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StartseiteUmwelt und VerbraucherTierquälerei in ostdeutschen Schweinebetrieben10.12.2013

FleischindustrieTierquälerei in ostdeutschen Schweinebetrieben

Schweine liegen eingepfercht in einem Gittergestell, das keine Bewegung mehr zulässt, grelles Licht beleuchtet den Stall rund um die Uhr, tote Ferkel bilden einen Leichenhaufen: Diese schockierenden Bilder haben Tierschützer in Mastbetrieben in Ostdeutschland aufgenommen. Nun haben sie die Betriebe angezeigt.

Von Christoph Richter

Ferkel liegen auf der Grünen Woche 2009 in Berlin unter einer Wärmelampe. (AP)
In vielen Schweinemastbetrieben in Ostdeutschland sehen Tierschützer problematische Haltungsbedingungen. (AP)
Weiterführende Information

In den illegal gefilmten Aufnahmen aus der Tierzuchtanlage in Sandbeiendorf bei Magdeburg – die Tierschützern von Animal Rights Watch zugespielt wurden und Deutschlandfunk einsehen konnte - sieht man Tausende, regelrecht eingepferchte und fixierte Schweine. Apathisch liegen sie in viel zu kleinen Metall-Buchten, in denen sich die Tiere kaum bewegen, nicht mal ihre Gliedmaßen ausstrecken können. Stroh gibt’s keines, stattdessen vegetieren die Schweine auf nacktem Betonboden in verdreckten Ställen aus DDR-Zeiten, die Futtertröge sind voller Schmutzwasser. Viele der überzüchteten Ferkel können nicht mal stehen, die Beine rutschen immer wieder zu Seite. Selbst für die Tierschützer von Animal Rights Watch, die ungenannt bleiben wollen, sind das erschreckende Bilder:

"Ich bin nach wie vorher entgeistert, dass es so was in Deutschland geben darf. Weil da leiden einfach Tausende Tiere jeden Tag erheblich."

Weshalb man die Betreiber der sachsen-anhaltischen Anlage in Sandbeiendorf wegen gravierender Verstöße gegen die Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung und das Tierschutzgesetz angezeigt habe.

"Wenn man sieht, dass in einer Halle Hunderte von Sauen fixiert sind und sich da wochenlang nicht bewegen können, dann merkt man, dass sie in unserem Wirtschaftssystem, nicht als fühlende Individuen gelten, wie wir es zuhause mit unserem Hund machen, sondern nur als Produktionsfaktoren und Ware."

Verantwortlich für die Sandbeiendorfer Anlage ist die aus Utrecht stammende Familie van Gennip, sie gehört zu den größten Schweinezüchtern Deutschlands. Laut Bundesanzeiger werden im sachsen-anhaltischen Sandbeiendorf 62.000 Schweine gehalten. Mit den Vorwürfen, dass man nicht mal die Mindeststandards der Schweinehaltung beachte, kann der Betriebsleiter Jan Groen nichts anfangen.

"Ich denke, dass die Vorwürfe nicht gerecht sind, und dass wir nach den Vorschriften handeln. Und wenn wir nicht nach den gesetzlichen Vorschriften handeln, ist das mit dem Veterinäramt vereinbart."

Unangemeldete Kontrollen durch Veterinärämter

Für die grüne Landtagsabgeordnete Dorothea Frederking ist das völlig unverständlich, sie verlangt einen Umbau der gesamten Landwirtschaft Sachsen-Anhalts. Die Vorwürfe der Tierschützer kommen aber nicht überraschend, sagt sie. Denn Sachsen-Anhalt sei für die Massentierhalter ein geradezu paradiesisches Billiglohnland. Hier würden die Gehälter deutlich unter dem Mindestlohn liegen, die Gülle muss nicht teuer entsorgt, sondern kann auf die umliegenden Felder gebracht werden.

"Dass Bewusstsein in unseren Behörden muss sich wirklich ändern, dass unsere Behörden auch wirklich erkennen, welche Gefahren von diesen Megamastanlagen auch ausgehen. Zum einen leben die Tiere unter erbärmlichen Bedingungen, zum anderen imitieren diese Anlagen schädliche Keime, multiresistente Keime, die wirklich nachteilig sind für die Menschen. Durch die Gülle-Ausbringung sind auch die Böden und Gewässer belastet."

Wegen der jetzt bekannt gewordenen Zustände in den Schweinezuchtanlagen von Sandbeiendorf hat das zuständige Veterinäramt des Landkreises Börde erst kürzlich eine unangemeldete achtstündige Kontrolle vorgenommen. Zu den Ergebnissen will man aber nichts sagen, auch wegen des schwebenden Verfahrens gegen die Betreiber. Es war jedoch zu erfahren, dass die van Gennip Tierzuchtanlagen GmbH gegen gesetzliche Vorschriften verstoßen haben, weshalb bereits ein Zwangsgeld erhoben wurde. Genauere Details wollte Pressesprecher Detlef Thiel vom sachsen-anhaltischen Landwirtschaftsministerium nicht sagen; gesteht aber, dass die großen Tierbetriebe letztlich zu selten kontrolliert würden, dass die sachsen-anhaltischen Veterinärämter schlicht überfordert seien.

"Es gibt immer Grenzen. Man könnte immer sagen, liebe Leute ihr müsst mehr kontrollieren. Aber mehr Kontrollen sind oft nicht machbar."

In den Augen der Tierschützer von Animal Rights Watch ein Offenbarungseid. Deren rechtswidrige Praktiken jetzt vermehrt in Kritik geraten. So sagte Christoph Oltmanns vom Mitteldeutschen Schweinezuchtverband gegenüber dem Deutschlandfunk, dass die Tieraktivisten lediglich Stimmung gegen große Tier-Betriebe machen und bezeichnete die Vorwürfe der Tieraktivisten von Animal Rights Watch als eine grob fahrlässige Verallgemeinerung, die die Branche zunehmend verunsichern würden.

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