundesweite Rückstandsmonitoring für Lebensmittelkontrollen aufgenommen werden muss. Was kann das bringen?

Ostendorff: Dass wir erst mal überhaupt das Geschehen von Fipronil besser beobachten und einschätzen können, weil wir wissen ja gar nichts darüber. Niemand hat ja gewusst, dass hier – ob es die übliche Praxis war, auch das wissen wir nicht, oder einfach kriminelles Tun Einzelner –, dass hier ein harmlos klingendes Mittel – Dega-16 ist ja eine Ätherische-Öle-Mixtur – … dass sie versetzt worden ist mit Fipronil war ja überhaupt nicht deklariert, war ja überhaupt niemandem bekannt. Deswegen müssen wir natürlich alles unternehmen, dass das Geschehen um Fipronil … Möglicherweise gibt es ja auch noch andere Stoffe, die genannt worden sind. Auch das wollen wir nicht hoffen, aber wir müssen uns natürlich jetzt … Die Bundesregierung ist hier gefordert, deutlicher sich dieses Geschehens anzunehmen und zu schauen, was ist mit Fipronil, was könnte da noch sein. Also möglicherweise gibt es ja auch noch ganz andere Stoffe, die verwandt worden sind, wenn man jetzt dieses sieht,  was hier getan worden ist.

Engels: Ist denn mit Blick darauf, dass ja Belgien und Niederlande offenbar die Quellen sind, das europäische Informationssystem über solche Skandale schnell und gut genug?

"Das Warnsystem muss deutlich schneller werden"

Ostendorff: Im Moment noch nicht, aber auch da müssen wir ran. Das Warnsystem muss deutlich schneller werden. Auch hier hat es lange gedauert, bis die Meldungen aus Holland sich verdichteten aus den Niederlanden, aus Belgien, dass da was auf uns zurollt. Dann hieß es erst, das beträfe nur diese Eier mit NL. Da sind wir ja längst drüber hinaus. Wir wissen, dass es auch deutsche Betriebe grenznah im Moment scheinbar … Man spricht ja vom Emsland, von grenznahen Bereichen, die auch dieses Mittel verwandt haben. Aber erst mal muss man sagen, die Betriebe – das will ich auch deutlich sagen –, die es eingesetzt haben, haben das als Ätherische-Öl-Mixtur gekauft. Da war kein Fipronil deklariert. Das war auch niemandem bekannt. Das ist natürlich erst mal so, dass man jetzt nicht sagen, die bösen Bauern. Da würde ich mich sehr vor wahren, zu sagen, die bösen Bauern und Bäuerinnen, die hier versuchen, Verbraucherinnen und Verbraucher zu vergiften. Nein, auch sie sind hinter das Licht geführt worden, auch sie sind uninformiert hereingelaufen. Was sollte man gegen ätherische Öle haben. Das ist ja nichts Gefährliches, sondern das hilft eben auch, diese roten Vogelmilben – um die geht es ja – zu bekämpfen.

"Da kann es um hohe wirtschaftliche Verluste gehen"

Engels: Was kann denn möglicherweise den Landwirten – Sie sprechen es an –, aber auch den Unternehmen, bis hin zu den Verbrauchern, die jetzt Schäden haben, an Kosten entstehen, und wer trägt die?

Ostendorff: Wie die Kosten sind, das muss jeder Betrieb für sich nachweisen. Wer nur von der Produktion von Eiern lebt, hat sicherlich sehr, sehr viele, möglicherweise sehr schnell hunderttausende Eier, die der Betrieb nicht vermarkten kann. Wenn man da einen Preis zugrunde legt – was weiß ich –, 20, 25 Cent, was man erzielen könnte, dann kann man ja sehr schnell sagen, da kann es um hohe wirtschaftliche Verluste gehen.

Engels: Und wer trägt die?

Ostendorff: Erst mal der Betrieb. Wir haben ja noch keine Antworten von irgendeiner Stelle, dass es möglicherweise Hilfen gibt. Man muss auch sagen – auch das lässt sich nicht vermeiden –, Niedersachsen scheint hier deutlich gehandelt zu haben. Man wird mir jetzt vorwerfen, parteipolitisch unterwegs zu sein. Nein, ich sehe das Geschehen. Niedersachsen hat sich sehr schnell warnend geäußert, hat sehr schnell Richtung Bundesminister gefordert, dass hier mehr Information ist. Nordrhein-Westfalen ist Grabesruhe. Da höre ich nichts. Also die Ministerin weilt im Urlaub, hört man, und dann ist scheinbar das Ministerium auch im Urlaub. Das kann ja nicht sein. Das ist kein Verbraucherschutz. Also hier will ich auch sagen, die neue Landwirtschaftsministerin, die mit so viel Werbe gestartet ist, ist hier deutlich gefordert, mehr zu tun.

Engels: Dann schauen wir noch mal kurz auf die Verbraucher: Es sind ja jetzt auf Internetseiten – zum Beispiel www.lebensmittelwarnung.de – die einzelnen Seriennummern der Eier, die ja immer aufgestempelt sind, abgedruckt. Das heißt, damit kann sich der Verbraucher schützen?

Ostendorff: Das ist natürlich mühsam. Wer wird sich denn Mühe-, unter zehn jetzt dieses zu entschlüsseln, den Code. Deswegen macht Aldi ja diesen Schritt scheinbar, um zu sagen, wir können doch jetzt nicht möglicherweise – weiß ich nicht –, hat Aldi zehn, zwölf Herkunftsbetriebe – das weiß ich nicht, wie viele es sind – und sagt, das können wir unseren Verbraucherinnen und Verbrauchern nicht zumuten oder wir auch selber können das nicht, zu sagen, der Betrieb ja, der Betrieb nein, wissen wir, dass das morgen so bleibt, dass es morgen nicht noch ein weiterer ist. Aus reiner Vorsicht – Sie haben es ja eben gesagt –, aus reiner Vorsicht wird es dann vom Markt genommen das Ei. Trifft natürlich auch Betriebe, die möglicherweise sagen, da habe ich überhaupt nichts mit zu tun.

Engels: Na klar. Friedrich Ossendorff war das, stellvertretender Vorsitzender des Bundestagsagrarausschusses von Bündnis 90/Die Grünen. Vielen Dank für das Gespräch heute früh!

Ostendorff: Ja, ich danke auch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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