Interview / Archiv /

 

Fischer: Muslime müssen Witze über sich aushalten

"Titanic"-Chefredakteur verteidigt Mohammed-Karikatur auf neuem Titel des Satiremagazins

Silvia Engels im Gespräch mit Leo Fischer

Leo Fischer, Chefredakteur des Satiremagazins Titanic
Leo Fischer, Chefredakteur des Satiremagazins Titanic (picture alliance / dpa / Frank Rumpenhorst)

Man reagiere mit der Mohammed-Karikatur auf dem Titel der neuen "Titanic" wie alle anderen Medien auf ein tagesaktuelles Geschehen, sagt Leo Fischer. Da Muslime Witze über Nichtgläubige machen würden, dürfe man mit gleichen Waffen zurückschlagen, ergänzt der Chefredakteur des Satiremagazins.

Silvia Engels: Nach den jüngsten Protesten gegen ein islamfeindliches Video sowie gegen die Veröffentlichung neuer Mohammed-Karikaturen in einem französischen Satiremagazin bleiben heute französische und wo möglich auch einige deutsche Botschaften in islamischen Ländern geschlossen. Man sorgt sich am Tag der Freitagsgebete vor neuen gewaltsamen Protesten. Mitten in diese Debatte fällt nun die Ankündigung des deutschen Satiremagazins "Titanic", in der kommenden Ausgabe die Themen Mohammed und Islam aufgreifen zu wollen. Der Chefredakteur des Blattes, Leo Fischer, ist nun am Telefon. Guten Morgen, Herr Fischer.

Leo Fischer: Guten Morgen!

Engels: Laut Medienberichten soll ja auf Ihrem künftigen Titel die ehemalige First Lady, Bettina Wulff, gemeinsam mit einem islamischen Krieger mit Turban und Schwert zu sehen sein, das Ganze unter dem Titel "Der Westen in Aufruhr - Bettina Wulff dreht Mohammed-Film". Ist das so?

Fischer: Das ist korrekt.

Engels: Machen Sie den Titel auf jeden Fall, oder machen Sie ihn nicht?

Fischer: Den können wir gar nicht mehr zurückziehen. Der ist am Mittwochabend in Druck gegangen und wir werden den sicher nicht vernichten. Also das ist der Titel!

Engels: Wird es sich dabei um eine Mohammed-Darstellung auf dem Titel handeln oder nicht?

Fischer: Es handelt sich dabei in jedem Fall um eine Darstellung der Bettina Wulff in einem arabischen Umfeld. Wir halten es für möglich, dass Bettina Wulff in ihrem grenzenlosen Geltungsdrang auch auf dieser islamkritischen Welle mitsurft, dass sie den Islam beleidigt. Für ein bisschen Aufmerksamkeit macht diese Frau offenkundig alles, das verurteilen wir aufs Schärfste und wir hoffen, dass wir da in den Muslimen auch Bündnispartner gewinnen.

Engels: Sie sehen es jetzt auf Bettina Wulff gemünzt. Noch mal die Frage: Ist es eine Mohammed-Darstellung auf dem Titel oder nicht, unabhängig von Bettina Wulff?

Fischer: Das wissen wir nicht genau, nicht wahr. Das ist eine Filmszene aus einem potenziellen zweiten Mohammed-Video, das Bettina Wulff zu verantworten hat. Was da genau in ihrer kranken Fantasie abgegangen ist, das will ich gar nicht so genau wissen.

Engels: Sie antworten als Satiriker, als Stilmittel, nicht immer ernsthaft, das ist Teil auch ihres Blattes, das ist auch Teil ihrer Darstellung, und es ist natürlich eine Möglichkeit, als Stilmittel zu verwenden. Wenn Sie sagen, Sie wissen es nicht, ob es eine Mohammed-Darstellung auf dem Titel ist oder nicht, wünschen Sie es sich denn, dass die Darstellung so interpretiert wird?

Fischer: Eigentlich nicht. Die Muslime haben zurzeit sehr viel zu erdulden. Sie haben diesen schrecklichen Film gemacht, überall auf der Welt äußert sich Kritik, die oft aus einem sehr rechten Fahrwasser kommt. Das finden wir nicht in Ordnung. Wenn sich jetzt auch noch Bettina Wulff in diesem Zusammenhang einschaltet, dann ist das Maß des Erträglichen erreicht. Wir hoffen, dass wir die muslimische Welt vor dieser Frau warnen können.

Engels: Sie hätten es sich ja auch sparen können, einen möglicherweise mit Mohammed zu verwechselnden Krieger auf dem Titelbild darzustellen; Sie haben es nicht getan. Warum?

Fischer: Nun, das sind Themen, die uns bewegen. Die Satire ist ein journalistisches Medium, die genauso wie die Tagesschau oder andere Nachrichtenformen auf die tagesaktuellen Geschehnisse reagieren muss. Also es wäre falsch gewesen, darauf nicht zu reagieren.

Engels: Für die meisten gläubigen Muslime ist jede bildliche Darstellung des Propheten Mohammed untersagt, egal ob nun als Karikatur oder als schlichtes Bild. Sie wollen sich nicht festlegen, ob Sie Mohammed darstellen. Liegt das auch daran, dass Sie sich unsicher sind, ob Sie diese letzte Provokation wagen wollen?

Fischer: Nein, darum geht es nicht. Mohammed kann aber selbstverständlich dargestellt werden, insbesondere von Nichtmuslimen. Da es sich um ein religiöses Gebot handelt, müssen sich auch nur religiöse Menschen daran halten. Aber es gibt auch sehr viele islamische Rechtsschulen, die sagen, dass man den Propheten selbstverständlich darstellen kann. Es gibt auch eine reiche, insbesondere persische Tradition der kunsthistorischen Darstellung des Propheten. Also da kommt es darauf an, welchen Imam man fragt.

Engels: Und was tun Sie, wenn viele Muslime nicht so feinsinnig unterscheiden wie Sie, sondern wütend vor der "Titanic"-Redaktion protestieren?

Fischer: Dann werde ich in aller Ruhe erklären, wie dieser Titel gemeint ist, und ich kenne viele Muslime als intelligente, tolerante und liberale Zeitgenossen, die auch mal einen Witz verstehen. Da habe ich keine Bedenken.

Engels: Haben Sie in der Redaktion lange diskutiert, ob dieses Titelbild in der derzeit ja aufgeheizten Situation zu verantworten ist?

Fischer: Nein, da waren wir uns vollkommen einig.

Engels: Gefragt nach dieser geplanten "Titanic"-Veröffentlichung antwortete gestern Außenminister Westerwelle. Er antwortete grundsätzlich, nicht nur auf die "Titanic" gemünzt. Er sagte, "nicht derjenige sei der größere Freigeist, der jetzt aus ganz anderen Gründen Öl ins Feuer gieße." Fühlen Sie sich angesprochen?

Fischer: In einer gewissen Weise fühle ich mich angesprochen. Es freut mich, dass mich Herr Westerwelle als Feingeist kennt und schätzt. Ich würde gerne eine gemeinsame Publikationsstrategie mit dem Außenministerium erarbeiten, Herr Westerwelle kann gerne vorbeikommen, die Inhalte festlegen, die wir in der Redaktion haben. Dann müsste er allerdings auch die Verbreitung des Blattes sicherstellen. Ich könnte mir vorstellen, als Beilage zu außenministeriellen Berichten mit einer Millionenauflage, das würde mich sehr freuen.

Engels: Da ist wieder der satirische Aspekt. Die anderen Gründe, die Westerwelle nannte, könnten ja auch ganz knallhart Umsatzsteigerungswunsch für die "Titanic" sein. Das unterstellen ja Ihnen ohnehin eigentlich viele Beobachter.

Fischer: Das ist völlig absurd. Wir können die Umsätze gar nicht stärker steigern, wir sind eines der reichsten Magazine in Deutschland, schwimmen im Geld und sind an Lesern eigentlich nicht interessiert. Wir haben genug Leser, wir haben eine Auflage von etwa 100.000. Warum wir da jetzt irgendwie billige ökonomische Gründe nachziehen wollen? Nein, es geht uns um Bettina Wulff und ihre vollendete Geltungssucht, das widert uns an.

Engels: Ich habe noch ein weiteres Zitat von Guido Westerwelle, der gestern auch generell zum Stichwort Mohammed-Publikationen sagte, "Meinungsfreiheit ist nicht die Freiheit, Andersgläubige zu beleidigen, zu beschimpfen oder zu verunglimpfen." Haben Sie für sich klar, wo Satire in Verunglimpfung überkippt?

Fischer: Oh ja, das weiß ich selbstverständlich, und auch ich bin dafür, dass Gläubige nicht verletzt werden. Dieses Video "Innocence of Muslims" ist ja ein ziemlicher Schrott. Allerdings müssen Muslime es aushalten, ebenso wie alle anderen Weltanschauungen, dass Witze über sie gemacht werden. Das gehört einfach dazu. Muslime machen auch Witze über Nichtgläubige oder Andersgläubige, es gibt da eine reiche Tradition von Karikaturen im arabischen Raum, insbesondere mit Israel-Bezug, das ist allgemein bekannt. Da muss man schon mit gleichen Waffen zurückschlagen dürfen.

Engels: Was würden Sie, wenn wir beim Stichwort Islam bleiben, nicht auf einen "Titanic"-Titel setzen?

Fischer: Das kann ich so nicht sagen, nicht wahr. Wir reagieren ja nur auf Zeitläufe. Da müsste ich schon einen konkreten Vorschlag haben.

Engels: Jetzt ist ja auch ein Argument von Ihnen, dass es ja immer die Möglichkeit gibt, dieses Blatt von Ihnen einfach gar nicht zu kaufen, einfach nicht zu beachten, genauso wie umgekehrt es ja auch keinen Zwang gäbe, in eine Moschee zu gehen und die Argumente dort zu hören. Das ist ein Argument, aber was sagen Sie, wenn möglicherweise Unbeteiligte von gewaltsamen Protesten betroffen werden, wenn beispielsweise gegen Ihr Titelbild protestiert werden soll?

Fischer: Das ist bedauerlich und natürlich gibt es auch das Recht zum Protest. Aber sollte es zu solchen Ausschreitungen kommen, dann ist das auch etwas, wofür Bettina Wulff zur Verantwortung gezogen werden muss, und ich hoffe, dass Frau Wulff ihrer gerechten Strafe zugeführt wird.

Engels: Der satirische Aspekt kam auch jetzt wieder deutlich heraus. Auf der anderen Seite: Bettina Wulff jetzt mehrfach zu erwähnen in diesem Zusammenhang, wo es eigentlich hier auch natürlich um die Mohammed-Darstellung geht, finden Sie das nicht auf der anderen Seite auch etwas billig?

Fischer: Das ist ein natürlich billiges Argument. Andererseits ist Bettina Wulff in dieser Situation gefordert, sich deutlich von diesem Mohammed-Video zu distanzieren, um weiteres Blutvergießen zu verhindern.

Engels: Und eine Verunglimpfung von Bettina Wulff, wie es möglicherweise mancher interpretieren wird, das nehmen Sie einfach so hin, denn Bettina Wulff muss das hinnehmen Ihrer Ansicht nach?

Fischer: Absolut.

Engels: Das waren Informationen beziehungsweise satirische Einordnungen - im Interview Leo Fischer, der Chefredakteur der "Titanic". Danke für das Gespräch heute Morgen.

Fischer: Bitte schön! Auf Wiederhören!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Interview

Putin und der Westen"Man muss Russland hofieren"

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU, l.) und der russische Präsident Wladimir Putin

Russland versuche derzeit um jeden Preis, dass sein Status als Weltmacht vom Westen anerkannt werde, sagte die Politikwissenschaftlerin Margareta Mommsen im DLF. Der Westen müsste über seinen Schatten springen und betonen, dass der Ukraine-Konflikt nur gemeinsam mit Russland gelöst werden könne.

Besuch im Europaparlament"Dieser Papst spielt eine ganz wichtige Rolle"

Papst Franziskus hat ab dem 5. Oktober zu einer außerordentlichen Bischofssynode eingeladen.

Papst Franziskus spricht am kommenden Dienstag vor dem Europaparlament in Straßburg. Der Besuch sorgt für viel Kritik - Teile der linken Fraktion im Parlament wollen die Rede boykottieren. Doch der deutsche Linke Fabio de Masi sieht das anders: Er hofft, dass der Papst Kritik an der aktuellen EU-Wirtschaftspolitik formulieren wird.

Maria von Welser"Die Gewalt gegen Frauen hat System"

Maria von Welser, Publizistin und stellvertretende Vorsitzende bei UNICEF

Die Vergewaltigung von Frauen sei eine Kriegswaffe, sagte die Publizistin und Autorin Maria von Welser im DLF. Bildung sei weltweit das einzige Rezept, damit Frauen "Gleichwertigkeit, Gleichberechtigung und ein menschenwürdiges Leben" erfahren.

 

Interview der Woche

Bernd Riexinger"Normalisierung der politischen Kultur“

Der Vorsitzende der Partei Die Linke, Bernd Riexinger, steht vor dem Parteilogo am Rednerpult und hebt beide Zeigefinger.

Die bevorstehende Wahl Bodo Ramelows zum Ministerpräsidenten von Thüringen wird nach Einschätzung von Linken-Chef Bernd Riexinger Signalwirkung für andere Bundesländer haben. Für eine rot-rot-grüne Koalition auf Bundesebene sieht er jedoch nur geringe Chancen - SPD und Grünen fehle der Wille zu echten Reformen, sagte Riexinger im DLF.

Klimaschutz-Aktionsprogramm"Eine Ohrfeige für die Klimapolitik"

Simone Peter, Bundesvorsitzende der Partei Bündnis 90/Die Grünen

Die Ko-Vorsitzende der Grünen, Simone Peter, hat das Klimaschutz-Programm von Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) kritisiert. Es fehle an Regelungen zu klimafreundlicher Energieversorgung, sagte sie im Interview der Woche des Deutschlandfunks. Sie erwarte ein klares Bekenntnis zum Kohleausstieg.

Bundesministerien in BonnWowereit fordert Umzug nach Berlin

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) vor dem Brandenburger Tor.

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit fordert, alle noch in Bonn ansässigen Bundesbehörden in die Hauptstadt zu holen. Im Interview der Woche des Deutschlandfunks sagte er, die Arbeitsfähigkeit der Bundesregierung und des Bundestags leide unter der räumlichen Trennung.