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StartseiteForschung aktuellGefahren auf den Wanderstrecken04.09.2014

FledermäuseGefahren auf den Wanderstrecken

Biologie. - Im Herbst ziehen manche Fledermausarten in den wärmeren Süden. Sie fliegen nachts und daher nahezu unbemerkt. Biologen aus Berlin haben sie dennoch beobachtet. Auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Säugetierkunde, der momentan in Gießen stattfindet, stellen sie vor, wie Fledermäuse lange Strecken meistern können, und welche Gefahren dabei lauern.

Von Jochen Steiner

Eine Fledermaus der Art Großes Mausohr wird am 04.09.2012 von einem NABU-Mitglied in einem als Naturschutzgebiet vorgesehenen Abschnitt bei Elbingerode (Landkreis Harz) in der Hand gehalten. Ausgerüstet mit Lampen und Schreibblock gehen jährlich Naturschützer in Sachsen-Anhalt nachts los um Fledermäuse zu zählen und zu beringen. Von den 21 in Sachsen-Anhalt nachgewiesenen Fledermausarten kommen im Harz 12 Arten der streng geschützten Säugetiere vor. (picture alliance / dpa / Matthias Bein)
Auch das Große Mausohr zählt zu den wanderfähigen Fledermausarten (picture alliance / dpa / Matthias Bein)
Weiterführende Information
(Deutschlandfunk, Umwelt und Verbraucher, 25.04.2014)
(Deutschlandradio Kultur, Radiofeuilleton - Wissenschaft und Technik, 15.02.2014)
Deutschlandradio Kultur, Radiofeuilleton - Wissenschaft und Technik, 27.07.2013)

"Der Zug der Fledermäuse ist ein äußerst interessantes Phänomen, was kaum beobachtet wird und in der Gesellschaft eigentlich gar nicht erkannt wird. Das liegt daran, dass Fledermäuse sehr kryptisch sind, also versteckt leben. Und ich finde es immer sehr spannend, Dinge zu beobachten, die andere Menschen noch nicht gesehen haben und deswegen hat mich diese Fledermaus-Migration besonders angezogen."

Aber nicht alle Arten ziehen, erklärt Christian Voigt vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin.

"In Europa sind es besonders diejenigen Arten, die ihr Sommerquartier in Baumhöhlen haben. Und es ist natürlich leicht verständlich, dass man in Baumhöhlen im Norden zum Beispiel Europas nicht überwintern kann, weil einfach diese Baumhöhlen durchfrieren. Das heißt, diese Arten müssen dann Richtung Süden ziehen, um dann in Frankreich oder klimatisch günstigeren Gebieten wie dem Rheingraben in Baumhöhlen zu überwintern."

Die Art mit der längsten Flugstrecke ist die gerade einmal acht Gramm leichte Rauhautfledermaus, die vom Baltikum nach Südfrankreich etwa 1900 Kilometer zurücklegt. Wie schaffen das die Tiere?

Christian Voigt: "Bei Fledermäusen fanden wir heraus, dass Fledermäuse während des Zugs tatsächlich Insekten jagen und diese Insekten nutzen, um ihren Zug damit zu befeuern quasi, als Brennstoff nutzen und das Fett einfach aufheben für ihren Winterschlaf. Denn im Gegensatz zu Vögeln müssen Fledermäuse natürlich noch den Winterschlaf halten und deswegen können sie nicht einfach so das Fett verbrennen."

Außerdem können die fliegenden Säugetiere noch auf eine besondere Fähigkeit zurückgreifen.

""Fledermäuse der gemäßigten Breiten gehen regelmäßig in den Torpor. Und das heißt, sie reduzieren ihre Körpertemperatur am Tag und sparen dadurch sehr viel Energie. Und das machen auch die migrierenden Fledermäuse, wenn sie irgendwo Halt machen, in einer Baumhöhle sich verkriechen, dann senken sie ihre Körpertemperatur und werden dann sehr immobil. Aber das hilft ihnen, wirklich große Mengen an Energie zu speichern und deswegen können sie potenziell auch sehr, sehr weite Strecken zurücklegen."

Zehn bis zwölf Fledermäuse sterben pro Windanlage

Welche Routen die kleinen Tiere genau einschlagen, ist noch nicht geklärt. Christian Voigt fängt mit seinen Kollegen deshalb regelmäßig ziehende Fledermäuse, etwa in Lettland. Die Biologen beringen die Tiere und lassen sie wieder frei. Gehen sie Forschern an anderer Stelle erneut ins Netz, können sie ihre Wanderwege rekonstruieren. Soviel ist bereits klar: Viele dieser Fledermäuse passieren auch Deutschland. Aber nicht alle überleben das. Windkraftanlagen können für sie zur tödlichen Falle werden.

"Man schätzt, dass ungefähr zehn bis zwölf Fledermäuse pro Windkraftanlage und pro Jahr versterben. Und wenn man bedenkt, dass wir inzwischen 26.000 Anlagen, Windkraftanlagen auf dem Festland haben, dann rechnet sich so eine Zahl relativ schnell sehr hoch. Und das ist bedenklich, denn wir haben es mit geschützten Tieren zu tun und auch mit bedrohten Arten."

Eine Haupttodesursache ist die Kollision mit solch einer Anlage.

"Sie treffen also auf ein Rotorblatt, und können dem gar nicht ausweichen, weil diese Rotorblätter mit so großer Geschwindigkeit von der Seite kommen, dass sie das gar nicht sensorisch erfassen können."

Eine weitere Todesursache ist das sogenannte Barotrauma.

"Dieses Barotrauma entsteht dann, wenn die Tiere in den Einzugsbereich der Verwirbelungen kommen, die sich hinter den Windkraftanlagen bilden. Und diese Druckschwankungen sind so stark, dass die Blutgefäße platzen und letztendlich zum Beispiel der Brustkorb dann vollläuft mit Blut oder aber die inneren Organe zerrissen werden. Diese Tiere fallen dann zu Boden, äußerlich sind sie völlig intakt, aber sie sind innerlich verblutet."

Voigt und sein Team haben mit Hilfe der Isotopenuntersuchung an Haaren von in Deutschland verunglückten Fledermäusen deren Herkunft bestimmen können: Drei Viertel kamen aus der Nähe der Windkraftanlagen, aber immerhin ein Viertel aus osteuropäischen Ländern. Diese Tiere sind besonders geschützt. Christian Voigt fordert, die Anlagen kurzzeitig abzuschalten, wenn die Fledermäuse unterwegs sind. Das werde stellenweise schon gemacht, aber noch nicht an allen Orten mit starkem Fledermausverkehr.

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