• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
StartseiteKommentare und Themen der WocheEier im europäischen Sommerloch12.08.2017

Fipronil-SkandalEier im europäischen Sommerloch

Alarmismus im Fipronil-Skandal ist nicht hilfreich, kommentiert Peter Stefan Herbst, Chefredakteur der Saarbrücker Zeitung, im Dlf. Die Liste der Lebensmittelskandale der vergangenen Jahrzehnte sei lang. Ein zentrales Problem sei eine große Empörungswelle nach Bekanntwerden - und schnell nachlassendes Interesse.

Von Peter Stefan Herbst, Saarbrücker Zeitung

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Veterinäramt untersucht Eier auf Rückstände (Guido Kirchner/dpa)
Veterinäramt untersucht Eier auf Rückstände (Guido Kirchner/dpa)
Mehr zum Thema

EU-Kommission Krisentreffen wegen Fipronil-Skandal

Karl-Heinz Florenz (CDU), MdEuP "Die Kommission hat versagt"

Fipronil-Skandal Mehr Fragen als Antworten

Der Skandal um mit Fipronil belastete Eier weitet sich noch aus. Es geht um immer größere Mengen. Immer mehr Länder in der EU sind betroffen. Aber in Deutschland sollen Verbraucher jetzt wieder mit ruhigem Gewissen Eier kaufen können. Wurden die Vorgänge zuerst skandalisiert und dann verharmlost? Wo drohen Gefahren? Wo werden Sie nur herbeigeredet?
 
Warnungen, Rückrufaktionen, Kontrollen und die breite Aufklärung der Verbraucher waren im aktuellen Lebensmittel-Skandal zweifellos richtig und wichtig. Denn Fipronil ist ein Insektengift. Es wird gegen Läuse, Milben und andere Parasiten eingesetzt und darf aus guten Gründen nicht bei Nutztieren verwendet werden. Der Stoff zerfällt nicht beim Kochen oder Backen. Er kann auch in Eiernudeln, Keksen und anderen Lebensmitteln vorkommen, in denen belastete Eier verarbeitet wurden. Weitere Warnungen vor entsprechenden Produkten sind deshalb wahrscheinlich. Beim Menschen kann der Stoff in höheren Dosen zu Übelkeit, Erbrechen und Kopfschmerzen führen. 

Kein Grund, in Hysterie zu verfallen

Doch Alarmismus ist nicht hilfreich. Überzogene Warnungen verstärken die Verunsicherung unnötig. Die Gefahren sind laut dem Bundesinstitut für Risikobewertung vergleichsweise gering. Die aktuell gemessenen Fipronil-Werte in den belasteten Eiern überschreiten nicht die Werte, bis zu denen Lebensmittel ohne erkennbares Risiko aufgenommen werden können. Nach Berechnungen des Instituts könnte ein Erwachsener mit 65 Kilo Körpergewicht sieben Eier aus der höchstbelasteten Charge innerhalb von 24 Stunden essen, ohne den Grenzwert zu überschreiten. Doch wer isst schon mehr als sieben Eier am Tag. Das ist eine völlig unrealistische Menge. Bei Kindern mit geringerem Körpergewicht werden die Grenzwerte allerdings entsprechend früher erreicht. Aber selbst eine Überschreitung des Grenzwertes bedeutet  nicht zwangsläufig eine konkrete Gesundheitsgefährdung, sondern zeigt nach dem derzeitigen Stand des Wissens lediglich an, dass eine gesundheitliche Gefährdung möglich ist. Dies sind keine Gründe, in Hysterie zu verfallen.

Jenseits der Strafverfolgung der Verursacher, muss jetzt vor allem geklärt werden, warum trotz eines europaweiten Frühwarnsystems wichtige Informationen wochenlang auf der Strecke blieben. Hier sind Politik und Behörden gefordert, damit es künftig in solchen und schlimmeren Fällen schneller klappt. Als die Informationen in Deutschland vorlagen, haben diesmal Behörden, Verbraucherzentralen und Händler zumeist vorbildlich reagiert. Die Stempelpflicht der Eier, aus denen sich die Herkunft erkennen lässt, hat sich erneut bewährt. 

Die Verantwortung der Verbraucher

Doch auch Verbraucher sollten bewusster mit Lebensmitteln umgehen. Viele von denen, die sich in den vergangenen Tagen über den Eier-Skandal empört haben, achten beim Einkauf von Lebensmitteln vor allem auf den Preis. Dass er oft eine artgerechte Haltung oder verantwortungsvolle Produktion gar nicht ermöglichen kann, wird ausgeblendet. Allerdings kommen auch viele teurere Bio-Produkte nicht von Höfen aus der Heimat, sondern aus industriell betriebenen Gewächshäusern in Spanien oder sogar aus Asien oder Afrika, wo sich die Einhaltung erforderlicher Standards noch schlechter kontrollieren lassen.  Natürlich können bei  großen Lebensmittelkonzernen und ihren weltweiten Lieferwegen viele Probleme auftreten. Aber auch Landwirte und Händler aus der Nachbarschaft haben schon zu illegalen Zusatzstoffen gegriffen oder Mindesthaltbarkeitsdaten gefälscht. Neben der Lebensmittelkontrolle ist hier auch der kritische Blick jedes einzelnen Verbrauchers gefragt. Je besser er informiert ist, desto wahrscheinlicher dürften ihm Unregelmäßigkeiten und problematische Produkte auffallen.

Östrogene im Kalbfleisch, Frostschutzmittel im Wein, Pestizide im Babyreis, Wurmbefall von Seefisch, krebserregende Farbstoffe in Gewürzen, Antibiotika im Hähnchen oder mit Kunstdünger verlängerter Zucker - die Liste der Lebensmittelskandale der vergangenen Jahrzehnte ist lang. Bei allen Unterschieden haben sie eines gemeinsam: eine große Empörungswelle unmittelbar nach Bekanntwerden und schnell nachlassendes Interesse. Dies ist eines der zentralen Probleme.

 

Peter Stefan Herbst. Chefredakteur Saarbrücker Zeitung (Iris Maurer / Saarbrücker Zeitung)Peter Stefan Herbst. Chefredakteur Saarbrücker Zeitung (Iris Maurer / Saarbrücker Zeitung)Peter Stefan Herbst wurde 1965 in Bonn geboren. Als Redakteur, Kolumnist, Korrespondent und Büroleiter arbeitete er für verschiedene Tageszeitungen. Von 1994 bis 1996 moderierte gemeinsam mit Christiane Gerboth und Jan Hofer die Talkshow "Riverboat" im MDR Fernsehen. Herbst war Chefredakteur der "Dresdner Neuesten Nachrichten" (1995-1999) und der "Lausitzer Rundschau" (1999-2004). Seit 2005 ist  er Chefredakteur der "Saarbrücker Zeitung".                                   

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk